6G Europa Weckruf Studie

6G-Weckruf für Europa: Studie sieht EU-Spitzenposition gefährdet

André Gabriel
Bild: DepositPhotos

Mobilfunk und EU, ein klares Match – oder war es das? Gemeinhin gilt Europa in der Mobilfunktechnik als führend, droht bei 6G aber den Anschluss zu verlieren. Das liegt weder an der Expertise noch an der technologischen Basis, sondern ist vielmehr regulatorischer Natur und hängt mit dem schleppenden 5G-Ausbau zusammen, wie eine neue Studie zeigt. Das gefährdet auch die EU-Pläne hinsichtlich technologischer Souveränität. Eine kommentierende Analyse.

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Was macht 6G so besonders – und wo steht Europa?

  • Der Übergang von 5G zu 6G wird die globale digitale Technologie maßgeblich verändern. Denn 6G soll neue Möglichkeiten für ein integriertes System aus Datenverarbeitung, Kommunikation und künstlicher Intelligenz eröffnen. Das erfordert anpassungsfähige Netzwerke, die komplexe, dynamische Datenströme zwischen zahlreichen Endpunkten bewältigen können. Kurzum: Es wird nicht nur um schnelles Internet gehen, sondern um eine neue digitale Infrastruktur für physische KI – von autonomen Fahrzeugen über Robotik bis hin zu vernetzten Maschinen – sowie für Cloud-Anwendungen und die weitergehende Integration von Mobilfunk- und Satellitennetzen.
  • Laut einer aktuellen Studie des European Centre for International Political Economy (ECIPE) verfügt die EU in Bezug auf die Telekommunikation über erhebliche Fähigkeiten und ist dahingehend strukturell weniger von Innovationen aus dem Ausland abhängig. Das würden verschiedene Kennzahlen bestätigen. Der wirtschaftliche und strategische Mehrwert entstehe durch Netzwerkausrüstung, ingenieurtechnisches Fachwissen und Telekommunikationstechnologie, die Unternehmen außerhalb der EU zum Aufbau und Betrieb fortschrittlicher Kommunikationsnetze nutzen. Zudem sei der RTA-Wert (Revealed Technological Advantage) der EU für Telekommunikation deutlich ausgeprägter als bei Software und Computerdienstleistungen.
  • Aber: Die technologische Stärke habe sich nicht in kommerziellen Erfolg umgesetzt. Laut der Studie investieren europäische Telekommunikationsausrüster durchschnittlich 18 Prozent ihres Nettoumsatzes in Forschung und Entwicklung. Die operativen Margen würden aber nur bei 3 Prozent liegen. Das sei nicht lediglich eine wirtschaftliche Folge, sondern auch das Ergebnis regulatorischer Entscheidungen, die den europäischen Telekommunikationssektor und dessen Fähigkeit zur Entwicklung und zum Aufbau fortschrittlicher Netze untergraben – und so Europas Wettbewerbsfähigkeit insgesamt beeinträchtigen. Zudem zeige die Bilanz bei 5G, dass Netzwerkkapazitäten, kommerzielle Erfahrung und Investitionsbasis fehlen, die 6G erfordern wird.

Warum Europas 5G-Problem das 6G-Ziel gefährdet

Das größte Dilemma findet sich in den mangelnden 5G-Standalone-Netzen, die in Europa noch fast vollständig fehlen. Doch gerade die sind entscheidend für jene Architektur, die 6G skalieren wird. Wie die Untersuchung zeigt, „erreichte kein einziger EU-Mitgliedstaat eine zweistellige Standalone-Verfügbarkeit“. Demgegenüber sind es 32 Prozent in den USA und 81 Prozent in China. Auch bei privaten 5G-Industrienetzen sind die Studienergebnisse für die EU ernüchternd: Von den 747 erfassten Netzen entfielen allein 500 auf Deutschland, die übrigen 247 auf die anderen 26 Mitgliedstaaten.

Die EU plant einen 6G-Einsatz bis 2030. Doch die als Indikatoren für die 6G-Einsatzbereitschaft fungierenden 5G-spezifischen Kennzahlen machen skeptisch, weil wichtige Investitionen in neue Netzwerkfunktionen verzögert oder verringert werden. Angesichts der ohnehin schon stark ausgeprägten Investitionslücke spricht die Studie hier von einem Weckruf und bezieht sich dabei auf eine Marktstudie von GSMA Intelligence, nach der für eine erstklassige Konnektivität 475 Milliarden Euro nötig wären. Allerdings würden nur rund 270 Milliarden Euro zur Verfügung stehen – das ergibt ein Investitionsdefizit von etwa 200 Milliarden Euro.

Andere Untersuchungen beleuchten die Ursachen. So ergab eine weitere Studie von GSMA Intelligence, dass Europa unter den großen Wirtschaftsnationen weltweit den geringsten Grad an Marktkonzentration aufweist. Daraus sei eine fragmentierte Landschaft entstanden, die „Investitionen in Netze der nächsten Generation einschränkt, den Ausbau von 5G-Standalone verlangsamt und letztlich die digitale Wettbewerbsfähigkeit der EU schwächt“.

Bereits 2025 untersuchte die Europäische Kommission die Fragmentierung europäischer Forschungs- und Innovationssysteme. Die Studie „Divided we fall behind: Why a fragmented EU cannot compete in complex technologies“ kam zu dem Schluss, dass entsprechende EU-Zentren weniger stark miteinander vernetzt sind als US-amerikanische. Doch je komplexer eine Technologie ist, desto wichtiger werden leistungsfähige, überregionale Innovationsnetzwerke – eine zentrale Voraussetzung, um 6G zu entwickeln, zu implementieren und europaweit zu skalieren.

Stimmen

  • In einer Rede im Rahmen des EuCNC & 6G Summit 2025 sprach Thibaut Kleiner, Vorsitzender des Verwaltungsrats des SNS JU, über die strategische Rolle der 6G-Entwicklung und die Bedeutung der Abstimmung von Finanzierung, Regulierung und Forschungsschwerpunkten – mit dieser Schlussfolgerung: „Wir müssen dafür sorgen, dass sich die Geschichte von 5G bei 6G nicht wiederholt. Wir verfügen über die Technologie, die Vision und die Tools – nun brauchen wir die Strategie, um das in großem Maßstab umzusetzen.“
  • Auch Erzsébet Fitori, Executive Director des SNS JU, betont die Chancen und Bedeutung für Europa: „Bei den heutigen Investitionen in 6G geht es nicht nur um Technologie – es geht darum, Europas Zukunft zu sichern, unsere Industrie zu stärken und Chancen für die nächste Generation von Innovatoren zu schaffen.“ Renate Nikolay, stellvertretende Generaldirektorin der GD CONNECT, bringt es auf den Punkt: „6G wird ein entscheidender Faktor für die technologische Souveränität Europas sein.“
  • Die ECIPE-Studie sieht zwar nach wie vor eine echte technologische Führungsposition in der Telekommunikation, Europa „schöpft jedoch zu wenig kommerziellen Wert aus dieser Stärke. 6G bietet einen Weg zu höherwertigen, durch Netzwerke, Rechenleistung und KI ermöglichten Diensten. Doch die bisherige Bilanz Europas bei 5G und der regulatorische Rahmen bergen die Gefahr, dass EU-Unternehmen die Anreize und Kapazitäten verlieren, um diese Chance zu nutzen.“

Technologische Souveränität in Gefahr: Was sich jetzt ändern muss

Europas 6G-Dilemma ist kein technologisches, sondern ein ökonomisches und industriepolitisches Problem. Was nützen einzelne Innovationen, Patente und Standards, wenn der Heimatmarkt letztlich zu klein ist, um die Technologie effektiv zu skalieren? Die Gründe dafür haben nicht zuletzt auch eine regulatorische Dimension. Laut ECIPE-Studie müssen europäische Betreiber das 6G-Geschäftsmodell verglichen mit China und den USA innerhalb eines restriktiveren Rahmenwerks entwickeln.

Gleichzeitig stuft die EU die Tech-Abhängigkeit von China und den USA als Sicherheitsrisiko und nicht mehr nur als wirtschaftliches Problem ein. Dafür plant die EU-Kommission ein technologisch ausgerichtetes Souveränitätspaket, welches vorsieht, dass mehr Halbleiter und Computerchips innerhalb Europas produziert werden. Um das zu gewährleisten, sollen unter anderem bürokratische Hürden abgebaut werden.

Hierfür muss die EU auch den etablierten Telekommunikationsrahmen neu ausrichten. Sicherlich sind Vorschriften elementar, um die Verbraucher und den Wettbewerb zu schützen. Um tatsächlich wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen jedoch solche überarbeitet werden, die rentable 6G-Geschäftsmodelle für fortschrittliche Netzwerkdienste torpedieren.

Die andere große Baustelle sind die erwähnten 5G-Standalone-Netze und die privaten Netzwerke. Denn sie dienen als praktische Testumgebungen für betriebliche und kommerzielle Fähigkeiten und somit als essenzielle Brücke zu 6G. Hier müssen die EU und ihre Mitgliedstaaten klarere Wege für die Migration zu 5G-Standalone, den lokalen industriellen Frequenzzugang und den Aufbau privater Netzwerke fördern.

Aufwachen, Europa! Die kommerzielle Einführung von 6G ist für 2030 geplant – und damit nicht mehr allzu weit entfernt. Die Studie zeigt auf, wo Defizite liegen, die den Spitzenplatz der EU im Bereich der Telekommunikation ernsthaft gefährden, und liefert Lösungsansätze. Fakt ist aber auch, dass es nicht nur um 6G geht, sondern um die proklamierte und dringend benötigte generelle technologische Souveränität der EU.

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André Gabriel ist seit Oktober 2026 stellvertretender Chefredakteur von BASIC thinking. Davor war er als freier Autor und Lektor tätig. Er studierte Germanistik, Literatur und Psychologie an der Universität Potsdam.
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