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Trump dreht Anthropic-KI den Saft ab – mit Folgen für Europa

Fabian Peters
Bild: DepositPhotos

Die US-Regierung hat Anthropic angewiesen, den Zugang zu seinen leistungsstärksten KI-Modellen zu sperren. Auslöser war offenbar ein Hinweis von Amazon-Chef Andy Jassy auf eine Sicherheitslücke. Inzwischen gibt es auch Hinweise auf chinesische Zugriffe auf eines der Modelle. Anthropic kritisiert jedoch das Vorgehen der US-Regierung. Für Europa legt der Vorfall derweil eine unbequeme Wahrheit offen: Wer bei KI von US-Anbietern abhängig ist, kann über Nacht den Zugang verlieren. Eine kommentierende Analyse.

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Warum die US-Regierung Anthropic seine KI-Modelle abschalten ließ

  • Nach einer Anordnung der US-Regierung hat Anthropic den Zugang zu seinen neuen Top-KI-Modellen gekappt. Das Unternehmen teilte in einem Statement mit, dass aus Behördenkreisen die Anordnung erfolgte, den Zugang zu den Modellen Fable 5 und Mythos 5 für alle Nicht-Amerikaner zu unterbinden. Als Grund wurde auf eine nicht näher genannte Bedrohung der nationalen Sicherheit verwiesen. Da es technisch nicht möglich gewesen sei, einzelnen Nationen den Zugang zu blockieren, hat das Unternehmen weltweit den Stecker gezogen. Anthropic zufolge habe die Regierung Kenntnis über eine Methode erlangt, mit der Beschränkungen in der KI-Software ausgehebelt werden können.
  • Wie das Wall Street Journal berichtet, soll ein Telefonat Auslöser für die Sperre gewesen sein. Demnach habe Amazon-Chef Andy Jassy US-Finanzminister Scott Bessent und andere Regierungsvertreter angerufen und auf ein technisches Problem hingewiesen. Forscher des Unternehmens sollen herausgefunden haben, dass eine bestimmte Abfolge von Prompts die KI-Modelle von Anthropic dazu bringen könne, sicherheitsrelevante Informationen preiszugeben. Was offenbar zunächst als Warnung gedacht war, löste eine Kettenreaktion aus. US-Präsident Donald Trump hat die Maßnahme offenbar sogar persönlich abgesegnet – trotz interner Bedenken wegen wirtschaftlicher Schäden.
  • Nur wenige Tage nach der angeordneten Sperre kamen weitere Details ans Licht. Wie das US-Magazin Semafor unter Berufung auf einen Insider berichtet, soll nicht nur der angebliche Jailbreak hinter der Anordnung der US-Regierung stecken. Es gebe vielmehr Hinweise darauf, dass eine Gruppe mit Verbindungen zur chinesischen Regierung Zugriff auf Claude Mythos hatte. Eine offizielle Bestätigung steht zwar aus. Allerdings würde das erklären, warum zwei KI-Modelle gesperrt wurden. Die bislang bestätigte Sicherheitslücke soll nämlich nur Fable 5 betreffen.

Was die Anthropic-Sperre für Europa bedeutet

Die US-Sperre von Anthropic wirkt wie ein geopolitischer Stresstest für Europas Digitalpolitik. Nur leider ist er keine Übung. Ausgerechnet Anthropic hatte bei der Vorstellung seines Mythos-Modells selbst darauf hingewiesen, dass dessen Fähigkeiten missbraucht werden könnten, etwa um Sicherheitslücken in Software aufzuspüren. Doch was als gut gemeinte Warnung vor realen Risiken begann, ist zu einem Argument für einen globalen Zugriffsstopp geworden.

Die Frage lautet nicht einmal zwangsläufig, wie gefährlich die Technologie ist, sondern wer darüber bestimmen darf, wer sie nutzen kann. Für Europa legt der Vorgang eine unangenehme Abhängigkeit offen. Denn: Bei den leistungsfähigsten KI-Modellen stammt die entscheidende Infrastruktur überwiegend aus den USA. Doch: Wenn eine politische Entscheidung in Washington ausreicht, um Forschern, Unternehmen oder Behörden in Europa den Zugang zu wichtigen Werkzeugen zu entziehen, wird aus einem Technologiethema plötzlich eine Frage der Souveränität.

Die Sehnsucht nach eigenen europäischen Spitzenmodellen ist deshalb nicht nur eine industriepolitische Vision, sondern auch der Wunsch nach nüchterner Schadenbegrenzung. In Brüssel wächst daher die Sorge, dass nicht nur KI-Systeme, sondern auch Cloud-Dienste, Chips und digitale Infrastrukturen künftig als geopolitischer Hebel eingesetzt werden könnten.

Das geplante europäische Souveränitäts-Paket ist daher mehr als ein weiteres Strategiepapier. Die eigentliche Bewährungsprobe wird sein, ob Europa diesmal schneller handelt, als es neue Abhängigkeiten analysiert. Denn digitale Eigenständigkeit lässt sich nicht herunterladen. Jemand muss sie entwickeln.

Stimmen

  • Nachdem sich Anthropic über das Vorgehen der US-Regierung aufgrund mangelnder Transparenz und einer zu kurzen zeitlichen Handlungsfrist beschwert hatte, entgegnete Pentagon-Sprecherin Kirsten Davies in einem Beitrag auf X (ehemals Twitter): „Wir stehen voll und ganz hinter @POTUS und @SecWar, wenn es darum geht, der nationalen Sicherheit und der Sicherheit unserer Soldaten, unserer Partner im Verteidigungs- und Sicherheitsbereich, kritischer Infrastrukturen sowie unserer internationalen Partner und Verbündeten Vorrang einzuräumen. Manche Dinge sind einfach wichtiger als Umsatzzyklen, Clickbait und Bewertungen vor dem Börsengang. Amerika zuerst. Immer.“
  • Ralf Wintergerst, Präsident des Digitalverbands Bitkom, in einem Statement: „Deutschland und Europa sind beim Zugang zu den stärksten KI-Modellen vom Wohlwollen der US-Regierung abhängig, das hat die überraschende Anordnung am Wochenende mehr als deutlich gemacht. Dies hat unmittelbar Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit unserer klassischen Industrien und unserer Verwaltungen und beeinträchtigt auch unsere Sicherheit und zum Beispiel die Exzellenz unserer Wissenschaft. Mehr denn je muss es jetzt darum gehen, Deutschland und Europa digital souverän zu machen. Digitale Souveränität und eigene KI-Kompetenzen gehören mit an die Spitze der politischen Prioritäten.“
  • Auch Rasmus Rothe, Vorsitzender des KI-Bundesverbands, schlägt in einem LinkedIn-Statement in eine ähnliche Kerbe: „Was wir gestern erlebt haben, ist keine Überraschung, es ist die Quittung für Jahre des Zögerns. Die US-Regierung hat bewiesen, was wir seit 2021 sagen: KI ist strategische Infrastruktur. Wer sie nicht selbst kontrolliert, wird von anderen kontrolliert. Wir fordern keinen weiteren Strategieprozess. Wir fordern einen Gipfel. Jetzt.“

Börsengang, Geopolitik und Souveränität: Was auf dem Spiel steht

Für Anthropic kommt die Anordnung der US-Regierung zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Das Unternehmen hatte erst vor wenigen Wochen vertrauliche Unterlagen für einen Börsengang eingereicht und muss sich nun vor seinen Investoren rechtfertigen und erklären, warum zwei seiner wichtigsten KI-Modelle über Nacht vom Markt verschwunden sind.

Anthropic selbst bewertet den mutmaßlichen Auslöser der Sperre derweil deutlich weniger dramatisch als die US-Behörden. Es habe sich lediglich um eine begrenzte Möglichkeit gehandelt, die KI bei der Analyse und Korrektur bestimmter Programmcodes einzusetzen. Ob daraus tatsächlich eine nationale Sicherheitsbedrohung entstanden ist oder hätte entstehen können, ist fraglich.

Gleichzeitig reiht sich die Anordnung von Trump in eine längere Konfliktgeschichte ein. Denn Anthropic hatte sich wiederholt gegen eine Nutzung seiner Systeme in autonomen Waffensystemen und für Massenüberwachung gestellt und sich damit mächtige Gegner in Washington geschaffen. Zwar gibt es derzeit keine belastbaren Hinweise darauf, dass die aktuelle Sperre politisch motiviert ist. Aber der Fall zeigt, wie eng wirtschaftliche Interessen, Sicherheitsfragen und staatliche Eingriffe im KI-Zeitalter miteinander verflochten sind.

Sprich: Wer die Modelle kontrolliert, kontrolliert zunehmend auch die Spielregeln. Die Folgen reichen zudem weit über Anthropic hinaus. Denn Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Verwaltungen bauen ihre Prozesse immer stärker auf leistungsfähigen KI-Systemen auf. Fällt der Zugang plötzlich weg, entstehen nicht nur technische, sondern auch wirtschaftliche Schäden – und zwar sowohl für inländische als auch ausländische Nutzer.

Genau deshalb beobachtet die EU-Kommission die Entwicklung aufmerksam und verweist erneut auf die Notwendigkeit technologischer Souveränität. Die Lehre könnte sein, dass KI längst keine gewöhnliche Software mehr ist. Sie entwickelt sich zur strategischen Infrastruktur – und damit zu einer Ressource, die in Krisenzeiten ebenso umkämpft sein kann wie Energie, Rohstoffe oder Handelsrouten.

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Fabian Peters ist seit Januar 2022 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Redakteur und freier Autor tätig. Er studierte Germanistik & Politikwissenschaft an der Universität Kassel (Bachelor) und Medienwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin (Master).
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