Careerloft: Neues Jobprojekt ist nur ein ausgedehntes Assessment-Center

Jürgen Vielmeier


Sieht auf den ersten Blick natürlich gut aus, was die Bertelsmann-Tochter Medienfabrik Gütersloh heute vorgestellt hat: Careerloft, ein Wohnprojekt im Herzen der trendigen Startup-Hauptstadt Berlin. Junge High Potentials ziehen mit hippen Unternehmen zusammen. Und am Ende einer Zusammenwohnzeit gibt es zur Belohnung Jobs für die Kandidaten, bei denen sich zur Abwechslung die Unternehmen bewerben. Statt anders herum. Klingt doch toll. Die Medienfabrik sieht das als Maßnahme gegen den Fachkräftemangel und freut sich über Chancen für die anspruchsvolle Generation Y.

Und ich? Muss leider mal wieder den Spielverderber machen…

Kritisieren kann man an dem Projekt so viel, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Wie wäre es damit, dass zwei Praktikanten hochmodern aus dem Careerloft twittern und facebooken. Warum zwei Praktikanten? Sie haben einen Auswahlprozess durchlaufen, um ins das Loft einziehen zu dürfen. Sie sind oder werden bald mit ihrem Bachelor- und Masterstudium fertig, sind also quasi Absolventen. Bertelsmann ist ein Milliardenunternehmen, die anderen teilnehmenden Firmen wie Merck, Metro Group und SAP sind es auch. Trotzdem beschäftigt man billige Praktikanten – um damit auf den Fachkräftemangel zu reagieren.

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Unternehmen bewerben sich bei Kandidaten, die sich vorher beworben haben

Das schließt den nächsten Kritikpunkt an: Welchen Fachkräftemangel? Dass es ihn überhaupt gibt, wird von vielen Seiten als Märchen der Industrie angesehen. Immer wieder gerne neu vorgelesen, um den Bewerberpool zu erhöhen und Gehälter gering zu halten. Derzeit fluten so viele Absolventen wie nie die Universitäten. Ich habe mich schon mit Elektro-Ingenieuren und Entwicklern unterhalten, die von Großunternehmen mit Einstiegsgehältern von 32.000 Euro abgespeist werden sollten. So viel zu der Floskel „händeringend gesucht“, über die ich mich jedes Mal kaputtlache, wenn ich sie von einem Industrieverband höre.

Am Ende bewerben sich die Unternehmen bei den Loft-Mitgliedern, die sie interessant finden, heißt es von der Medienfabrik. Das ganze sei sogar ein „Paradigmenwechsel in der Personalarbeit“. Schön und gut, aber wie kommt man eigentlich in das Loft? Laut der Careerloft-Website so:

Interesse? Dann richte Deine vollständige Bewerbung inklusive frühestmöglichem Eintrittstermin und Praktikumsdauer an (…)

Teilnehmer werden als Praktikanten angesehen, zwei Monate bleiben sie im Loft. Ob es eine Vergütung gibt, steht da noch nicht. Kostenloses Wohnen ist hoffentlich wenigstens inbegriffen. Die Länge des Aufenthalts kann man so oder so betrachten. Für die einen – und das will ich durchaus anerkennen – ist das eine gute Gelegenheit, sich besser kennenzulernen. So dass beide Seiten schon einmal abschätzen können, ob man beruflich zueinander passt. Für die anderen ist es das längste Assessment-Center der Welt. Eine Bewerbung reicht heutzutage nicht mehr, jetzt soll man – trotz des angeblichen Fachkräftemangels – auch noch mit den Arbeitgebern zusammen wohnen. Sich auch privat auf Herz und Nieren prüfen lassen. Zwei Monate lang. Was muss man noch alles tun für einen lächerlichen Job?

Akzente setzen und Dinge verändern?

Praktikantin Jana möchte zeigen, dass sie flexibel ist und „Beruf und Privatleben unter einen Hut bringen kann“. Ihr künftiger Mitbewohner Tim aus der anspruchsvollen Generation Y möchte „etwas bewegen“ in seinem neuen Unternehmen, „einen Unterschied machen“ und „Akzente setzen“. Kann er das? Als Berufseinsteiger oder Trainee in einem der teilnehmenden Großkonzerne wie Commerzbank, Audi oder SAP? Stelle ich mir schwierig vor.

Ich könnte noch ein paar Stunden so weiter machen, aber das würde auch nichts ändern. Nur meine Warnung an andere Journalisten, Blogger, Studenten, Absolventen: Fallt nicht rein auf ein Projekt wie das Careerloft. Es ist für die teilnehmenden Konzerne nichts anderes als eine bequemere Möglichkeit, loyalen Nachwuchs zu akquirieren, und dabei Werbung in eigener Sache zu machen: „Schaut mal, wie fortschrittlich wir sind“. Wenn ihr wirklich etwas verändern oder eure eigenen Ideen verwirklichen wollt, dann macht euch selbständig, gründet ein Startup oder sucht euch ein kleines Unternehmen, das euch sympathisch ist. Aber bettelt nicht um einen Job in einem Großkonzern.

(Jürgen Vielmeier)

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Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.