"Operation Overlord": 4chan und Tumblr legen sich gegenseitig lahm

Jürgen Vielmeier


So ein Wochenende kann halt schonmal langweilig sein. Was kann man tun, um es etwas aufzupeppen? Man kann einen Kleinkrieg anzetteln. Genau das haben Internet-Anarchos getan, die die Web-Pinnwand 4chan benutzen, als sie am vergangenen Wochenende dazu aufriefen, den Rivalen Tumblr lahmzulegen. Ein echtes Motiv liest sich da auf den ersten Blick nicht heraus, es klingt ein bisschen wie „die haben in unserem Terrain gewildert“. Offenbar steckt aber ein längerer kalter Krieg dahinter. Was die Krawallmacher von 4chan aber offenbar nicht auf der Rechnung hatten: Der Gegner könnte durchaus dazu in der Lage sein, sich zu wehren, und das taten die Tumblr-Nutzer auch. Zusammenfassung eines verrückten Wochenendkriegs.

Der Funke der jüngsten Eskalation findet seinen Ursprung auf 4chan. User dort riefen mit einer hübsch designten Kriegserklärung dazu auf, mit einem LOIC-Flood eine Denial-of-Service-Attacke auf Tumblr loszulassen, und zwar am Sonntag um 17 Uhr Ostküstenzeit. Erklärungen, wie die Attacke durchzuführen ist, enthielt der Flyer auch:


Tumblr-Nutzer allerdings bekamen das Vorhaben mit und organisierten flugs einen Gegenangriff mit nicht weniger hübschem Layout:

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Die Aktionen verfehlten ihre Wirkung nicht. Beide Websites waren gestern zur verabredeten Zeit längerfristig down und sind auch zur Stunde nicht gut zu erreichen. Vor allem 4chans Subforum „/b/“ geriet ins Visier von Tumblr-Gegenattacken. Die Tumblrer starteten die „Operation Overkitten“, indem sie das /b/-Forum mit süßen Kätzchenfotos überschwemmten. Der Grund für die Feindschaft der beiden Netzwerke ist für Außenstehende nicht so leicht zu verstehen. Gerade in 4chans /b/-Forum wird tagtäglich allerhand absonderliches Bildmaterial gepostet, wie krude Gewaltfotos oder Porno-Bildchen. Die Seite ist vom Design her sehr einsnullig und die Nutzer stolz darauf.

Tumblr zuletzt sehr erfolgreich

Tumblr kommt im Vergleich dazu als Edelforum daher: LOLspeak, Katzencontent und ein sehr elegantes Design. Man könnte auch sagen, hier trifft das harte, dreckige Leben der Straße (4chan) auf die Reichen, Schönen und Wohlbehüteten (Tumblr). Die Nutzer beider Seiten spielten sich in der jüngeren Vergangenheit wohl vermehrt Streiche. Zuletzt berfürchtete 4chan offenbar einen Angriff von Seiten der Tumblr-User, womit die Wochenendfehde wohl als Präventivkrieg durchgeht. 4chan hatte in der Vergangenheit schon Erfolg damit, unter anderem die Website der bei US-Konservativen zurzeit beliebten Tea-Party-Bewegung lahmzulegen. Nach dem Motto: Wen wir nicht mögen, den legen wir lahm. Da sich auf 4chans nerdigen Boards zahlreiche Kenner der Technik treffen, war es ihnen bisher stets ein Leichtes, Suchen und Zerstören zu spielen. Ein wenig erstaunlich also fast, dass sie in Tumblr-Nutzern nun einen ebenbürtigen Gegner gefunden haben.

Dabei rückt Tumblr derzeit eigentlich wegen anderer Schlagzeilen in den Fokus: Die Blogplattform ist extrem erfolgreich. Laut Comscore hat sich die Zahl der Besucher binnen eines Jahres verdreifacht, die der Seitenaufrufe verfünfzehnfacht. Martin Weigert von Netzwertig sieht in Tumblrs leicht anpassbaren Blogwelt sogar den Nachfolger des mehr oder weniger gescheiterten MySpace, weil sie das leistet, was Facebook nicht kann. Da könnte etwas dran sein, auch wenn er meines Erachtens Posterous dabei unterschlägt.

So eine Plattform hat natürlich viele Freunde, und die sind ganz offenbar in der Lage, sich gut zu verteidigen. Quintessenz der Fehde ist auf jeden Fall: Wenn man eine Website wirklich lahmlegen will, dann schafft man es auch.

(Jürgen Vielmeier)

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Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.