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Abgeschaltete Kommentarfunktion bei 'Engadget': Richtige Entscheidung oder falsches Signal?

Solltet ihr zu denjenigen gehören, die außer der täglichen Portion Basic Thinking-News noch anderswo ihren Hunger nach Tech-Meldungen stillen, dann habt ihr es sicherlich mitbekommen: das wohl bekannteste Tech-Blog der Welt – Engadget – hat am gestrigen Dienstag die Kommentarfunktion für seine User abgeschaltet. Auf unbestimmte Zeit, wie es heißt. Grund: Trolling und Flaming.

Was war passiert? – Offenbar hat einigen Besuchern des Blogs die Art und Weise nicht gefallen, wie seit einiger Zeit über Apple-Produkte – vor allem das iPad – berichtet wurde. Die Beschwerde lautete, dass die Engadget-Mitarbeiter zu viele und zu positive Posts über aus der Cupertino-Schmiede stammende Gadgets verfasst und Microsoft auf der anderen Seite in der Bewertung immer viel zu schlecht abgeschnitten hätte. Ein Kampf User gegen User und User gegen Engadget-Blogger war die Folge. Lezterer sogar in einer Form, die über ein vertretbares Maß hinausging. Schlussendlich sah man sich bei dem Tech-Blog gezwungen, einzuschreiten, den Stecker zu ziehen und die Kommentarfunktion abzuschalten, bis sich die Gemüter beruhigt haben. Oder anders ausgedrückt: Man hat vor der aufgebrachten Meute kapituliert.

Die Jagd auf Trolle

Wie ist die Situation nun zu bewerten? Hat Engadget richtig reagiert? Wird die Maßnahme den erwünschten Erfolg bringen? Oder wurde ein völlig falsches Zeichen gesetzt und den Trolls dadurch erst offenbart, welche Macht sie über einen Blog haben (können)? Hätte man möglicherweise – aus Rücksicht beziehungsweise Verpflichtung gegenüber den „braven“ mitteilsamen Leser – die Kommentarfunktion weiterhin aktiv lassen und die Filter- und Löschbemühungen erhöhen müssen?

Ich nehme es vorweg: Ich habe keine abschließende Antwort(en) und möchte die Fragen vielmehr mit euch zusammen in den Kommentaren diskutieren. Eine Antwort fällt mir aus dem Grunde schwer, weil sie sehr kontextabhängig ist. Betreiber und Besucher von Seiten wie beispielsweise Ebaumsworld oder Heise (no offense!) sind an despektierliche Kommentare vermutlich gewöhnt (Besucher steuern dieses Seiten unter Umständen sogar aus diesem Grund an, weil sie die Beschimpfungen und Flame Wars lustig finden oder gerne selbst austeilen – ein Schicksal, das das neue Forum der GEZ offenbar auch bald ereilen wird) – und sind dementsprechend abgehärtet. Selbst dann, wenn sie persönlich angegangen werden.

Dann gibt es aber auch das von uns geschätzte Fefe-Blog oder den Apple-Guru John Gruber, die sich von vorneherein weigern, die Kommentarfunktion auf ihrem Blog freizuschalten. Fefe schreibt auf in den FAQs auf die Frage nach einer Kommentarmöglichkeit: „Gibt es nicht. Vor allem weil ich dann die Kommentare vorzensieren müßte, um mich vor der Pressekammer Hamburg zu schützen. Und ich verbringe meine Zeit lieber mit Bloggen als mit Trollfiltern. Im Übrigen könnt ihr mir ja gerne eine Mail schreiben, wenn ihr was inhaltlich zu kommentieren habt, das tue ich dann gerne auch als Update zu dem Artikel dazu.“ Eine Argumentation, der ich durchaus folgen kann! André und ich haben bereits weniger Zeit als uns lieb wäre, um auf eure Kommentare zu reagieren. Müssten wir dann zusätzlich auch noch auf Troll- und Spamjagd gehen, blieben unsere eigenen Antworten unter den Posts wohl gänzlich auf der Strecke.

Wie wichtig sind Kommentare?

Auch die von Fefe angesprochene rechtliche Verpflichtung des Blogbetreibers, Kommentare (vor)zensieren zu müssen, beziehunsgweise den in Kommentaren geposteten Content zu überprüfen, ist ein Argument gegen eine Kommentarfunktion. Die Frage, die sich aber in solchen Fällen stellt, ist: Wie viel ist ein Blog ohne Kommentare der Besucher wert? Auch hierauf gibt es leider keine eindeutige Antwort. Für uns auf Basic Thinking wäre es undenkbar, Fefe und der oben genannte Gruber kommen aber offenbar bestens ohne aus. Letztgenannter allerdings weniger aus den zuvor genannten Gründen, sondern aus Eitelkeit. Er will keine Kommentare auf seiner Seite, weil sie von seiner hochwichtigen Stimme ablenken würden! Da die Besucher seines Blogs dies aber anders sehen und sich einem solchen Diktat des Bloggers nicht beugen wollen, haben sie kurzerhand eine 1:1-Kopie seines Blogs erstellt – inklusive freigeschalteter Kommentarfunktion.

Ein weiteres Argument, das im Zusammenhang mit Engadgets Entschluss zum Abschalten der Kommentarfunktion aufkam, war eine mögliche Sorge vor einer Intervention der Werbepartner. Zwar wiegelt der Chefredakteur des Blogs, Joshua Topolsky, im oben verlinkten Interview mit Venturebeat ab und behauptet, dass kein Druck von Seiten der Werbepartner auf ihn ausgeübt worden wäre. Denkbar ist es aber trotzdem – und aus dieser Position wäre die Entscheidung auch wieder verständlich.

Wie ich bereits oben sagte: Es spricht einiges für und einiges gegen den von Engadget unternommenen Schritt. Zu entscheiden, ob er richtig oder falsch war, vermag ich nicht.

(Marek Hoffmann)

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Über den Autor

Marek Hoffmann

Marek Hoffmann hat von 2009 bis 2010 über 750 Artikel für BASIC thinking geschrieben und veröffentlicht.

25 Kommentare

  • Absoluter Dünnpfiff sowas, die haben Erfolg wegen Ihrer User und diese aussperren ist ja wohl mal voll daneben.

    Blogs wie engadget können froh sein, dass in den Kommentaren reges Treiben herrscht, so können Sie Ihren Content optimaler auf die Besucher ausrichten, aber nein, die fahren nen Ego-Trip, bringen weiter schöngeredete iPad-News und vermiesen so die Stimmung der Leser.

    Mit ein paar Klicks wäre auch ein Registrierungszwang eingestellt, aber da kommt man auch auch vom Regen in die Traufe.

    Was also tun? Kommentare freischalten, der Rest reguliert sich selber und Filter für Spam und Schimpfworte gibt es ja zu genüge.

  • Ich halte diese Abschaltung für absolut gerechtfertigt. Man sollte nicht vergessen, dass Kommentare in irgendeinerweise auch überprüft werden müssen. Wenn 80 Prozent aller Neukommentare auf einmal „Trollcomments“ sind, dann kann ich es absolut nachvollziehen, dass man diese Art von Kommunikation nicht toleriert.

    Man sollte darüber hinaus immer bedenken, dass der heutige Pluralismus in der Gesellschaft eine äußert wichtige Rolle spielt und jede Menge Meinungsbilder schafft. Letztlich kann man es nicht allen Besuchern recht machen. Im Gegenteil, es wird immer Feinde und Trolle geben.

    Wenn keine konstruktive Diskussion zu stande kommen kann, dann ist der Sinn der Kommentarfunktion nunmal verfehlt. Passend dazu berichtet übrigens auch netzwertig: http://netzwertig.com/2010/02/03/journalismus-2-0-ist-ein-umdenken-bei-kommentaren-notwendig/

  • Ich habe festgestellt, dass ich Blogs, bei denen die Kommentarfunktion deaktiviert wurde, seltener wiederbesuche bzw. sie seltener bookmarke. Viele Artikel erwachen erst durch die aktive Diskussion (Mitarbeit) der Leserschaft zum Leben. Wenn das fehlt, haben Artikel oft den Anschein, allgemeingültig sein zu wollen.

    Ohne mich an der Diskussion Apple / MS beteiligen zu wollen: Ich werde Engadget zukünftig seltener besuchen bzw. wohl gar nicht mehr. Ohne Kommentare fehlt eben was. Und zwar die Möglichkeit, auf eventuelle falsche Schlussfolgerungen oder Behauptungen umgehend antworten zu können. Und das ist für mich sehr wichtig.

  • Die Kommentarfunktion macht doch gerade den Meinungsbildungsprozess (des Leser) in einem Blog aus. Wo sonst hat man die Möglichkeit direkt (und am besten ungefiltert) Gegenargumente, Mindermeinungen, Ergänzungen auf das Geschriebene zu sehen?

  • Es gibt sicher verschiedene Gründe einen Blog zu betreiben. Die meisten Leser dürften aber diejenigen haben, die auch die User zu Wort kommen lassen, sprich ihren Blog als Kommunikationsmittel betrachten.

  • Also ich finde das Abschalten der Kommentare auch eher fragwürdig. Wenn so viele Kommentare mit kritischem Inhalt, wie auch immer geartet, erscheinen, sollte man sich doch Gedanken machen, warum das der Fall ist, und wie man dies verbessern kann. So aber verschließt man sich vor vielleicht sinnvollen Kommentaren und schreibt an den Lesern vorbei.

  • es gibt keine blogs ohne kommentarfunktion.

    hat eine artikel-serie eine kommentarfunktion, dann ist es ein blog, hat eine artikel-serie keine kommentarfunktion, dann ist es eine kolumne.

    entgegen anderslautendem namen – und unabhängig von jeder wp-lösch-orgie – ist „Fefes Blog“ also eine kolumne.

    da wurde einfach der englische begriff „weblog“ erst abgekürzt, dann übernommen (oder andersherum) und dann jahrelang falsch verwandt.

    das selbe problem haben wir beim begriff „flatrate“ auch schon seit jahren.

    bei heise gibt es eine mindestzeit für neue kommentare; etwas ähnliches könnte man auch bei engadget einführen. am besten mit exponential steigender zeit. je mehr kommentare einer person schon drinstehen, desto mehr zeit vergeht, bis man einen neuen hinzufügen kann. das würde die trolle fernhalten; wer ernsthafte kommentare abgeben will, wird auch damit ein wenig warten können.

    CU TOM

  • Ganz ehrlich, ich lese sehr selten Kommentare. Eigentlich immer nur dann, wenn ich selbst der Meinung bin das der Artikel nicht meinen Nerv trifft und ich wissen will was Andere davon halten.

    Aber das allein ist noch keine Rechtfertigung warum es unbedingt Kommentare geben muss. Wir haben mit Twitter, Facebook & Co. eine vom Content losgelöste Ebene über die kommentiert und der Kommentar auch mit den eigenen Followern geteilt werden kann. Ich sehe einfach keine Notwendigkeit die Kommentare im eigenen Blog/Magazin zu bündeln, weil sie meist null Mehrwert für den Artikel bedeuten, ich die Kommentatoren in den meisten Fällen sowieso nicht kenne und der Kommentar damit für mich de facto keinen Wert hat (klar gibt es auch Ausnahmen).

  • Mal ne andere Sicht. Ein Problem ist sicherlich, dass es für jemand absolut easy ist, in der Internet-Anonymität irgendwelchen Schwachsinn zu verzapfen, andere zu beleidigen, ….
    Ein Vorschlag wäre, diese Anonymität zu durchbrechen und Kommentare nur noch z.B. mit Authentifizierung über OpenID zuzulassen. Wenn man nachforschen kann, wer da rumtrollt und was er/sie da von sich gibt, dürfte die Wahrscheinlichkeit „sinnvoller“ Kommentare deutlich steigen. Alles wird man damit nicht verhindern können, aber zumindest reduzieren könnte man das Trollunwesen damit schon.
    In wie weit das praktikabel ist und nicht vielleicht Kommentare wg. des Aufwands verhindert, ist mir noch nicht klar… Aber mal ein Ansatz an der Wurzel des Übels
    cu Rainer

  • Kann es durchaus nachvollziehen auch wenn es schade ist. Kommentare zu filtern kann eine Menge Zeit in Anspruch nehmen. Alles geht eben nicht automatisiert.

  • #12 sehr gute Idee. Bin sowieso langsam am Zweifeln, warum Anonymität im Netz immernoch so unterstützt wird. Wenn ich mich im realen Leben an einer Diskussion beteilige, dann doch auch mit meinem Gesicht. Feige Trolle würden sich schnell verziehen und eine Meinung, zu der ich nicht mit meiner Person stehen will, die hat einen Wert von gleich Null.

  • @16

    na klar. Am besten noch mit Adresse und eID mit der du überall und jederzeit nachzuverfolgen bist. Am besten darf man ohne gar nicht mehr ins Internet. Kann ja nich sein. Nein danke. Aber dem Staat würde es gefallen.

  • @16 @18
    naja ich würde auch nicht soweit gehen, das überall zu verlangen, mir ist die Anonymität auch ziemlich wichtig….
    Aber bei Kommentaren sich mal kurz einloggen sollte doch kein Problem sein, mit etwas Hirnschmalz läßt sich vielleicht eine einfache Lösung ohne Cookies und derlei Zeugs finden …

  • Ich sehe das wie Katrin, denn leider führt Anonymität oft genug dazu, daß Leute spontan ihre Kinderstube vergessen und vollkommen ungefiltert ihre geistigen Ergüsse in Netz stellen. Wir leben ja nicht in einer Diktatur in der die freie Meinungsäußerung drastische Konsequenzen nach sich ziehen kann…

  • Wie wäre es mit unabhängigen „Enhancements“ für Seiten? Ich meine bisher ist man darauf angewiesen, was einem die Seitenbetreiber so zur Verfügung stellen – das finde ich als Anwender suboptimal und auch dem Betreiber bringt das nur Probleme.

    Wie wäre es also wenn man bspw. im Firefox rechts oben eine Auswahlbox mit seitenspezifischen Erweiterungen aus einem freien Verzeichnis bekäme. Dann könnte man wahlweise einfache oder komplizierte Diskussionen zu bisher „toten“ Artikeln/Kolumnen verfassen, alternative Bewertungsverfahren bei Preisvergleichseiten verwenden, eine „virtuelle Führung“ für Webseiten anbieten, etc.

    Vor allem: Man könnte dann selbst entscheiden, ob man im Pöbelforum oder lieber in einem administrierten Anbieterforum teilnehmen möchte. Vor allem aber könnte man sich entscheiden, ob man lieber eine rein lineare Kommentarführung (wie bspw. hier) oder eine tiefgeghende hierarchische Diskussionsbeitragsgliederung mit vielen Diskussionsfacetten möchte. Es würde auf jeden Fall dazu beitragen, dass es ein selbstbestimmtes freies Netz gäbe.

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