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Nozzl Media zeigt eine neue Stufe des Roboterjournalismus

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DuMont hatte es sich ja recht einfach gemacht. Nach dem Abschuss der kompletten Redaktion der „Netzeitung“ fackelte der Verleger nicht lange und machte sich daran, das journalistische Online-Urgestein in einen billigen News-Crawler umzubauen: „DuMont macht Netzeitung endgültig überflüssig“, titelte daraufhin DWDL, was auch der wohlwollenste Stammleser unterschreiben würde. Man hätte ja vermuten können, dass der Kölner Verlag sich ein wenig Mühe gibt, immerhin ging es darum, ein jahrelang eingespieltes Team durch simple Robotik zu ersetzen. Dass dann aber nur die Burda-Schnittstelle von nachrichten.de angezapft wird und die News-Fetzen und Bilder der gängigen Medien auf die Plattform geworfen werden – das war dann doch ein wenig ernüchternd. Am Abend des 4. Januar brach dann kurzzeitig die Kommunikation mit dem Nachrichten-Aggregator ab und die Netzeitung zeigte wieder Infos vom Stand 31. Dezember 2009.

Doch der Trend ist unverkennbar. Immer stärker werden Maschinen den Reporter ersetzen. AOL hat den Roboter-Journalismus bis heute am Besten perfektioniert: Geschrieben wird über das, was der Computer vorgibt – nachdem er errechnet hat, ob das Thema ein großes Publikum erreichen kann und es sich entsprechend vermarkten lässt. Dass da aber noch ordentlich Luft nach oben ist, beweist nun der neue Realtime-News-Dienst Nozzl Media (zu Deutsch etwa „Spritzdüsen-Media“). RWW hat die Plattform gerade vorgestellt und ich hätte schnell das Fenster wieder geschlossen, wenn dort nicht zu lesen gewesen wäre, dass Steve Suo einer der Gründer ist.

Suo bekam 2005 den Pulitzer-Preis und war angesichts des drohenden Kahlschlags in seiner beruflichen Heimat bemüht, neue Alternativen des Journalismus im 21. Jahrhundert ausfindig zu machen. Nozzl Media ist ein Projekt, das nun ganz ohne die Hilfe von Reportern auskommt. Es handelt sich dabei um einen News-Automaten, der Blogs, Twitter und erstmals auch öffentliche Dokumente von Behörden berücksichtigt. Das Ganze ist auf Lokalität getrimmt, ein Filter hilft bei der Navigation durch den Echtzeit-Infostrom. Wie das in der Praxis funktioniert, zeigt der Betreiber auf einer Beispielseite für Portland, Oregon. Ein Keyword zum Filtern ist tatsächlich unbedingte Voraussetzung, sonst wächst dem Besucher die Nachrichtenwelle über den Kopf.

Ursprünglich war Nozzl Media als mobile App für Smartphones gedacht – laut den Betreibern gefiel das Ding vielen Verlagen aber so gut, dass sie es lieber als Widget für Websites einsetzen wollten (was auch etwas mit der Art der Vermarktung zu tun haben dürfte). Und genau in diese Richtung geht es weiter.

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Das Problem eines solchen automatisierten Systems offenbart sich allerdings schnell: Anstelle filternder Reporter sind nun Schlüsselworte am Werk, die nun einmal nicht perfekt sind, so dass ein nicht unbedeutender Teil der News links und rechts am gewünschten Semantikfeld vorbeischrammt. Weiter geht es mit den eigentlichen Infos: „Media Row Report: Blazers 105 Grizzlies 109“, heißt es in einer Meldung. Was heißt das? Bärenalarm? Nein, ein weiterer Klick bringt uns zu einem Blogeintrag, in dem es um die Ergebnisse eines Basketball-Spiels geht. Die offiziellen Behörden-News sind ebenfalls kryptisch: „UNCONS/UNRESPONS – 1 SW BOWERMAN DR“, lautet das Fazit eines 911-Alarm-Eintrags. Einheiten „E67, MW66, T67“ wurden losgeschickt. Und nun? Was ist passiert? Jemand ist umgekippt im Bowerman Drive? Was hatte er? Ist er auf dem vereisten Gehweg ausgerutscht? War es eine Frau? Die Maschine bleibt stumm.

Das sind eben die Fragen, die man sich stellen muss, wenn man so etwas wie Nozzl Media einsetzt. Man verzichtet bewusst auf Hintergründe zur Story, vertraut aber gleichzeitig auf die überragende Leserkompetenz, Personalcodes und Meldungskürzel entschlüsseln zu können. Darüber hinaus muss der Nutzer eine konkrete Vorstellung von dem haben, was er gerade sucht – ein Rundum-Blick à la „Was gibt es Neues in meiner Stadt?“ ist damit unmöglich. Und die letzte Denksportaufgabe lautet: Wenn alle News-Angebote irgendwann einmal aus derlei Aggregatoren bestehen – gibt es dann überhaupt noch Menschen, die Nachrichten verfassen?

(André Vatter)


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Über den Autor

André Vatter

André Vatter ist Journalist, Blogger und Social Median aus Hamburg. Er hat von 2009 bis 2010 über 1.000 Artikel für BASIC thinking geschrieben.

7 Kommentare

  • Das ist eine interessante Abschlussfrage, tatsächlich muss ja irgendwer die News schreiben, die dann robotermäßig verwurstet werden..Aber das müssen ja dann keine Journalisten sein..Gab es nicht auch diesen Versuch, wo der Computer eine Baseball-Spiel-Zusammenfassung anhand der Statistik selbst schreiben kann..Na dann, gute Nacht!

  • Der Journalist wird nicht ersetzt werden, denn eines wird ein Roboter nie schreiben können: Konstruktive und subjektive Kritik!!!

    Nachrichten werden eh überbewertet. Die gibt es auch überall (Auf jeder Plattform ein wenig umgeschrieben vielleicht – http://bit.ly/55byOI)!

    Hintergründe sind naturgemäß subjektive Wahrnehmungen und Interpretationen und können daher auch nur von emotionsfähigen Individuen produziert werden.

  • Die Arbeit wird dann den Presseagenturen überlassen (DPA, APA, Reuters, Pressetext, usw.), aber damit wird sich die etablierte Verlangsbranche ins Aus befördern. Für Alternativangebot mit „richtigen“ Menschen die Artikel verfassen ergeben sich dadurch neue Möglichkeiten.

  • Kommt halt drauf an, wie gut die Roboter die News aussortieren – Wenn man letztlich nur Werbetexte von Presseagenturen präsentiert bekommt, wird man sich abwenden.

  • Grausig – da jagt es mir doch einen Schauer nach dem anderen den Rücken runter. Aber vielleicht geht nur direkt meine Fantasie mit mir durch. Robotor, die Nachrichtentexte verfassen… Ich sehe nur die Variante, die @Andreas kurz anreißt plus Fehlverkettung von Informationen. Eben durch und durch grausig.

  • @ André Vatter: Dass „Blazers 105 Grizzlies 109“ Basketballergebnisse sind, war mir sofort klar. Kein NBA-Fan, was? 😉 -> Nichtsdestotrotz ist dieser Dienst ausbaufähig, klar.

    @ FussieBlogger: Dem würde ich widersprechen. Stichwörter: Künstliche Intelligenz und Semantisches Web zeigen, dass auch diese Entwicklung bereits im Gange ist. Dass das ganze aber noch – glücklicherweise – eine Weile dauern wird, dürfte auch jedem klar sein. Allerdings kann heute so etwas schneller geheh, als man denkt. In diesem Kontext würde ich tatsächlich sagen: „Sag niemals nie.“

    @ Nicole Haase: Fragt sich nur: Wenn es jeder so grausig findet, wieso kommt es dann so?

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