Erst Mario Voigt, dann Digitalminister Karsten Wildberger: Innerhalb weniger Tage gerieten gleich zwei Spitzenpolitiker unter Verdacht, Reden und Gastbeiträge weitgehend mithilfe von KI verfasst zu haben. Die Fälle werfen eine grundsätzliche Frage auf: Wo endet legitime KI-Unterstützung und wo beginnt politische Täuschung? Eine kommentierende Analyse.
Politiker nutzen KI: Die Fälle Wildberger und Voigt
- Laut einer Recherche der Zeit (€) deutet vieles darauf hin, dass Digitalminister Karsten Wildberger offenbar mehrere Reden und Gastbeiträge für große Zeitungen mithilfe Künstlicher Intelligenz erstellt hat. Die Analyse wurde mit dem KI-Detektor Pangram durchgeführt, der als relativ zuverlässig gilt. Demnach soll ein Artikel unter Wildbergers Namen im Handelsblatt nahezu vollständig von einer KI stammen. Ein Beitrag, den die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) veröffentlicht hat, sei überwiegend mithilfe Künstlicher Intelligenz erstellt worden. Auch eine Rede in Washington im Juli 2024 soll komplett von einer KI stammen, mehrere Reden im Bundestag zu großen Teilen.
- Nur wenige Tage vor den Wildberger-Enthüllungen hat eine Debatte um den thüringischen Ministerpräsidenten Mario Voigt (CDU) bereits die Nutzung von KI auf höchster politischer Ebene befeuert. Aufgrund von Hinweisen, dass ein Gastbeitrag von Voigt mithilfe Künstlicher Intelligenz generiert wurde, hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung den publizierten Artikel wieder offline genommen. Das Portal Frag den Staat hatte zuvor recherchiert, dass mehrere Texte und Reden von Mario Voigt womöglich einen KI-Hintergrund haben.
- SPD-Politiker Tiemo Wölken hatte bereits Anfang 2023 im Europäischen Parlament eine Rede gehalten, die er ChatGPT hat schreiben lassen. Pikant: Während der gesamten Redezeit hat offenbar niemand im Plenarsaal bemerkt, dass es sich um einen KI-generierten Text handelt. Erst am Ende löste der SPD-Politiker auf: „Danke an ChatGPT.“ Wölken wollte damit laut eigenen Angaben auf die Risiken Künstlicher Intelligenz aufmerksam machen.
Wann KI-Nutzung in der Politik zum Problem wird
Der eigentliche Skandal ist nicht, dass Politiker oder Journalisten KI nutzen, sondern wie sie sie nutzen. Als Assistent ist Künstliche Intelligenz ein legitimes Werkzeug – ähnlich wie Redenschreiber, Lektoren oder Recherchehilfen. Problematisch wird es aber, wenn KI nicht mehr unterstützt, sondern ersetzt. Besonders bei Zitaten, Quellen oder vermeintlichen Tatsachen gilt: Wer Verantwortung für einen Text trägt, muss ihn auch überprüfen.
Wer das nicht tut, delegiert politische Verantwortung an einen Wahrscheinlichkeitsrechner. Hinzu kommt ein zweites Problem: Schlechte KI-Texte sind nicht nur langweilig, sie beschädigen auch Debatten. Wenn Reden und Gastbeiträge in einem sterilen KI-Bürokratendeutsch daherkommen, bleibt viel heiße Luft in geschliffenen Formulierungen zurück. Politik lebt jedoch von Haltung, Zuspitzung und Verständlichkeit. Wer aber alles nach „strategischer Transformation resilienter Zukunftsräume“ klingen lässt, sagt vor allem eines: nichts.
Die Messlatte sollte deshalb nicht lauten, ob KI eingesetzt wurde, sondern ob das Ergebnis überzeugt und überprüft wurde. Wer maschinell generierte Texte ungeprüft übernimmt, riskiert Fehler, Halluzinationen und einen Vertrauensverlust. Und manchmal wäre die bessere Lösung tatsächlich die einfachste: keine KI. Denn Authentizität ist in der politischen Kommunikation schließlich keine technische Spielerei, sondern ein knappes Gut.
Stimmen
- Ein Sprecher des Bundesdigitalministeriums bestätigte gegenüber der Zeit (€): „Ja, auch Bundesminister Karsten Wildberger nutzt KI als Arbeitswerkzeug. Die genannten Texte wurden mit Unterstützung von KI erarbeitet. Eine gesonderte Offenlegung gegenüber den Redaktionen erfolgte nicht – weil Minister Wildberger KI als unterstützendes Arbeitsmittel betrachtet, über dessen Nutzung man nicht anders Rechenschaft ablegt als über Textverarbeitung, Recherchetools oder redaktionelle Unterstützung.“
- Der Erfurter KI-Experte und Politikwissenschaftler Thorsten Thiel hält vor allem eine mögliche Verwendung nicht verifizierbarer oder erfundener Zitate für bedenklich, so wie es bei Mario Voigt der Fall sein könnte: „Das ist problematisch. Das zeugt von äußerst schlechtem Handwerk.“ Grundsätzlich sei der Einsatz von KI als Assistent aber legitim: „Dass diese Art von Reden assistiert geschrieben werden, scheint mir der Normalfall zu sein. Dafür gibt es ja auch Redenschreiber. (…) Das scheint mir kein Drama zu sein.“ Thiel warnt zudem vor einem „Jagdfieber“ nach vermeintlichen Plagiaten: „Das Jagen mit Tools ist definitiv gefährlich, weil das erzeugt permanent ein Verdachtsmodell. (…) Politik muss sich da professionalisieren, um die Gefahr der Skandalisierung etwas zu dämpfen.“
- EU-Abgeordneter und SPD-Politiker Tiemo Wölken damals zu seinem ChatGPT-Experiment im Europäischen Parlament: „Ich will darauf hinweisen, welche Gefahren von unregulierten #KI-Systemen für unsere Gesellschaft ausgehen. Denn gerade, dass man kaum merkt, dass meine Rede von einer KI geschrieben wurde, ist problematisch. Die KI ist quasi unsichtbar, macht aber Fehler. ChatGPT ist wie andere KI-Modelle abhängig von seinen Datensätzen. Die sind aber häufig fehlerbehaftet oder biased. Die Filter von ChatGPT lassen sich leicht umgehen. Z.B. bekommt man ChatGPT dazu, männliche schwarze Kinder als entbehrlich zu bewerten. Das ist inakzeptabel!“
Zwischen KI-Kontrolle und digitaler Hexenjagd
Ob im Journalismus oder in der Politik: Die Debatte um den Einsatz von KI beginnt erst. Genauso wie das Jagdfieber – mit berechtigten, aber womöglich auch unsachlichen Aspekten. Denn: Wer KI verstehen will, muss sich vor Augen führen, dass sie Antworten und Entscheidungen anhand von Daten und Mustern trifft.
Gedankenstriche und gewisse Interpunktionen sind jedoch seit jeher ein beliebtes Stilmittel – vor allem im Journalismus. Und: Wen wundert es da schon, dass KI solche Muster kopiert? Ich werde die KI-Debatten zumindest nicht in mein Schreiben reinreden lassen.
Indes: Ich halte es in einem gewissen Maße für legitim, sich Texte sortieren, vorformulieren oder visualisieren zu lassen – eigene Gedanken, Nachbearbeitung und Überprüfung vorausgesetzt. Vollständig von KI verfasste Gastbeiträge oder Reden sind aber ein absolutes No-Go.
Redaktionen sollten deshalb transparente Standards festlegen. Das gilt auch für die politische Kommunikation. Denn die Wahrheit ist: Viele KI-Nutzer schaden sich am Ende vor allem selbst, wenn sie die Kontrolle über ihre eigenen Texte aus der Hand geben. Oder: Wer sich von einer Maschine die Stimme leihen lässt, läuft Gefahr, seine eigene zu verlieren.
Weitere Fälle werden wahrscheinlich folgen – in der Politik genauso wie im Journalismus. Dort kursieren entsprechende Verdachtsmomente schon länger. Allerdings sollte die neue Aufmerksamkeit nicht in eine digitale Hexenjagd umschlagen. Denn: Wo vorschnell KI-Algorithmen über eine KI-Urheberschaft urteilen, können schnell Skandale konstruiert werden, die gar keine sind.
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