Sonstiges

Gesprächssphären und Socializing im Netz

Nico hatte vorgestern meinen Beitrag zur Gesprächssphäre der Blogs aufgegriffen und sich Gedanken zum Link als postulierten Gradmesser gemacht. Und kommt zum Schluss, dass die Produktion von Inhalten nicht auf Links reduziert werden kann, wenn es um Gespräche geht. Und das ist grundsätzlich richtig.

Die Betrachtung der Blogosphäre kann heute -aber auch schon seit „gestern“- nicht mehr unabhängig anderer Anlaufstellen vorgenommen werden. Die Blogosphäre wurde und wird von anderen Sphären wesentlich beeinflusst. Wenn wir dazu den Startzeitpunkt 1995 nehmen („WWW“ -> HTML-Browser), so waren vier Werkzeuge zur Produktion von Inhalten -ob flüchtig oder persistent, ob öffentlich oder nicht, sei egal- besonders populär: Statische Websites (die wenig bis gar nicht dialogisch aufgebaut waren), Forum, Mail und Instant Messaging. Vor dieser Zeit war übrigens das Usenet das Gesprächswerkzeug schlechthin.

Ab 1997 begann die Ära der Blogs, die um 2002/2003 ihren Durchbruch erfuhren. Angesichts der Tatsache, dass es 1995 rund 20 Mio. User gab, 1998 knapp unter 200 Mio. und 2002 bereits über eine halbe Milliarde User (Quelle), erklärt sich auch der Hype um dieses neuartige Werkzeug. Das Werkzeug bzw. die Produktion von Inhalten zeichnete sich durch vier -idealtypisierte- Merkmale aus. Die Inhalte waren persistent (Chat: Inhalt ist idR flüchtig, wird nicht öffentlich abgelegt), öffentlich (in der Regel, es gibt auch rein privat zugängliche Blogs), dialogisch (im Gegensatz zu statischen Websites waren die Inhalte kommentierbar) und sie hatten einen starken Personenbezug (die Indivualität einer Person spiegelte sich in den Inhalten wieder), der zu einer wesentlichen, emotionalen Einlassung mit den Inhalten beitrug.

Es brauchte aufgrund der Linkability (als Gesamtheit aller Merkmale, auch Dank der Permalinks, die ab 1998/99 technisch gesehen in die Blogsysteme zunehmend Einzug fanden) nicht lange, bis die Blogs sich untereinander vernetzten und aufeinander bezogen. Trackbacks, Kommentare, RSS aber auch externe Tools zur Sichtbarmachung der übergreifenden Gespräche (Google, Technorati, Memetracker) trugen dazu einen wesentlichen Teil bei. Aus diesen Merkmalen heraus entstand damit erstmals (!) ein weltweiter, öffentlicher, übergreifender und persistenter n:n-Dialograum! Aber Foren… Foren konnten und können das heute noch leisten, doch interessanterweise blieb nahezu jedes Forum für sich eine in sich abgeschlossene Dialogwelt. Ich bin davon überzeugt, wenn Foren erst um 2002 als Werkzeug erfunden worden wären, dass sie die Rolle anstatt der Blogs als netzübergreifendes Medium spielen würden. Aber das führt zu weit vom Thema weg.

Den Usern wurde via Blogtechnik ein einfaches Werkzeug in die Hand gegeben, um von sich aus Inhalte zu produzieren und sich vernetzen zu können. Doch was passierte ab 2002, nachdem die Blogs zunehmend und spürbar Anklang fanden? Es begann zugleich die Ära des Web 2.0, Zufall oder kein Zufall, ich weiß es nicht. Das Mitmachweb erfand neue Mitmachmöglichkeiten und Anlaufstellen. Allen voran die Social Networks, die mit Friendster (Gründung in 2002, absoluter Hype in 2003!) ihre heutige Ausprägung fanden, wie wir sie alle kennen. Friendster war sozusagen the tipping point aller modernen Social Networks. Ab diesem Zeitpunkt kam MySpace (große Hypephase 2005/2006) und ein-zwei Jahre später Facebook (große Hypephase ab 2006/07 bis heute) auf. Und unendlich viele weitere Social Networks in -soweit ich informiert bin- in nahezu jedem Internetland, die sich konzeptionell an Friendster, MySpace und Facebook anlehnten. In Deutschland sind vaD Xing, StudiVZ und heute auch WKW zu nennen.

Das Werkzeug „Social Network“ á la Friendster bot den Usern im Gegensatz zu Blogs wesentlich einfachere Vernetzungsmöglichkeiten, die bei Weitem nicht so aufwendig zu pflegen waren. Man musste keine dialogischen Inhalte aufbereiten, um sich miteinander in Verbindung setzen zu können. Statt der expliziten Vernetzung über informative Inhalte jeglicher Art stand die Person als solche erstmals populär im Vordergrund. Im Rahmen dieses Werkzeugs und seiner extremen Popularität (heute soll es rund 1.4 Mrd Internetnutzen geben, wovon mind. 500 Mio in mind. einem Social Network Mitglied sind!), entwickelte sich ein neuer Gesprächs- und Kontaktraum. Die Anzahl der Gesprächskontakte (die teilweise aus einem simplen „Angruscheln“ bestehen) ist ungleich größer als die Anzahl der Dialoge auf einem Blog. Zugleich sind die Gespräche ungleich privater, sie weisen bei Weitem nicht diese extreme Öffentlichkeit wie auf Blogs auf. Es handelt sich wie auf Foren erneut um abgeschlossene Dialogwelten. Es ist daher auch kein Zufall, dass Medien weitaus häufiger auf Inhalte wie auch auf Dialoge aus Blogs zurückgreifen als sich aus Social Networks zu bedienen.

Doch das Rad hat sich erneut weitergedreht. Denn die verschiedenen Werkzeuge beeinflussen sich gegenseitig. Und führen zu neuen Lösungen. So hat Facebook die Aktionen seiner User in einen Activity Stream eingepackt („was machen meine Freunde im Social Network“). Der Stream erblickte 2007 das Licht der Netzwelt. Ohne die zahlreichen Aktivitäten in einem komplexen SN und ohne Vernetzungsaffinität wäre das nie entwickelt worden. Friendfeed -als ein Vertreter der aggregatorisch ausgerichteten Aktionsmelder- hat das Ganze übergreifend zu lösen versucht. Was machen meine Buddies im Blog, auf Flickr, in Facebook und in Twitter? Friendfeed entstand im Herbst 2007. Als Antwort auf die verteilten Aktivitäten der Buddies. Ohne Social Networks und Mitmachservices wäre diese Frage nie aufgekommen. Twitter wiederum ist ein sogenannter Microblogging-Dienst, der 2006 zufällig erfunden wurde und ab 2007 einen ungeahnten Hype erfährt. Es dampft das, was Blogs so mühsam macht (über zu produzierende Inhalte zueinander zu finden), auf 140 Zeichen ein, gestaltet die Inhalte öffentlich und bringt die explizite Vernetzungsidee der Social Networks mit ein („follow me“).

Fassen wir soweit zusammen: All die o.g. Werkzezuge konkurrieren nicht direkt miteinander beim Socializing, sie erweitern gesamtheitlich die Möglichkeiten der User, ihre Plätzchen im Netz zu finden, sich einzubringen, sich auszutauschen und sich zu vernetzen. Indirekt konkurrieren sie selbstverständlich miteinander. Der User hat einerseits nicht unendlich Zeit und muss demnach seine Netzaktivitäten kontingentieren. Andererseits sucht sich der User das Werkzeug aus, was ihm am ehesten zusagt (aus Eigenantrieb oder/und aber aus einem Mitmachantrieb heraus).

So gesehen sind Blogs als extrem schwerfällige Vernetzungstools zwischen Hammer und Amboss geraten. Denn, Gespräche anzuregen und überhaupt Inhalte zu produzieren ist das eine. Das andere ist aber, dass zahlreiche Blogs kaum Anklang durch Dritte = Besucher finden. Warum sich demnach einen abmühen, wo doch Social Networks auf der einen und auf der anderen Seite zunehmend Microblogging-Dienste das fast schon im Vorbeigehen errreichen? Es kostet wesentlich weniger Zeit, macht wesentlich weniger Mühe. Und wenn es eins gibt, was der User normalerweise hasst, dann ist es das Investieren von viel Zeit für ein klein wenig gefühltes Resultat.

Kommen wir zurück zu den Blogs per se. Dazu vier Charts. Die erste Chart zeigt die Vernetzung der wenigen Blogs zu Beginn untereinander auf. Dann entstehen kleinere Blogosphären, die sich thematisch-personell voneinander unterscheiden. Sie liegen aber noch nicht so weit entfernt, dass man nicht weiß, was im Blogdorf passiert. Dazu dienen die „Blauen“, die berichten, was wo passiert. Einerseits in einer Sub-Blogosphäre selbst, andererseits übergreifend über alle Blogosphären hinweg.
Blogosphäre 1 Blogosphären 4

Blogosphäre 16Im dritten Schritt entstehen noch weitere Sub-Blogosphären, die sich voneinander immer weiter thematisch wie auch personell entfernen. Die Rolle der übergreifenden Hubs (die mit „jedem vernetzt sind“) löst sich allmählich auf, es gibt dafür immer mehr kleinere Bridges, die eine oder mehrere Blogosphären miteinander verbinden. Natürlich kann es sein, dass einzelne Hubs in ihrer jeweiligen Blogosphäre eine zentrale Stellung einnehmen (so zB Techcrunch). Aber der Abstand zwischen den Sphären wird unweigerlich größer.

Und in der vierten Chart habe ich die anderen Werkzeuge ergänzt, die aufzeigen sollen, dass immer mehr User teilweise weitaus bessere Alternativen finden. Die blauen Punkte bei Microblogging sollen andeuten, dass sich -als These- die zahlreichen Bridges und Hubs nun in Diensten wie Twitter tummeln, um auf übergreifende Themen -nicht nur in Blogs- zu verweisen. Ergebnis: Die Blogosphären sind nun extrem weit voneinander getrennt, die Gesprächsräume sind über viele Werkzeuge und Anlaufstellen verteilt, Hubs und Bridges spielen nicht mehr die Rolle wie früher in Blogs, da einfach die schiere Anzahl der teilnehmenden User viel zu groß geworden ist. Das erklärt den Umstand, warum die Links als Indikator für übergreifende Gespräche zwischen den Blogs gesamtheitlich abnehmen, nicht nur in D btw!
Alternativen

So sind wir übertragen auf die reale Welt im Zeitalter der zahlreichen Tribes/Volksstämme angekommen, die voneinander nahezu getrennt leben. In der Summe 1,4 Mrd Menschen. Obgleich sie sich technisch gesehen punktuell sehr einfach in Verbindung setzen könnten. Habs nicht zu Ende gedacht, aber könnte es dann sein, dass daraus „Städte“, „Staaten“ und „Staatenverbünde“ entstehen werden? Schließlich ist das der Hintergrund des Artikels. Mich beschäftigt, wie die Menschen mit Kommunikationswerkzeugen umgehen, warum sie es tun, wie sich die Werkzeuge im Laufe der Zeit entwickeln und welche Auswirkungen das auf das Gebilde Menschheit hat.

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Über den Autor

Robert Basic

Robert Basic ist Namensgeber und Gründer von BASIC thinking und hat die Seite 2009 abgegeben. Von 2004 bis 2009 hat er über 12.000 Artikel hier veröffentlicht.

13 Kommentare

  • ich denke, dass Du die Situation gut zusammengefasst hast.

    Allerdings sehe ich in der Verbreitung von Facebook-Connect und Google Friend Connect den Beginn einer Entwicklung bei den Social Networks dahingehend, dass sie ihre Grenzen sprengen und ihr Vernetzungspotential über Blogs und andere Websites ausdehnen. Vieleicht findet die Vernetzung zukünftig nicht mehr primär über Links und Trackbacks sondern über diese „wandernen“ Profile statt.

    Mal schnell einen Gedankengang skizziert.

    Ralph

  • Schöne Darstellung, interessanter Gedanke. Was passiert wirklich, wenn sich in ein paar Jahren das Internet nicht mehr als die große alles vernetzende virtuelle Welt darstellt, sondern lediglich die reale Welt virtuell spiegelt (lokal vs global). Ein Vorwurf, der häufig von web aphoben Menschen geäußert wird. Dann entstehen, wie Ritinardo andeutet und in der Blogosphäre oft diskutiert wird, in der selbstreferentiellen Art der Blogs Machtzentren, die, führt man den Gedanken zu Ende, sich auch real einstellen könnten. Abgesehen von Meinungsmonopolen bilden sich neue Kommunikationshierarchien aus, die eine erhöhte Kompetenz aller Teilnehmer einfordert. Spannende neue Felder entstehen – wird es einen BlogBroker geben, wie läuft Meinungsbildung ab, wer sind die Entscheider, werden Genalogien entstehen, erbt man den Erfolg eines Bloggers? ich bin begeistert!

  • Was ist denn hier los heute? Nur vier Kommentare bisher…Über Blogs und Facebook Connect habe ich mir heute auch Gedanken gemacht. Ich glaube, die typisch deutsche Unterscheidung zwischen Fach- und Katzenblogs (oder E- und U-Blogs) einerseits und der Bloggerwelt und den Communities andererseits wird sich verwischen, wenn die Facebook-Nutzer in Form von Facebook Connect Gelegenheit bekommen, ihre Profile mit ihren Blog-Kommentaren anzureichern. Nach dem Motto: Meine Freunde, meine Fotos, meine Lieblingsmusik, meine 35 sinnlosesten Widgets und hier habe ich überall meinen Senf in Form von Blogkommentaren dazugetan. Ich persönlich mag zwar nicht nach Google nun auch noch Facebook so viele Daten anvertrauen, aber ein Tool, dass darstellt, wo ich außerhalb meines eigenen Blogs etwas schreibe, ist schon praktisch.

    s. auch hier:
    http://medialdigital.wordpress.com/2008/12/12/facebook-connect-in-blogs-integrieren/

  • @Ulrike (5):
    Das mit der Datensammlung bei Facebook sehe ich persönlich jetzt nicht so als Problem an. Du hast es ja komplett in der Hand mit welchen Daten Du ein Profil auf FB füllst.

    Bis dann,

    Ralph

  • Eich echt empfehlenswerter Beitrag über die technische Seite des Bloggens mit allen Features die die Vernetzung fördern. Du möchtest mehr darüber erfahren, wie die Menschen mit Kommunikationswerkzeugen umgehen und betrachtest aber nur intensiv die technische Seite. Ein nächster Artikel (Du wolltest mal hier Wünsche lesen!) müßte die *inhaltliche Seite* beleuchten, die viel mehr als die technische Möglichkeiten, die nur eine Voraussetzung dieser Art von Kommunikation sind, unter die Lupe nehmen.

    Außerhalb der Web 2.0 Gemeinde ist das Bloggen in Deutschland trotz aller Vernetzung kaum angekommen, es wird doch eigentlich nur von den Eingeweihten so richtig wahrgenommen und in der Politik ist es außer einiger Seiten, die sich mit Medien beschäftigen, fast unbekannt.

    Der Unterschied zwischen der deutschen und französischen Blogosphäre hinsichtlich der Nutzung von Blogs, Videos und Foren ist beachtlich > http://romanistik.info/blogs.html#politique, und es gibt in Deutschland nur wenige echte Ausnahmen von Mitmachseiten, Blogs o. ä. im politischen Bereich, wie z.B. das Forum für die Petitionen des Deutschen Bundestages: > https://epetitionen.bundestag.de/index.php. Die Parteien in Deutschland haben das Bloggen noch kaum entdeckt. Die Gründe dafür können nicht auf dem Weg über die Vernetzung und ähnlicher Strategien gefunden werden, sondern der Anstoß für eine politische Blogospäre in Deutschland kann nur über Inhalte geschehen, von denen die traditionellen Medien unweigerlich Notiz nehmen müssen. Solche Ansätze sind aberr bei uns viel zu schwach ausgeprägt und vielleicht meinen die traditionellen Medien, der Parteistrategen oder gar der potentiellen Leser, das Medium Blog gebe die dafür notwendige inhaltliche Qualität gar nicht her. Oder? Ich blogge… wie oft lautet die Antwort, ach habe gar keine Zeit, da „reinzugehen“ oder ich kann gar nicht so viel lesen. Mit welchen Inhalten wird eine kritische Menge oder ein nennenswerter Grad an Vernetzung erreicht, damit daraus ein wirklich einflussreiches Medium erreicht werden kann ?

    Einige der traditionellen Medien bieten Blogs an, aber mit Inhalten, die sich eher auf Hintergründe und auf Erzählungen beziehen. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit und vielleicht auch der Not, dass eine Partei dieses Medium für sich entdeckt. Vielleicht sollten die Parteien mal über die Grenze sehen: > http://www.blogopole.fr. Die Vernetzungen auf der französischen Blogs untereinander wird von den Inhalten bestimmt und beschränkt sich natürlich nur auf die Blogs, eine Vielzahl weiterer Vernetzungstechniken oder -sphären würde den Einfluss jeder einzelner oder aller Sphären reduzieren.

    Die Vernetzung, von der Du sprichst, bezieht sich, betrachtet man die verschiedenen Dienste auf Personen und weniger auf harte Fakten oder Inhalte. Bei Vernetzung der Inhalte fällt mir immer Wikipedia ein mit den vielen unsinnigen Vernetzungen und Hyperlinks zwischen den Artikeln, die eingebaut werde, wei es so einfach ist, die aber nichts mit Kern des betreffenden Artikels zu tun haben. (Sollte gar nicht sooo lang werden.)

  • @Uus: Ich denke, das von dir beschriebene Szenario ist heute schon realität. Es fängt bei statischen Seiten an und hört bei Blogs und Social Media auf.

  • Ich denke, dass Facebook, um Google auf seine eigene Weise des Spielens des UGC übertreffen sucht. Vielen Dank für Ihre vollständigen Artikel und gut illustriert.

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