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Basic Sunday: Die Zeitmaschine

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Wir schreiben das Jahr 2019. Die Menschen in Deutschland haben gelernt, mit der Technologie umzugehen und sie für das Wohl der gesamten Menschheit einzusetzen. Heute haben die Menschen die Kontrolle darüber, wie sie die Technologie nutzen möchten und werden nur von einer handvoll Grundgesetze daran erinnert, dass es auch Regeln einzuhalten gibt, um die Menschen vor bösen Inhalten zu schützen. Jeder Mensch kann sich frei bewegen. Er arbeitet vornehmlich für sich selbst, schließt Freundschaften und hat endlich den finalen Schritt in der Evolution der Technologie selbst beschritten: Die Technik für das Wohl aller zu begreifen und gemeinsam nicht für den eigenen Wohlstand, sondern für das Wissen und die Macht der gemeinsamen Menschheit einzusetzen.

Mit einem wütenden, resignierenden Blick schalte ich das Display aus, stehe auf und genehmige mir eine Tasse Kaffee. Ich blicke aus dem Fenster, als es an meiner Tür klopft. „Ja bitte?“ Eine Delegation von vier Personen kommt in mein Büro. Ich schaue sie nicht an. Ich weiß, wer es ist. „Haben Sie Fortschritte erzielt?“ frage ich sie und drehe mich zu ihnen um. „Ja, Sir“, antwortet ein leicht untersetzter Mann mit Brille und einem ziemlich zerknitterten Anzug. „Ich denke, wir wären bereit für eine erste Testphase.“ Ein Lächeln huscht über meine Lippen. „Allerdings gibt es da noch ein kleines Problem, um das wir uns kümmern müssen.“ Ich lege meine Tasse ab. „Was für ein Problem?“ – „Nun“, äußert sich der Wissenschaftler neben ihm. Er ist nicht mehr der Jüngste aber ein wahres Genie in seinem Fach. „Wir haben Ihnen bereits gesagt, dass dieses Experiment ein großes Risiko darstellt. Nur eine kleine Änderung könnte die gesamte Vergangenheit verändern und damit auch unsere Zukunft. Sind Sie sich des Risikos absolut bewusst?“

Ein Meilenstein für die gesamte Menschheit

Ich setze mich an meinen Schreibtisch und biete den Herren an, sich ebenfalls zu setzen. „Mein lieber Herr Schmidt. Ich kann, und da spreche ich sicher für alle Anwesenden hier, Ihre Ängste und Sorgen verstehen. Niemand hat die Absicht, irgendein Risiko einzugehen, welches Einfluss darauf hätte, wie die gesamte Menschheit sich entwickelt. Alles, worum wir uns bemühen möchten ist, der Menschheit einen immer währenden Blick auf die Vergangenheit zu zeigen, um die Möglichkeiten und Chancen unserer Zukunft zu begreifen.“ Schmidt nickt. „Sicher Sir, aber um unsere Geschichte zu begreifen, müssen wir uns nicht als Personen in die Vergangenheit bewegen. Wir können Hologramme schaffen, um uns unerkannt in den Zeiten zu bewegen. Wir können Computerprogramme entwickeln. All diese Dinge würden genauso funktionieren. Die Gefahr entdeckt zu werden, ist meiner Ansicht nach definitiv zu groß.“ Ich spitze meine Lippen, verharre einen Moment und wende mich dann Herrn Saud zu. „Was meinen Sie dazu?“

Abdul Saud, ein Abgesandter der Regierung, lächelt mich an. „Die Einwände von Herrn Schmidt sind nicht von der Hand zu weisen. Es besteht ein geringes, wenn auch auf jeden Fall existentes Risiko, dass dieses Experiment schief gehen kann. Die Auswirkungen wären enorm. Gleichwohl weiß auch ich um die Chancen dieses Versuches. Wenn er gelingt, dann haben wir die Möglichkeit, unsere gesamte Vergangenheit als auch unsere Zukunft als große Chance zu begreifen und für das Wissen der Menschheit einzusetzen.“ Während er spricht, spüre ich meine Chancen wachsen.

Begreifen wir die Vergangenheit als Chance für die Zukunft

Ich richte mich auf und blicke meinen Gesprächsteilnehmern in die Augen. „Meine Herren“, sage ich. „In der Vergangenheit sind Menschen immer wieder Risiken eingegangen, um Technologie und Wissenschaft voranzubringen und für das Wohl aller einzusetzen. Wir alle wissen, dass nicht alle diese Menschen ehrenhaft waren und sie vornehmlich für ihre eigenen Zwecke nutzen wollten. Doch, das frage ich Sie: Gehören wir zu den Bösen, die nur an ihr eigenes Wohl denken? Wir alle, mit Ausnahme von Ihnen, Herr Saud, arbeiten Tag für Tag daran, den Menschen mit Musik und visuellen Erlebnissen eine Welt zu schenken, die sie von ihrer Arbeit ablenkt. Wir geben jungen Künstlern die Möglichkeit, die Aufmerksamkeit der gesamten Welt auf sich gerichtet zu sehen. Wir sorgen für Wohlstand, wir sorgen für Freiheit. Unser Konzern hat für diese technische Revolution Unmengen an Geldern ausgegeben um der Menschheit etwas schenken zu können, was viel mehr ist, als nur Spiele zu spielen, Musik zu hören oder festgelegte Filme anzusehen. Wir möchten ihnen die Gelegenheit geben, die wahre, echte Vergangenheit kennenzulernen. Ein Erlebnis, welches so auf jeden Fall stattgefunden hat. Sie können fühlen, riechen, schmecken. Eine Gelegenheit, auf die unsere Menschheit gewartet hat. Möchten Sie diese Errungenschaft tatsächlich der Menschheit vorenthalten?“

Gemeinsam für das Wohl aller

Abdul Saud blickt in seine Unterlagen und gibt kein Wort von sich. Er denkt nach. Ein gutes Zeichen. Vielleicht habe ich ihn überzeugt. Es ist schade, dass das Wohl aller Menschen noch immer an einigen wenigen gewählten Führern hängt, die teilweise nicht begreifen, warum unsere Zukunft heute so aussieht, wie sie aussieht. Manche Dinge gehen schief, manche Dinge laufen gut und manche Dinge… die muss man ändern. Und ich habe nicht vor, mich jetzt aufhalten zu lassen.

„Einverstanden“, sagt er. Wir werden einen Versuch starten. Allerdings – und darauf bestehe ich Herr von Ede – übernimmt Ihr Konzern die volle Verantwortung für eventuelle Schwierigkeiten.“ Ich nicke zufrieden. „Aber selbstverständlich übernehmen wir die volle Verantwortung.“ Wir reichen uns die Hand und schütteln sie. „Eine Sache noch“, sagt Saud. „Wissen Sie schon, welche Zeit Ihnen vorschwebt?“ Ich zeige mein schönstes Lächeln. „Aber sicher doch. Wir haben uns für das Jahr 2000 entschieden. Relativ langweilige Zeit. Nichts Großes in Deutschland passiert. Die entscheidenden Veränderungen unserer Gesellschaft traten erst 2010, 2011 zutage. Und ich habe auch schon ein Team aus menschlichen Robotern zusammengestellt, welches die Reise unternehmen wird. „Sehr schön“, sagt Saud. „Sie haben die Freigabe. Starten Sie dann, wann es Ihnen genehm ist. Ich danke Ihnen im Namen der Regierung für Ihre Investition und für Ihren Mut.“ Dann verlässt er den Raum.

Nichts ist so, wie es scheint

Ich drücke einen Knopf. „Schicken Sie sie bitte herein.“ Die Türen öffnen sich und drei Personen kommen herein. Sie setzen sich zu uns. „Herr Schmidt, sind die Roboter soweit bereit?“ – „Ja Herr von Ede, alle Eingaben wurden nach ihren speziellen Wünschen vorgenommen. Der Plan sieht vor, dass diese drei Roboter die Rollen von drei Politikern einnehmen werden, die Sie vorab ausgewählt haben. Sie haben keine besondere Rolle in der Politik des frühen 21. Jahrhunderts eingenommen sondern sich, wie viele Andere auch, für das Wohl der Menschheit eingesetzt und waren mit dafür verantwortlich, dass unser Land heute so ist, wie sie ist. Wir können den Test morgen früh um acht Uhr starten.“ – „Sehr schön, Herr Schmidt. Vielen Dank. Wir sehen uns morgen. Geben Sie noch bitte Herrn Lynton Bescheid. Er möchte morgen auf jeden Fall dabei sein. Schließlich haben wir dieses Projekt nur ihm zu verdanken. Und Ihnen meine Herren, noch einen schönen Abend. Alles wird gut gehen. Das verspreche ich Ihnen.“

Einige Momente später befinde ich mich alleine in dem Raum mit unseren drei Hoffnungsträgern. Ich öffne meine Schublade, hole drei Speicherkarten heraus und ersetze die originalen Programme mit neuen Befehlen. Nach einem kurzen Neustart sind die Geschöpfe wieder einsatzbereit. „Ist euer Befehl bekannt?“ frage ich sie. Schäuble antwortet: „Ja, Sir. Die Rechte jedes Individuums zu schwächen und die Kontrollen der Regierung und der Konzerne stärken. Heimatschutz geht über den Schutz von Individuen.“ Von der Leyen antwortet: „Ja, Sir. Die Freiheit des Individuums einzuschränken und Angst und Schrecken in der Bevölkerung zu verbreiten. Für den Schutz von Kindern muss jedes Mittel recht sein.“ Zypris antwortet: „Ja, Sir. Gesetze zum Wohl der Industrie zu schaffen und die Unabhängigkeit der Justiz zu schwächen, um die Ziele Eins und Zwei zu erreichen.“ Mit einen Lächeln setze ich mich wieder hin. „Fabelhaft“, sage ich. „Melden Sie sich morgen früh bei Herrn Schmidt bei der Zeitmaschine. Ich erwarte, dass Sie Ihren Auftrag mit größter Präzision und ohne Fehler ausführen. Haben Sie mich verstanden?“ – „Verstanden, Sir“. Dann gehen sie. Ich bin alleine und wähle die Nummer von Michael Lynton. Auch er ist begeistert. Er flucht eine Weile über das Internet und unsere heutige, gerechte Welt. Dann lobt mich für meinen großen Einsatz und verspricht, mich in Zukunft bei der nächsten Vorstandswahlsitzung nicht zu vergessen. Ich bin zufrieden und schaue aus dem Fenster. Morgen beginnt ein neuer Tag.

Die neue Zukunft hat begonnen

Wir schreiben das Jahr 2019. Die Konzerne in Deutschland haben gelernt, mit der Technologie umzugehen und sie für das Wohl der gesamten kommerziellen Welt einzusetzen. Heute haben die Konzerne die Kontrolle darüber, wie sie die Technologie nutzen möchten und werden nicht durch Gesetze daran daran erinnert, dass es auch Regeln einzuhalten gilt, um die Menschen vor bösen Inhalten zu schützen. Niemand kann sich frei bewegen. Der Mensch arbeitet vornehmlich für sein Unternehmen. Er kämpft für den Erfolg seines Arbeitgebers und hat endlich die finale Loyalität begriffen: Die Technik für das Wohl seines einzigen und alleinigen Arbeitgebers zu verwenden und nicht für den eigenen Wohlstand sondern für das Wissen und die Macht des einen, wahren Superkonzerns einzusetzen.

(Alper Iseri)


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Über den Autor

Ehemalige BASIC thinking Autoren

Dieses Posting wurde von einem Blogger geschrieben, der nicht mehr für BASIC thinking aktiv ist.

25 Kommentare

  • Was soll ich sagen? Lesenswert. Viel wahres dran. Ich würde zu gerne die Gesichter von Zypries, von der Leyen und Schäuble sehen, wenn sie dies lesen würden. (Tun sie aber wahrscheinlich gar nicht. Schade.)

  • Etwas sehr langatmige und gänzlich von Spannung befreite Geschichte. Man liest, liest und nichts passiert. Hätte man auch in zwei Abschnitten schöner schreiben können. Deine beste Geschichte ist das definitiv nicht.

  • Ja, ich finde die Geschichte dieses Mal auch ein wenig langatmig und man wartet darauf, dass endlich „was passiert“ oder sich ändert im Verlauf.

    Alper, du hast schon besser geschrieben *g* Ich persönlich fand deinen allerersten Versuch am Besten und auch inhaltlich für mich spannender.

  • Zitat
    st dies meiner Ansicht nach ein weiterer Anwärter auf meinen ganz persönlichen Titel “Die beste Geschichte, die ich bislang geschrieben habe”.
    Zitatende

    Man sollte den Tag nicht vor dem Abend loben. Die Geschichte ist langwierig geschrieben und ohne Anreize, zuende zu lesen. 🙁

    Meine Lehrerin pflegte früher immer zu sagen: „Der eine muss schütteln und klopfen, dem anderen fliest es so aus der Feder“

    Frohe Pfingsten

  • Manchmal läuft es besser, manchmal schlechter. Interessant – gerade bei den Beiträgen letzte und vorletzte Woche hätte ich eher gedacht das es eher negativ aufgenommen wird. Doch das Gegenteil war der Fall. Diese Woche war ich sehr begeistert davon und habe nun drei mittelmäßige Rückmeldungen. Nun – kann ja nicht immer so eindeutig sein :-))

    Vielen Dank für eure Rückmeldungen. Mal schauen, was mir so für nächste Woche einfällt…

  • Hallo Alper,
    ich würde dir ja gerne großes Lob aussprechen, aber leider haben meine Vorkommentatoren recht. Was mir besonders auffiel:

    * Kaum Spannung – du erzählst zwar nett, aber es fehlt dann doch die Spannung.
    * Nur eine „interessante Überraschung“ – mehr nicht. Die drei Politiker ist nett, aber das wars dann schon irgendwie.
    * Ausgelutschtes Thema – Ich finde es dann irgendwie doch sehr schade, dass es immer wieder auf dieses eine Thema hinaus läuft. Sicherlich ist das sehr wichtig, aber es gibt auch noch viele andere Themen, warum nicht einmal dazu eine Geschichte?

    Deine erste Geschichte hat mir definitiv besser Gefallen.
    Ein kleiner Hinweis noch am Rande:
    Wenn du vorab bereits im deinem Blog dich selbst lobst, dann förderst du damit sicherlich viel mehr die negative wie die positive Kritik 😉
    Ich selbst habe die Geschichte auch viel kritischer gelesen als sonst, unbemerkt. Erst im Nachhinein beim reflektieren ist mir das Aufgefallen.

    @Uwe:
    Du hast vollkommen recht, die Musik ist… interessant 😉 Und passend.

  • Es ist klar dass solch ein Artikel weniger packend und mitreißend ist, wie zum Beispiel der, der um die Ballerspiele ging. Diesmal ist halt einfach vom Inhalt weniger Action drin. Dennoch finde ich den Text gut geschrieben. Sind wir mal gespannt was Alper für uns am kommenden Sonntag wieder parat hat.
    Danke Alper für die Lektüre.

  • Trotzdem endlich mal ein Blogger der die Thematik nicht nur dahin schmiert, sondern sich spezifisch damit auseinandersetzt. Die Besinnung ist doch schließlich der Sinn der Geschichte, der Schreibstil zweitrangig.

  • Also entschuldigt, aber ich finde das, was Alper hier von sich gibt, mittlerweile doch stark überzogen. Weder hat es was mit Realität zu tun, noch wird es so jemals Realität werden. Sicher, was derzeit passiert bedarf unserer aller Aufmerksamkeit und wir alle sollten was dagegen tun. Sei es nun Internetzensur, Ausweitung von Kompetenzen ohne Kontrollmechanismus und und und …

    Aber die ewig schlechte Sicht, die Alper zeichnet, ist für mich langsam nicht mehr spannend, denn in jeder seiner Geschichten läuft es darauf hinaus, dass wir alle im Jahre 2000-irgendwas geknechtet, entmündigt und geknebelt sind. Alternativen? Keine. Und da man das Ende schon kennt, ist es einfach nicht mehr lesenswert. Sorry.

  • In gewissem Sinne muß ich mich meinem Vorredner anschließen – ist alles etwas überzogen. Aber um etwas zu bewegen oder nur wachzurütteln, muß man eben etwas überspitzt ausdrücken.

  • Lieber Anno,

    natürlich kann und darf und soll Asper schreiben was er möchte. Er kann uns auch gerne alle glauben machen wollen, dass er die Welt von morgen so sieht (was ich bezweifle, dass er es tut). Das stört mich alles gar nicht. Ich habe nur angemerkt, und das wirst auch Du mir sicher zubilligen, dass man mittlerweile bei jeder Geschichte sofort sehen kann, wie sie endet. Ich brauch sie mir nicht mal mehr durchzulesen und weiß, was in den letzten Absätzen kommt.

    Irgendwer knechtet irgendwen kaputt um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen mithilfe der derzeitigen Machthaber. Sorry, aber dieses gebetsmühlenartige Runterbetteln vom Untergang der Menschheit teile ich nun mal nicht. Natürlich sehe ich auch Gefahren in einigen Entwicklungen aber diesen Gefahren wird auch begegnet. Stichwort: Petition Internetzensur.

    Und genau aus diesem Grunde und weil ich denke, dass eben noch nicht aller Tage abend ist, kann ich dieser „Weltuntergangsstimmung“ nun mal nicht folgen. Aber natürlich kann Asper schreiben was er will. Es ist für mich nur einfach nicht mehr lesenswert. Punkt. Und das ist das schöne an unserem Gott sei Dank freiem Land. Ich habe hier das Recht, meine Meinung zu äußern. Und Du hast das Recht sie nicht teilen zu müssen. Ist das nicht toll?

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