Messenger Connect: Microsoft antwortet auf Facebook, will selbst das Netz erobern

André Vatter

Wer kann schon erahnen, was hinter Steve Ballmers Stirn vorgeht. Gestern hatte er im Namen Microsofts die Neuauflage des Windows Live Messenger angekündigt: Der Client wird für das Publikum nicht nur ein wenig, sondern ordentlich aufgebohrt. Die Liste der neuen Features ist lang, angefangen von HD-Videochats, der eingebauten Bing-Suche und der Komplett-Integration sozialer Netzwerke bis hin zur Möglichkeit, Lieblingskontakte und deren Social Media-Aktivitäten an prominenter Stelle anzeigen zu lassen. Der Client soll Sammelbecken für viele Stimmen im Netz werden oder wie es Microsoft Deutschland ausdrückt: „Mit dem neuen Messenger verfolgen wir das Ziel, den Nutzer aus diesem Wirrwarr zu befreien und ihm die Möglichkeit zu bieten, dass er alle für ihn persönlich wichtigen Neuigkeiten aus dem Web zentral zur Verfügung hat.“

Um diese Aussage zu verstehen, muss man ein wenig IT-Hermeneutik bemühen. Denn der Sinn geht viel weiter, als er auf den ersten Blick scheint. Herzstück des neues Chat-Programms wird nämlich Messenger Connect: Website-Betreibern wird mittels einer neuen Social-API ermöglicht, den Messenger direkt auf ihren Seiten zu integrieren – inklusive Kontakte, Statusmeldung, Chat, Feeds und mehr. Das klingt vertraut? Richtig, gerade erst hat Facebook mit der Open Graph API einen ganz ähnlichen Dienst präsentiert. Die Nutzer streunen im Netz herum, gehen ihren persönlichen Vorlieben nach und alle dabei entstehenden Spuren der sozialen Interaktion laufen wie Fäden auf der Facebook-Plattform zusammen. Es wird davon ausgegangen, dass das Internet – trotz aller Kritik des Datenschutzes – schon bald durch ein gigantisches „Gefällt mir“-Gewitter durchgeschüttelt wird. Und nun steigt Microsoft selbst in das Geschäft ein.

Messenger Connect erlaubt den Entwicklern unter anderem die Integration von Login-In-Boxen – sofern der Nutzer noch über keinen Live-Account verfügt, kann er gleich auf der Seite erstellt werden. Ebenso können die Listen und Profile von Freunden angezeigt werden, was augenblicklich für mehr Interaktion mit dem Content sorgen soll. Microsoft verspricht den Publishern dadurch ordentlich Traffic: Links werden entweder in Echtzeit per Chat oder Feed-basiert weitergetragen. 320 Millionen Menschen nutzen heute weltweit den Windows Live Messenger. Zum Vergleich: 450 Millionen Mitglieder sind bei Facebook registriert.

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Microsoft lässt keinen Zweifel daran, dass Messenger Connect als Frontalangriff auf Facebooks Bemühungen in der Sozialisierung des Web 1.0 zu verstehen ist. Um der neuen API aber auch gleich ein Alleinstellungsmerkmal zu besorgen, hat sich Microsoft auf die Schwachstelle von Facebook gestürzt – nämlich den Datenschutz: „Wir glauben fest daran, dass die Daten den Nutzern gehören und es ihnen möglich sein sollte, darauf über Websites und Applikationen zuzugreifen und sie darüber zu teilen“, heißt es erklärend in einem Blogpost mit der Überschrift „Messenger umspannt das Netz„. „Wir glauben, dass die Privatsphäre der Nutzer ein kritisches Element in einem sicheren Internet darstellt – die Nutzer sollten die Kontrolle behalten.“ Deshalb habe man Sicherheit und Privacy als Grundpfeiler bei Windows Live verankert: „Websites können nicht auf Daten zugreifen, die zuvor vom Nutzer als nicht-öffentlich deklariert wurden.“

Ich glaube, man kann es nicht anders ausdrücken: Doch was Steve Ballmer vorstellte, kann wohl getrost als Microsofts richtiger Einstieg in das soziale Netz gelten. Und mit dem ersten Schritt hat man sich den Platzhirsch als Gegner auserkoren – Facebook.

(André Vatter)

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André Vatter ist Journalist, Blogger und Social Median aus Hamburg. Er hat von 2009 bis 2010 über 1.000 Artikel für BASIC thinking geschrieben.