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Kein Bock mehr auf Social Media: Warum fast jeder Zweite seine Apps löscht

Fabian Peters
Bild: DepositPhotos

Immer mehr Menschen kehren Social Media aufgrund digitaler Erschöpfung den Rücken. Laut einer aktuellen Analyse hat fast jeder Zweite schon einmal eine App gelöscht, weil sie Stress oder Angst ausgelöst hat. Kein Wunder: Die Plattformen tun alles dafür, ihre Nutzer mit psychologischen Tricks in einer Endlosschleife aus Likes, Benachrichtigungen und der Angst, etwas zu verpassen, gefangen zu halten. Eine kommentierende Analyse.

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Studie: 55 Prozent schränken Social Media bewusst ein

  • Immer mehr Nutzer empfinden die Pflege ihrer Accounts in den digitalen Medien als belastende Arbeit und Stressfaktor und reduzieren deshalb ihre Aktivitäten. Das ist das Ergebnis einer Analyse des Datendienstleisters Incogni, der sich mit dem Phänomen der digitalen Erschöpfung befasst hat. In einer repräsentativen Stichprobe wurden 1.000 Menschen in den USA befragt. 55 Prozent von ihnen gaben an, ihre aktive Teilnahme in den digitalen Medien eingeschränkt zu haben.
  • Laut Incogni bejahten 47 Prozent der Befragten, dass sie eine Social-Media- oder Messaging-App schon einmal gelöscht haben, weil diese Stress oder Angstzustände bei ihnen ausgelöst habe. Bei den jüngeren Generationen sei dieses Muster stärker ausgeprägt. Der Studie zufolge tragen auch eine politische Polarisierung und Datenschutzbedenken zur Abkehr bei. Das Verfolgen von Konversationen, das Beantworten von Nachrichten und die Entscheidungen darüber, was gepostet wird oder nicht, werden von 51 Prozent als zusätzliche Arbeit oder Belastung empfunden.
  • Einer repräsentativen Umfrage der Internationalen Hochschule IU zufolge befindet sich auch Deutschland im digitalen Dauerstress. 81 Prozent der Befragten sagten etwa, mindestens einmal pro Stunde aufs Smartphone oder auf ähnliche Geräte zu schauen. Knapp die Hälfte davon gab an, Angst davor zu haben, etwas zu verpassen, wenn sie offline sind. Eines der zentralen Ergebnisse: 56 Prozent der Befragten äußerten den Wunsch, häufiger offline sein zu wollen. Problem: Sozialer Druck, berufliche Erreichbarkeit oder die Angst, etwas zu verpassen, hindert viele daran.

Social-Media-Plattformen agieren wie Drogendealer

Die zunehmende digitale Erschöpfung vieler Nutzer ist das Ergebnis einer Entwicklung, die sich schon seit Jahren abzeichnet. So manch einer mag sich vielleicht noch an eine Zeit erinnern, in der digitale Medien wirklich sinnvoll und hilfreich waren; ja sogar Spaß gemacht haben.

Diese Zeit ist längst vorbei. Denn: Mittlerweile überwiegen die negativen Folgen, die leider weit über Erschöpfung hinausgehen. Die meisten Plattformen sind zu einem Sammelbecken aus Neiddebatten, Hass, Desinformation und Werbung verkommen und machen immer mehr Menschen süchtig.

Ja, sogar körperliche Symptome wie der sogenannte Smartphone-Finger oder -Nacken zeichnen sich ab. Warum? Weil die Plattformbetreiber ihren Nutzern mit psychologischen Tricks und Maschen permanente Aufmerksamkeit abverlangen. Wer nicht mitspielt, hat nämlich schnell das Gefühl, etwas zu verpassen. Wer mitspielt, ist irgendwann erschöpft, schafft den Absprung aber dennoch nicht.

Ein klassisches Katz-und-Maus-Spiel sozusagen. Klar: Niemand wird gezwungen, rund um die Uhr online zu sein. Es wäre aber naiv, die Geschäftsmodelle der Tech-Konzerne auszublenden und Social-Media-Sucht mitunter nicht als Krankheit zu betrachten.

Denn: Menschen wie Mark Zuckerberg und Co. sind mittlerweile die vielleicht größten Drogenhändler der Welt. Die traurige Folge all dessen: Digitale Medien fressen nicht nur Zeit, sondern auch Nerven. Sie spalten und verrohen die Gesellschaft und machen unsere Welt mittlerweile schlechter.

Stimmen

  • Sebastian Klöß, Experte für Consumer Technology beim Digitalverband Bitkom, in einem Statement: „Digitale Anwendungen begleiten heute viele durch den ganzen Tag. Gerade deshalb kann eine bewusste Pause helfen, Routinen zu hinterfragen und wieder mehr Klarheit darüber zu gewinnen, wie und wofür wir digitale Geräte nutzen wollen. Auch schon kurze Offline-Zeiten können guttun. Wer seinen Medienkonsum langfristig verändern möchte, kann zudem auf Apps und Systemeinstellungen setzen, die Nutzungszeiten transparent machen oder bestimmte Inhalte zeitweise einschränken.“
  • Laut Dimitrij Müller vom Zentrum für Verhaltensforschung der Caritas Berlin können Apps und Einstellungen zwar helfen. Bei einer fortgeschrittenen Sucht über Jahre braucht es aber medizinische Begleitung. Müller zufolge gehört Mediensucht, genau wie Glücksspiel- und Kaufsucht, zu den sogenannten Verhaltenssüchten: „Dabei wird das Suchtmittel zur Regulation von Emotionen genutzt. Statt meine Emotionen wahrzunehmen und mit ihnen umzugehen, drücke ich sie weg und dröhne mich mit Dopamin zu. (…) Die Anbieter werden in diesen Strategien immer aggressiver.“
  • Psychologe Christian Montag in einem Interview mit ZDFheute: „Wir wissen, dass durch Likes das ventrale Striatum, das Belohnungssystem des Gehirns aktiviert wird.“ Das könne dazu führen, dass Nutzer überlegen: „Was muss ich eigentlich tun, um wieder so eine soziale Belohnung zu bekommen? Ach, ich muss ja wieder was posten“. Laut Montag sei es schwer, ein solches Verhalten wieder abzulegen, wenn es sich einmal eingeschlichen habe.

Warum die Plattformen trotzdem nicht umdenken werden

Für Instagram, Facebook, TikTok und Co. könnte die zunehmende digitale Erschöpfung ihrer Nutzer zu einem Problem werden. Denn ihr Geschäft lebt davon, dass Menschen möglichst viel Zeit auf ihren Plattformen verbringen und vor allem: immer wieder zurückkommen.

Wenn aber immer mehr Nutzer bewusst digitale Medien meiden, gerät dieses Prinzip ins Wanken. Die Betreiber selbst trifft dabei zumindest eine Teilschuld. Denn wer versucht, seine Nutzer durch immer aggressivere Algorithmen in eine Art Abhängigkeit zu drängen, muss sich nicht wundern, wenn viele irgendwann nicht mehr können oder wollen.

Ich befürchte aber, dass die wenigsten zu dieser Erkenntnis kommen und ihre Plattformen nutzerfreundlicher gestalten werden. Vielmehr dürfte das Gegenteil der Fall sein, sodass Empfehlungen, Algorithmen und neue Funktionen noch aufdringlicher werden, um Nutzern noch mehr Sorgen aufzudrängen und sie unterschwellig zum Bleiben zu treiben.

Doch das wird sich hoffentlich rächen. Bereits jetzt sind etwa Apps, Geräte oder Strategien auf dem Vormarsch, um auf digitale Medien zu verzichten. Die zunehmende Verrohung unserer Gesellschaft trägt ebenso einen Teil dazu bei. Denn der Ton in sogenannten sozialen Netzwerken wird immer niveauloser und rauer.

Vor allem wenn es um den Schutz von Kindern und Jugendlichen geht, ist deshalb auch die Politik gefragt, die Plattformbetreiber in die Pflicht zu nehmen. Netzwerke, die wiederum von sich aus Inhalte moderieren und Nutzer nicht überfrachten, könnten zu den heimlichen Gewinnern einer traurigen Entwicklung werden.

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Fabian Peters ist seit Januar 2022 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Redakteur und freier Autor tätig. Er studierte Germanistik & Politikwissenschaft an der Universität Kassel (Bachelor) und Medienwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin (Master).
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