Chatroulette: US-Datenschützer finden Spionagenetzwerk 'mit unbekannten Ausmaßen' (1. April)

André Vatter

Der Boom rund um das Voyeristen-Karussell Chatroulette ist in vollem Gange, schon seit Monaten tummeln sich Gelangweilte, Freaks und sexuell Unterstimulierte auf der Seite herum. Laut Angaben des Gründers sollen im Schnitt 30 Million Unique Visitors die russische Plattform im Monat besuchen. Ich habe mir gerade mal die aktuellen Alexa-Zahlen dazu angesehen: Deutsche bringen es bereits auf Platz vier (8,3 Prozent) bei den Traffic-Verursachern von Chatroulette, auf Platz eins kommen die USA (25,6 Prozent), gefolgt von Frankreich (9,3 Prozent) und China (8,9 Prozent).

Doch offenbar kann aus Spaß schnell Ernst werden: Anfang März wurde bekannt, dass der russische Investor Digital Sky Technologies, der im vergangenen Jahr 400 Millionen Dollar in Facebook reinpumpte, auch an Anteilen von Chatroulette interessiert sei. Die Gruppe habe dem 17-jährigen Gründer Andrey Ternovskiy ein entsprechendes Angebot gemacht. Das war Anfang März. Ternovskiy hält sich seitdem in den Vereinigten Staaten auf, in einem Interview mit der „New York Times“ beantwortete der junge Entwickler die Frage „Wann wirst du wieder zurück nach Moskau gehen?“ mit der Ankündigung: „Ich habe ein Rückflugticket für Mitte April. Doch wer weiß – vielleicht gehe ich nie zurück.“

Ternovskiy hat der Ansage nun Taten folgen lassen und sich Mitte vergangener Woche in San Fransisco für eine Greencard beworben. Im Zuge der Überprüfung seiner Person und „seines Produktes“ haben Mitarbeiter der Immigration jedoch Unregelmäßigkeiten aufgedeckt – laut Crimestatistics wurde am Wochenende unerwartet schnell der Generalstaatsanwalt des Staates Kalifornien, Edmund G. Brown, mit der Federführung in der Untersuchung beauftragt: Es gebe „beunruhigende Erkenntnisse“, die im Zuge der Überprüfung von Ternovskiys Plattform gemacht wurden, teilte ein Sprecher der Behörde nun mit.

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Datenschützer im Expertenbeirat

Mittlerweile wurde eine Sonderkommission ins Leben gerufen, die aus Vertretern des Staates und Experten der beiden Datenschutzorganisationen Privacy International und EPIC (Electronic Privacy Information Center) besteht. „Die Analysen sind noch nicht abgeschlossen, doch es besteht kein Zweifel daran, dass da irgendetwas faul ist“, zitiert „SanFran Weekly“ ein Mitglied des Ausschusses. Offenbar wurden bei der Prüfung des Quellcodes mehrere Hinweise gefunden, die nahelegen, dass es sich bei Chatroulette um ein Spionagenetzwerk mit „bislang unbekannten Ausmaßen“ handelt. Besucher der Seite würde beim Aktivieren der Kamera unbemerkt Schadcode auf ihre Rechner geschleust bekommen. „Zur Zeit wissen wir, dass der Trojaner beim dritten Chat aktiv wird“, so Toby Schwartz, Programmierer und Vereinsvorstand von Privacy International. Erst dann würde ein Keylogger gestartet, zudem ermögliche das Virus Dritten, die Kamera auch nach Verlassen der Seite per Fernzugriff zu bedienen. Darüber hinaus gebe es Indizien dafür, dass die Videositzungen extern aufgezeichnet würden. „De facto wird der eigene Computer zum Überwachungsinstrument! Der User bekommt davon zum keinem Zeitpunkt etwas mit“, so Schwartz. Derzeit werde daran gearbeitet, die genaue Quelle des Angriffs ausfindig zu machen.

Aufgrund der hohen Popularität von Chatroulette in den Staaten ist davon auszugehen, dass die Affäre weite Kreise ziehen dürfte – ein Einfluss auf das politische Tagesgeschehen und hier vor allem auf die Beziehung zu Russland werden laut Medienberichten nicht mehr ausgeschlossen. Robert Gibbs, Sprecher des Weißen Hauses, weigerte sich jedoch vorerst, offen Stellung zu den Vorwürfen zu beziehen: „Wir vertrauen darauf, dass die Ermittler das Problem in den Griff bekommen.“ Er rate jedem Bürger, weiterhin gelassen und sorgenfrei Chatroulette zu benutzen. „Besonders die Cheerleader, die samstagabends angetrunken von den Spielen zurückkommen“, so Gibbs.

Empörung in der Community

Auf Twitter schlug die Nachricht wie eine Bombe ein: „Es hat niemanden etwas anzugehen, was ich mache, wenn ich meinen elastischen Katzenanzug abstreife!“, schrieb etwa ein Nutzer mit dem Namen PussymanNYC. Empörung auch bei Ladylove19: „Rechner und Cam stehen bei mir in der Dusche. Da muss sich der Ivan erstmal die Brille putzen! LOL! #Dampf“. Ein anderer Nutzer fragt: „Samma, wo kann ich denn die illegal gesaugten Videos runterladen?“ Der Ortsverband der Anonymen Alkoholiker von Ramnsey, Minnesota (@sobernorthstar), zeigte sich erleichtert: „Unsere Wodka-Runden? Das ist wie Friendy Fire.“ Positiv äußerte sich auch BiggerthanUkulele – gleich drei Mal hintereinander: „Also, ich find’s cool: Umso mehr Leute hören mein Gitarrenspiel.“

Ich habe vorhin noch eine Anfrage bei der Homeland-Security gestartet. Laut der „Washington Post“ gibt es interne Beweise, dass die IP-Adressen der Behörde von Janet Napolitano überraschend häufig in den Logs auftauchen: „Es geht um den Schutz des Vaterlandes“, heißt es in dem Bericht. „Ministerin Napolitano wird es nicht dulden, wenn Staatsgeheimnisse durch bösartige Angriffe außer Landes gebracht werden. Auch dann nicht, wenn sie nicht einmal offiziell sind!“ Die Ministerin habe den Dienst lediglich „ein- bis zweimal“ verwendet, „zum Austesten“, wie es ein Sprecher darlegte.

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Die Cam aus dem Gesichtsfeld gedreht? Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik angerufen? Norton Antivirus angeworfen? Oder gar ein neues Kostüm bei Amazon bestellt? Haha! 😉 (s. Kommentare)

(André Vatter)

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André Vatter ist Journalist, Blogger und Social Median aus Hamburg. Er hat von 2009 bis 2010 über 1.000 Artikel für BASIC thinking geschrieben.