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Sozialer, persönlicher, listiger: Wie clevere Unternehmen auf Journalisten Einfluss nehmen


Es ist schon einiges, was da täglich an Pressemeldungen rein rauscht. Warum machen die das, fragt man sich manchmal? EWE trio gibt es jetzt auch mit VDSL, Softwarehersteller Metasonic weitet seine Aktivitäten in den Nahen Osten aus. Wer hätte das gedacht! Und, oha: Kfw-Fördermittel für altersgerechtes Umbauen fallen weg. Zum Glück hat sich das spanische Mobilfunkzubehör-Label IDAPT einen der „leistungsstärksten ITK-Distributoren“ an Bord geholt: die Ingram Micro Distribution GmbH!

Wen, zur Hölle, soll das interessieren?

Outlook warnt, diese Nachricht könnte eine Phishing-Meldung sein: „Rumble Fighter besticht durch sein einzigartiges Skillsystem, das sich aus einer Kombination der transformierbaren ExoCores und den Kampfkünsten der heiligen Schriftrollen ergibt.“

Bitte, was?

Wir schreiben das Jahr 2011 und trotzdem ist der bevorzugte Kanal der Unternehmen noch die Pressemeldung, die per E-Mail schnell verschickt ist. Zum Glück, muss man fast sagen, laden die Unternehmen kaum noch zu Pressekonferenzen ein. Denn die Zeit kann man sich in 99 Prozent der Fälle wirklich sparen. Dabei hat die Zukunft der Pressemeldung längst begonnen. Aber die ist sozialer, persönlicher – und heimtückischer.

„Sie können über uns schreiben, was sie wollen“

Eines Tages rief mich eine Dame an, die Pressearbeit für einen großen Technologiehersteller macht. Mein letzter Beitrag habe ihr gefallen, sagte sie und unser Blog gefalle ihr. Der Blogger in mir fühlte sich gebauchpinselt, beim Journalisten in mir schillerten sämtliche Alarmglocken: Wenn einem Unternehmen deine Beiträge gefallen, dann warst du wahrscheinlich nicht kritisch genug; beim nächsten Mal nicht mehr so freundlich sein.

Die Dame jedenfalls wollte sich einfach nur vorstellen, sagte, ich könne mich jederzeit bei ihr melden, wenn ich Fragen zum Unternehmen hätte und fragte außerdem, ob ich zur Veranstaltung X käme. Da könne man sich ja einmal persönlich kennenlernen. Ich sagte zu. Denn zur genannten Veranstaltung ging ich eh, über Hintergrundgespräche freut man sich als Blogger ja immer und Kontakte sind wichtig. Die Dame betonte ausdrücklich, ich könne über sie schreiben, was ich wolle, den Kontakt würde man trotzdem aufrecht erhalten.

Willkommen im Gewissenskonflikt

Das Gespräch letztendlich verlief sehr nett. Ich konnte mich am Messepublikum vorbeischlängeln und direkt in den Business-Bereich des Unternehmens eintauchen. Man reichte mir einen Cappuccino und stellte mich einem höheren Manager vor. Das Gespräch verlief unspektakulär, aber ich erhielt gute Informationen. Freundlich waren sie alle.

Wenige Wochen später stellte das Unternehmen ein Produkt vor, das mir nicht gefiel. Echter Schmonsens, um genau zu sein. Für gewöhnlich zieht man in dem Fall die Boxhandschuhe an und haut feste drauf. Ich hatte schon die Finger auf der Tastatur, da fiel mir die Sprecherin des Unternehmens wieder ein. Wenn ich die Firma jetzt in Grund und Boden schreibe, reden die dann noch mit mir? Komme ich dann noch an Testgeräte? Und an Hintergrundinformationen?

Ich schrieb letztendlich einen entschärften Beitrag, merklich kritisch, aber immer noch im Rahmen der Etikette. Die Hintergrundinformationen, die ich durch die Gespräche gewonnen hatte, brachten mich dazu, dem Produkt noch etwas Positives abzugewinnen. Man müsse das im Gesamtzusammenhang sehen, schrieb ich sinngemäß. Gleichzeitig konnte ich mich nicht entscheiden, was ich da gerade gemacht hatte: War ich freundlicher zu dem Unternehmen, weil ich die Hintergrundinformationen hatte oder weil sie mich gut behandelt hatten? Man redet doch nicht schlecht hinter dem Rücken von Leuten. Und schon gar nicht über solche, die immer nett zu einem waren.

Kann man sich dem überhaupt entziehen?

Ob man das nun will oder nicht: Es wird kommen. Und als Journalist oder Blogger wird man dem kaum entgehen können: Wer Testgeräte will, wer Hintergrundinformationen braucht über die Produkte, über die er täglich schreibt, der muss einen guten Kontakt zum Unternehmen halten. Und der begibt sich täglich in einen Interessenkonflikt. Und Unternehmen, die das wissen und dafür das Geld haben, stellen Medienexperten ein, die den Kontakt zu Bloggern und Journalisten suchen. Kommunizieren kann man mit ihnen über die sozialen Kanäle oder die geheime Handy-Nummer, die man als einer der wenigen bekommen hat. Die Entwicklung wird so weiter gehen, Unternehmen wollen gute Presse und gehen deswegen auf die Medienvertreter zu, die über sie berichten. Und sie nehmen damit indirekt und oft ganz bewusst Einfluss.

Unternehmen, die das nicht tun, werden vielleicht eines Tages nicht mehr wahrgenommen. Und Journalisten, die das Spielchen nicht mitspielen wollen, könnten vom Informationsfluss abgeschnitten werden.

Vergleicht man Pressemeldungen damit, kommt einem diese altmodische Informationsart auf einmal unglaublich sympathisch vor: Informationen, die an alle gleichzeitig raus gehen und niemanden bevorzugt behandeln. Wem das nicht reicht, der findet darin einen Ansprechpartner, den er anrufen und dem er weitere Infos entlocken kann. Man seufzt, wenn man Meldungen darüber liest, dass Penny mobil die Preise für sein Startguthaben halbiert hat, Fannie Mae Konsumentenindikatoren für den September veröffentlicht oder D-Link mal wieder einen neuen Router auf den Markt geworfen hat. Aber das ist etwas, was ich in Kauf nehme. Für irgendwen wird das schon interessant sein.

(Jürgen Vielmeier)


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Über den Autor

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.

15 Kommentare

  • Das klingt allerdings auch ein wenig danach, als würde der Journalist die Informationen nur konsumieren und nicht auch selbst danach suchen. Darum werden Unternehmen also nicht untergehen, wenn sie ein Produkt haben, das es Wert ist darüber zu schreiben. (auch ganz ohne Medienprofi)

    Ich denke grundsätzlich wird man sich aber einem Gewissenskonflikt nicht entziehen können. Ähnliches würde ja auch entstehen, wenn ein Unternehmen auf meiner Seite Werbung bucht, schreibe ich dann noch immer kritisch genug darüber? Vielleicht sollte man dann einfach nur auf andere Blogs verweisen, die darüber geschrieben haben…

  • Derartiger Interessenskonflikt spielt sich leider nicht nur im Hightech – Gewerbe ab, sondern genau so in der Politk und im (fast) privaten Bloggerleben.

    Irgendwie tut einem der Interviewpartner hier und da leid und da frage ich mich, ob ich nicht doch etwas mehr Mitgefuehl zeigen soll und weniger Kritik uebe. Das kommt in den besten Bloggerfamilien vor. Auch eben dort, wo es nicht um DIE super Kontakte oder diverse Geschenkutensilien geht.

  • Das klingt wirklich interessant. BT ist ja nun wirklich ein sehr reichweitenstarker Blog, aber noch längst nicht das Maximum, daher frage ich mich: Was passiert bei Bloggern, bei Journalisten
    a) mit mehr Reichweite, Ruf und Respekt
    b) in Sparten die enorm hohe Gewinne oder enorm viel Macht liefern?

    Da wurde ja schon die Frage nach der Politik gestellt.. Das läuft wohl genauso ab. Nicht mit den Testgeräten (wobei.. wer weiß) aber entsprechendes wird bei unseren loyalen, den Wählern und ihrem Gewissen (wärs nur anders) verpflichteten Abgeordneten auch an der Tagesordnung stehen.

  • Eben weil es so ist, glaube ich (bis auf zwei Ausnahmen – Test & Heise) keiner Fachzeitschrift.

    Für viele Magazine ist es überlebenswichtig, Einladungen oder Vorserienexemplare zu bekommen, sonst verlieren sie den Anschluss. Ganz extrem fällt das auch im zeitkritischen Gaming-Bereich auf, weshalb heute so ziemlich jeder AAA-Titel bombastische Phantasiewertungen erhält.

  • Etikette und Benimm sollten immer ein Kriterium sein, auch ohne Cappucino und Schmeicheleien. Man muss nicht immer gleich zu den Boxhandschuhen greifen. Trotzdem sollte man die Wahrheit sagen (schreiben).

  • oje, nun will ich mal lieber hier posten als bei apple oder meta apple artikeln aus kommentar #7

    offenlegung/disclosure sind die schlagworte die mir hier sofort einfallen.

    schreibt doch bitte jedesmal, dass ihr zum essen, zu veranstaltungen, zu sonstwas eingeladen werdet, dass ihr die gadgets umsonst kriegt, über die ihr schreibt, dass ihr die leute kennt, dass sie eure freunde sind oder einfach nur freundlich…

    vielleicht gibt es eine dünne grauzone… aber schreibt darüber, bis es nicht mehr grau ist für euch.

    und einfluss, beeinflusst ist doch jeder mensch von allem, von guter und schlechter werbung, von gutem und schlechtem karma, von bekannten und unbekannten, die bekannte beeinflussen… objektivität gibt es doch nicht wirklich, wie soll das denn gehen!? will man seine erziehung vergessen, seine ausbildung, alle werbung, alles, was man jemals gesehen hat?

    es gibt gutes handwerk/gut recherchiert/gut geschrieben. dabei sollte es bleiben, wenn einem jemanden sympathischer ist weil er respektvoller umgeht mit kunden und partner, schreibt doch einfach offen darüber…

    mir ist vorgestern das hier wieder über den weg gelaufen… http://blog.louisgray.com/2009/12/ftc-disclosures-made-simple-for.html das find ich toll und dient mir als vorlage, dass ich all das in den zeichnungen auch offen lege… ich find, genau das sollten die leser wissen!

  • Hintergrundwissen ist immer gut – nicht nur für Blogger – auch für die Leser. Aber zum Thema.. ich bin fest davon überzeugt, dass jeder – wirklich jeder – Mensch käuflich ist, sei es mit Geld, Testgeräten oder was auch immer und das werden Unternehmen auch ausnutzen.

  • @ cusdom: Schließ mich dir voll an.

    Der Konflikt, der im Artikel angesprochen wird, trifft nicht nur Journalisten, sondern zieht sich meiner Meinung nach durchs ganze Leben: Zunehmende persönliche Nähe macht es schwierig, sachlich zu bleiben, hart zu sein. Dieses Dilemma ist zutiefst menschlich und Werturteile in einem solchen Fall sehr heikel.

    Mit Käuflichkeit hat deine Entscheidung aus meiner Sicht nichts zu tun – außer, man definiert den Begriff neu. Geld wurde dir ja offenbar keines angeboten, „nur“ Information (die natürlich in diesem Fall als harte journalistische Währung betrachtet werden kann – wobei Worte auch eine sehr formbare Sache sind).

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