Seit wann duzen wir uns?

Jürgen Vielmeier

Neulich beim Pressetag auf IFA am Stand eines großen Elektronikherstellers. Ich schaue mir ein Tablet an, komme mit einem Mitarbeiter ins Gespräch. Ich frage ihn, für welche Abteilung er arbeitet, er fragt mich, für wen ich schreibe. Als ich es ihm sage, lacht er wissend, wechselt automatisch vom „Sie“ auf das „Du“ und redet im kumpelhaften Ton weiter. Und ich denke mir: Entschuldigung mal, kennen wir uns?

Etwas ähnliches neulich im Büro am Telefon. Der Mitarbeiter einer PR-Agentur ruft an, zum ersten Mal, siezt noch bei der Begrüßung und verfällt schon bei der zweiten Anrede auf das „Du“. Und ich frage mich im selben Moment: Habe ich den schon einmal getroffen?

Das sind nicht die einzigen beiden Male, bei denen mir das in den letzten Monaten passiert ist. Duzen macht mir eigentlich nichts aus. Hier im Blog duzt man sich, Blogger sich untereinander irgendwie auch. Und noch dazu arbeiten wir in der Medienbranche, wo das „Du“ Gang und Gäbe ist, weil es bestimmte Prozesse vereinfacht. Aber was ich nicht mag, fast schon ein bisschen frech finde, ist, dass man mich offenbar deswegen duzt, weil ich Blogger bin.

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Ist das Fernsehen seriöser?

Der Mitarbeiter auf dem IFA-Stand wäre wohl beim „Sie“ geblieben, wenn ich für die „FAZ“ oder die „Süddeutsche“ geschrieben hätte. Gebührt den Kollegen mehr Respekt, weil sie für ein „seriöses“ Medium arbeiten?

Kürzlich war das Fernsehen bei uns im Büro zu Gast. Einige Mitarbeiter aus anderen Abteilungen waren fast aufgeregter als meine Kollegin Saskia und ich, die letztendlich vor der Kamera sprachen. Unsere kleine Abteilung stand für einen kurzen Moment im Mittelpunkt der Firma. Einige Kollegen nickten uns respektvoll zu, andere kamen herein, um uns die Daumen zu drücken. Danke dafür! Aber warum macht ihr das nicht jeden Tag? Denn im Endeffekt wird der Beitrag mit mir in einem Spartenkanal laufen. In einer Sendung, die höchstens ein paar zehntausend Zuschauer sehen werden. Das sind auch nicht mehr, als jede Woche dieses Blog lesen. Warum dann eigentlich diese Aufregung und warum mehr Respekt vor dem Medium Fernsehen, einer überregionalen Tageszeitung oder einer Zeitschrift als vor einem Blog oder einem Online-Magazin?

Weniger wichtig?

Aber zurück zum Du, denn nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich bin ein Befürworter der vertrauten Ansprache. Wer mich persönlich trifft oder mit mir telefoniert, ist mit mir meist schnell per du. Ich bin kein großer Freund des Siezens. Duzt mich ruhig, wenn ihr mir schreibt oder mich anruft, ich tue das auch und es heißt nicht, dass ich euch deswege nicht respektiere. Ich will nur, dass man sich aus, sagen wir, ehrbaren Gründen duzt, nicht, weil man den Beruf des anderen nicht respektiert.

Vor ein paar Tagen erhielt ich eine Mail von Florian Vater von Planet-Liebe.de. Er erzählte mir von seinem Projekt, davon, dass er einen Relaunch plane, fragte, ob ich mir vielleicht vorstellen könnte, etwas darüber zu schreiben, wenn es fertig ist. Seine Mail begann er mit folgenden Worten:

Hallo Jürgen,

erstmal möchte ich hoffen, dass es ok ist, dass ich dich direkt mit Du anschreibe. 😉

Ja, ist es! Und nett, dass du gefragst hast!

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(Jürgen Vielmeier, Bild: warpdesign unter CC-Lizenz BY-SA 2.0)

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Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.