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Basic Sunday: Die Prämie der Pandora

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Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Heinz Müller und ich komme aus der Gegend von Düsseldorf. Nachdem mir viele Freunde geraten haben, doch etwas aus meinem Leben zu erzählen, komme ich dem nun nach. Ich musste mir einige Zeit Gedanken darüber machen, was ich euch denn so alles erzählen möchte, aber zumindest habe ich jetzt einen guten Anfang. Ich bin nämlich ein großer Fan von Bonuskarten. Ja, ihr wisst schon diese Sammelkarten, womit man sich Prämien verdienen kann. Ohne wenn und aber und ganz unkompliziert. Mittlerweile habe ich so um die 12 dieser Karten angesammelt und kaufe, was das Zeug hält. Wer es noch nicht weiß: Damit kann man bares Geld sparen. Vergangene Woche habe ich mir aus dem Prämienangebot von Backpay eine tolle Kaffeemaschine zuschicken lassen. Ist das nicht toll? Und das vollkommen kostenlos. Ich musste nichts dazu bezahlen. Und wenn ich so weitermache, habe ich auch endlich die Punkte für meinen neuen MP3-Player zusammen. Ich kann euch nur raten, euch solche Bonuspunkte auch anzuschaffen. Man bekommt Prämien für lau – ist das nicht toll?

Dienstag, 7:23 Uhr: Und da bin ich wieder. Habe mir heute einige Profile im Netz angelegt, um mich mit all meinen Freunden zu verbinden. Leider sind sie über alle möglichen Plattformen verteilt. Ist ein wenig mühselig, mich überall anzumelden und meine Daten zu pflegen. Aber schließlich geht es um meine Freunde und mit denen möchte ich immer und überall in Kontakt sein. Ich finde es toll, dass man bei einigen dieser Plattformen sogar Bonuspunkte sammeln kann, wenn man einige Fragen über sich beantwortet. Ist das nicht toll? Man muss nur seine Daten eingeben. Heute habe ich deswegen alleine 200 Punkte bei ManyDigits bekommen. Nur noch 137.800 und ich habe diese Konsole von Nintendo, die sich mein Sohn schon immer gewünscht hat. Das Lustige dabei ist: Ich hätte die Fragen auch so beantwortet. Schließlich bringen sie mir einen großen Nutzen: Sie zeigen mir Menschen, die zu meinen Interessen passen könnten. So kann ich gleich neue Freunde kennenlernen und mich mit ihnen austauschen. Muss jetzt zur Arbeit. Melde mich morgen.

Mittwoch, 13:40 Uhr: Heute ist irgendwie kein schöner Tag. E-Mail-Werbung nervt total. Meine Mailbox bei meinem Arbeitgeber ist voll mit Werbekram, mit dem ich nichts anfangen kann. Ich frage mich sowieso, wo sie meine Mailadresse her haben? Ich bin doch nicht doof und trage sie einfach irgendwo auf dubiosen Seiten ein. Habe alleine 20 Minuten gebraucht, um den ganzen Spam zu löschen. Sehr ärgerlich. Aber dafür habe ich wieder einmal zwei Gewinnspiele entdeckt, bei denen man tolle Preise gewinnen kann. Dafür musste ich nichts weiter tun, als ein paar Fragen über mich zu beantworten. Toller Service, dass ich schon meine Bankverbindung eingeben konnte, damit sie mir bei einem Gewinn das Geld direkt überweisen können. Also das ist doch mal wirklich klasse, oder nicht? Ich finde, das Internet ist wirklich kundenfreundlich.

Mittwoch, 23:14 Uhr: Ich bin’s noch einmal. Eigentlich wollte ich ja schon längst schlafen, aber ein Anruf hat mich geweckt. Als ich dranging hieß es, ich hätte einen großen Sachpreis gewonnen und alles, was ich tun müsste, wäre, zurückzurufen und mich über die Modalitäten zu informieren. Halb schlaftrunken habe ich natürlich angerufen und musste mir eine halbe Stunde eine Bandansage anhören und meine Kontaktdaten draufsprechen. Aber die müssten sie doch eigentlich haben, wenn ich was gewonnen habe? Egal, ich bin zu müde, darüber nachzudenken. Ich surfe jetzt noch ein wenig herum und gehe dann schlafen. Gute Nacht.

Donnerstag: 2:01 Uhr: Hey Leute, Überraschung. War doch noch etwas trinken. Ein guter Freund bei Bookface hat mich angeschrieben und wir haben uns noch den einen oder anderen Plausch gegönnt. Neben mir steht eine leere Flasche Wein. Brauche gleich mal Nachschub. Er hat mir tolle Bilder von seiner nackten Freundin gezeigt und da konnte ich natürlich nicht hinten anstehen. Gleich mal ein paar private Bilder von mir auf meinem Profil gepostet. Kann ja niemand sehen außer meinen wirklich guten Freunden. Also die Steffi, das war doch mal eine richtig heiße Braut. Oh, schon 3 Uhr. Ich glaube, ich muss schlafen. Bis morgen.

Donnerstag, 11:03 Uhr: Mir brummt der Schädel. Habe mich erst einmal krank gemeldet. Muss ja niemand wissen, was gestern Abend so alles war. Mein dummer Chef kotzt mich sowieso total an. Fragt er mich doch, was ich genau hätte und mit Kopfschmerzen könne man doch dennoch weiter arbeiten. Was geht ihn das an, wie es mir denn geht. Habe übrigens schon die ersten Kommentare auf die Bilder von Steffi bekommen. Einige haben mich nach ihrer Adresse gefragt. Natürlich habe ich sie nicht mitgeteilt. Bin ja nicht doof. Habe durch die Bilder einige tolle neue Freunde kennengelernt. Und das heißt es noch: Das Internet mache einsam *haha*

Donnerstag, 19:11 Uhr: Ich habe mal meine Profile aktualisiert. Da waren tatsächlich Fragen, die ich noch nicht beantwortet hatte. Ist ja alles für den guten Zweck – für meine Geldbörse nämlich. Gibt wieder Punkte, wenn ich einiges ausfülle *hehe* Mein E-Mail-Postfach ist mittlerweile voll von irgendwelchem Schrott. Wahrscheinlich hat irgendjemand meinen Account gehackt und sich da eingepflanzt. Habe eine böse Mail an den Anbieter geschrieben. Aber war ja nicht alles Schrott. Habe mal ein paar Produkte bestellt.

Freitag, 13:14 Uhr: Hatte heute ein Gespräch mit meinem Chef. Er war nicht gerade gut drauf. Hat mich angebrüllt und mir vor versammelter Mannschaft mein Profil vorgehalten. Darin waren natürlich alle Beleidigungen und Beschimpfungen zu sehen. Scheiße. Wer hat ihm das denn gezeigt? Zu allem Überfluss wusste er, warum ich mich gestern krank gemeldet habe. Irgendjemand muss ihm das gesteckt haben. Oder aber er spioniert mich aus. Wahrscheinlich hat er einen Detektiv auf mich angesetzt. Auf jeden Fall bin ich jetzt erst einmal beurlaubt. Er sagte mir aber schon, dass ich auch in Zukunft Zuhause bleiben könne. Na ganz toll. Egal – hatte sowieso keinen Bock auf den Laden. Ich finde überall einen neuen Job.

Einige Wochen später: Merkwürdig. Ich bekomme lauter Absagen. Ist ziemlich frustrierend. Bei zwei Firmen habe ich angerufen und mich erkundigt. Sie meinten nur, ich würde einen ziemlich lockeren Stil pflegen und das wäre nicht das Richtige für sie. Hm… Habe mir übrigens ein neues E-Mail-Konto angeschafft. Das Alte war nicht mehr zu benutzen. Lauter Spam. Sehr ärgerlich. Mein Briefkasten ist jeden Tag voll mit irgendwelchem Schrott. Glaube, da komme ich nicht mehr so einfach raus. Aber das Haarwuchsmittel scheint wirklich zu helfen. Habe das Gefühl, dass tatsächlich einige Haare dazugekommen sind. Habe mir gleich eine neue Packung bestellt und mich auf einigen Internetseiten für weitere Proben anderer Hersteller angemeldet. Wieder Formulare, wieder Informationen. Aber: Wieder Bonuspunkte *hehe*

Heute habe ich mich bei Google gefunden. Und zwar ganz oft. Sogar auf Seiten, auf denen ich mich nie eingetragen hatte. Dort stehen ganz viele Dinge über mich drin. Fotos, sogar die ganz Privaten. Und woher kennen die eigentlich meine Adresse und meine Bankverbindung? Ich glaube das nicht. Mein Konto ist sowieso hoffnungslos überzogen. Schaue gar nicht mehr drauf, weil ich die Kontrolle darüber verloren habe, was da passiert. Und einen Brief vom Gericht hatte ich heute auch im Briefkasten. Ich habe ihn gar nicht erst aufgemacht. Ich glaube, irgendwas ist vollkommen außer Kontrolle geraten. Habe ich vielleicht doch ein wenig zu viel von mir erzählt? Ich glaube, ich werde meine Profile erst einmal überall löschen und dann ganz von vorne anfangen. Ich werde nie wieder einfach so Dinge erzählen und irgendjemandem meine Daten anvertrauen. Nie wieder. Aber meine Bonuskarten behalte ich natürlich. Nur noch 132.080 Punkte bis zur Nintendo-Konsole. Yeah!

(Alper Iseri)


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Über den Autor

Ehemalige BASIC thinking Autoren

Dieses Posting wurde von einem Blogger geschrieben, der nicht mehr für BASIC thinking aktiv ist.

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