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Careerloft: Neues Jobprojekt ist nur ein ausgedehntes Assessment-Center


Sieht auf den ersten Blick natürlich gut aus, was die Bertelsmann-Tochter Medienfabrik Gütersloh heute vorgestellt hat: Careerloft, ein Wohnprojekt im Herzen der trendigen Startup-Hauptstadt Berlin. Junge High Potentials ziehen mit hippen Unternehmen zusammen. Und am Ende einer Zusammenwohnzeit gibt es zur Belohnung Jobs für die Kandidaten, bei denen sich zur Abwechslung die Unternehmen bewerben. Statt anders herum. Klingt doch toll. Die Medienfabrik sieht das als Maßnahme gegen den Fachkräftemangel und freut sich über Chancen für die anspruchsvolle Generation Y.

Und ich? Muss leider mal wieder den Spielverderber machen…

Kritisieren kann man an dem Projekt so viel, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Wie wäre es damit, dass zwei Praktikanten hochmodern aus dem Careerloft twittern und facebooken. Warum zwei Praktikanten? Sie haben einen Auswahlprozess durchlaufen, um ins das Loft einziehen zu dürfen. Sie sind oder werden bald mit ihrem Bachelor- und Masterstudium fertig, sind also quasi Absolventen. Bertelsmann ist ein Milliardenunternehmen, die anderen teilnehmenden Firmen wie Merck, Metro Group und SAP sind es auch. Trotzdem beschäftigt man billige Praktikanten – um damit auf den Fachkräftemangel zu reagieren.

Unternehmen bewerben sich bei Kandidaten, die sich vorher beworben haben

Das schließt den nächsten Kritikpunkt an: Welchen Fachkräftemangel? Dass es ihn überhaupt gibt, wird von vielen Seiten als Märchen der Industrie angesehen. Immer wieder gerne neu vorgelesen, um den Bewerberpool zu erhöhen und Gehälter gering zu halten. Derzeit fluten so viele Absolventen wie nie die Universitäten. Ich habe mich schon mit Elektro-Ingenieuren und Entwicklern unterhalten, die von Großunternehmen mit Einstiegsgehältern von 32.000 Euro abgespeist werden sollten. So viel zu der Floskel „händeringend gesucht“, über die ich mich jedes Mal kaputtlache, wenn ich sie von einem Industrieverband höre.

Am Ende bewerben sich die Unternehmen bei den Loft-Mitgliedern, die sie interessant finden, heißt es von der Medienfabrik. Das ganze sei sogar ein „Paradigmenwechsel in der Personalarbeit“. Schön und gut, aber wie kommt man eigentlich in das Loft? Laut der Careerloft-Website so:

Interesse? Dann richte Deine vollständige Bewerbung inklusive frühestmöglichem Eintrittstermin und Praktikumsdauer an (…)

Teilnehmer werden als Praktikanten angesehen, zwei Monate bleiben sie im Loft. Ob es eine Vergütung gibt, steht da noch nicht. Kostenloses Wohnen ist hoffentlich wenigstens inbegriffen. Die Länge des Aufenthalts kann man so oder so betrachten. Für die einen – und das will ich durchaus anerkennen – ist das eine gute Gelegenheit, sich besser kennenzulernen. So dass beide Seiten schon einmal abschätzen können, ob man beruflich zueinander passt. Für die anderen ist es das längste Assessment-Center der Welt. Eine Bewerbung reicht heutzutage nicht mehr, jetzt soll man – trotz des angeblichen Fachkräftemangels – auch noch mit den Arbeitgebern zusammen wohnen. Sich auch privat auf Herz und Nieren prüfen lassen. Zwei Monate lang. Was muss man noch alles tun für einen lächerlichen Job?

Akzente setzen und Dinge verändern?

Praktikantin Jana möchte zeigen, dass sie flexibel ist und „Beruf und Privatleben unter einen Hut bringen kann“. Ihr künftiger Mitbewohner Tim aus der anspruchsvollen Generation Y möchte „etwas bewegen“ in seinem neuen Unternehmen, „einen Unterschied machen“ und „Akzente setzen“. Kann er das? Als Berufseinsteiger oder Trainee in einem der teilnehmenden Großkonzerne wie Commerzbank, Audi oder SAP? Stelle ich mir schwierig vor.

Ich könnte noch ein paar Stunden so weiter machen, aber das würde auch nichts ändern. Nur meine Warnung an andere Journalisten, Blogger, Studenten, Absolventen: Fallt nicht rein auf ein Projekt wie das Careerloft. Es ist für die teilnehmenden Konzerne nichts anderes als eine bequemere Möglichkeit, loyalen Nachwuchs zu akquirieren, und dabei Werbung in eigener Sache zu machen: „Schaut mal, wie fortschrittlich wir sind“. Wenn ihr wirklich etwas verändern oder eure eigenen Ideen verwirklichen wollt, dann macht euch selbständig, gründet ein Startup oder sucht euch ein kleines Unternehmen, das euch sympathisch ist. Aber bettelt nicht um einen Job in einem Großkonzern.

(Jürgen Vielmeier)


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Über den Autor

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.

14 Kommentare

  • Mit Verlaub, ich glaube, du hast nicht verstanden, worum es geht und dich gerade einfach nur in Rage geschrieben. Careerloft ist ja nicht einfach nur für jeden, der einen Job sucht. Den assoziierten Unternehmen geht es darum – neben den weiterhin bestehenden Recruitingprozessen – hier besondere Talente zu entdecken. Und die findest du nicht mal eben in 30 Minuten Vorstellungsgespräch.

    Der Hinweis, dass das zwei Praktikanten im Loft wohnen, wo sich Bertelsmann doch was anderes leisten könnte, ist… lächerlich. Ja glaubst du denn im Ernst, die beiden haben sich als ihre Karriere vorgestellt, bei Careerloft im Loft zu wohnen und hoffen auf ne Festanstellung. Nein, die bekommen während dieser Zeit einen ziemlich guten Einblick in diverse Unternehmen (und Geld bekommen sie sicher auch – haste mal nachgefragt?) und suchen sich dank der gewonnenen Kontakte nachher die beste Stelle aus. Die opportune Frage: Was ist besser für einen baldigen Master – eine Pseudo-Anstellung mit lästigen Kündigungsfristen oder ein bezahltes Praktikum mit der Chance aus dem Loft gleich in den Traumjob einzusteigen…?

    Und zum Fachkräftemangel: Es geht Careerloft ja ausdrücklich um junge Talente, High Potentials wie man so schön sagt. Und die waren, sind und bleiben Mangelware, denn die will jeder einstellen. Deren Einstiegsgehälter lagen schon immer über dem Durchschnittsniveau – und entsprechend umworben sind sie. Und bei diesem Kampf um Talente gewinnt, wer sie früh entdeckt und besser umgarnt. Und genau dazu gibt es solche Netzwerke. Aus Sicht der Unternehmen also völlig stringent. Aus Sicht der Talent auch nicht verkehrt: Sie können dabei nicht verlieren, nur besser auswählen.

    Du argumentierst aber völlig global – und damit meilenweit an der Zielgruppe vorbei. Ich könnte da jetzt auch noch stundenlang so weitermachen. Mag ich aber net. Das können ja andere fortsetzen.

  • „…euch ein kleines Unternehmen, das euch sympathisch ist.“ Das sind übrigens auch genau die, die den Fachkräftemangel tatsächlich haben – schau mal die Digitalschmieden Webseiten durch – da sucht jeder über 10 Leute aktuell!
    Die sind es aber übrigens auch die nicht so viel zahlen können wie die „Industrie“. Deswegen über 32.000,– nur zu lachen ist nicht differenziert genug. Kommt wirklich auf die Bude an in der man arbeiten möchte.

  • Die Logik hinter dem Fachkräftemangelargument erschließt sich mir nicht so ganz. Die Unternehmen reden von Mangel, damit an den Hochschulen mehr Leute ausgebildet werden, die dann den Arbeitsmarkt fluten? Die Ausbildung dauert schließlich jahrelang, so dass nicht eben mal Scharen von Absolventen hereinschneien, wenn man nur ein bisschen rumjammert, dass es keine gibt.
    Mag ja sein, dass es den Mangel so nicht gibt, aber dies dann in ein Lohndumpingschema umzubiegen, scheint mir doch etwas sehr weit hergeholt.

  • @Karrierebibel: Ja, da haben wir völlig unterschiedliche Auffassungen. Ist ja legitim. Aber wenn die meisten Berichte, die ich darüber gelesen habe (unter anderem deiner) nur die Vorzüge des ganzen hervorheben, dann darf ich ja wohl mal die Gegenposition beziehen. 😉

  • Wo ist jetzt der Unterschied zu Stepstone/Monster/Xing auf denen ich auch meine Hard-/Softskills hinterlassen kann?

    Bzgl. Praktikum, das sollte doch wohl eher während des Studiums und nicht danach erfolgen. In BWLer Kreisen nennt sich das Praktikum nach dem Studium Trainee 😉 für 12 Monate und dann sehen wir mal weiter.

    Virales Marketing, mehr nicht.

  • Entschuldige bitte, aber das war wenig.

    Leider nur mobil gerade, deswegen nur zwei Fragen:
    1. wenn es so ein „Hungerlohn“ ist, warum arbeiten Menschen dann fr 32k?
    2.wo besteht das Problem Nachwuchs zu akquirieren? (ob loyal oder nicht sei dahingestellt – oder soll das auch negativ sein?)

  • Jedem seine freie Meinung. Aber der Artikel ist in meinen Augen sehr pauschal und geht am Kern vorbei. Zunächst die Fakten: das careerloft Team besteht aktuell aus 11 Personen, von denen 8 fest angestellt sind. Die beiden Loftbewohner bekommen zusätzlich zum freien Wohnen in Berlin Kreuzberg ein sehr gutes Praktikantensalär und haben die Chance, 9 große Unternehmen intensiv und von innen zu erleben. Das ist in meinen Augen nicht nur fair, sondern auch spannend. Und weit mehr, also ein „normales“ Praktikum bietet. Und: es ist ein Praktikum und auch als solches deklariert. Beide LoftbewohnerInnen haben ihr Studium noch nicht beendet.

    Der Mangel an qualifizierten Kräften ist heute in vielen Branchen bereits eklatant und wird definitiv zunehmen. Ich empfehle dazu folgenden Link:
    http://www.welt.de/wirtschaft/karriere/bildung/article13665720/Auslaendische-Fachkraefte-verlassen-Deutschland.html

    zu Eduard: die Unterschiede sind eklatant: ich habe als careerloft Mitglied direkten Zugang zu den Partnerunternehmen mit Ansprechpartnern. Im Loft in Berlin werden Events mit den Partnerunternehmen veranstaltet. Dort lernt man sich persönlich kennen. Mitglieder im Förderprogramm bekommen Karriere-Coaching und Mentoring…dies sind nur ein paar der Vorteile und Unterschiede zu den von Dir benannten Plattformen.

  • 2 Wochen unter voller Beobachtung? Haben die sie noch alle?
    Verzeihung für meine deutlichen Worte.

    Ich selbst befinde mich derzeit (mal wieder) in der ungeliebten Position des Bewerbers und Jobsuchenden.

    Was mich weiter frustriert ist vor allem der „Befristete Arbeitsvertrag“.
    Man wird zum möglichst günstigen Einsteigergehalt eingestellt (bei mir übrigens nach 9 Semestern Studium und diversen Praktika für grade mal 24 Tausend), für ein Jahr.
    Also wenn man sich gerade richtig zurecht gefunden hat, Kollegen und Abläufe kennt, ist es auch schon wieder vorbei.
    Ist nämlich günstiger wieder jemanden mit Einstiegsgehalt zu suchen, als mit meinem Lohn rauf zu gehen.

    Ich will mich für die Arbeit, die ich gelernt und studiert habe, zu dem noch richtig gerne mache, nicht ständig vor jedem Bücken müssen!

    Fachkräftemangel??
    Das ich nicht lache, wer 50 Bewerbungen und mehr für eine ausgeschriebene Stelle bekommt sollte wirklich nicht von Fachkräftemangel sprechen!

    Alleine die jeweiligen Vorstellungsgespräche bereiten mir Brechreiz.
    Eine halbe Stunde? Eine Stunde?
    Ich hatte noch nie ein Gespräch unter zwei Stunden! Das längste war übrigens fast 5 Stunden.
    Ich war hinterher ein Wrack, total ausgelaugt von der Anspannung, der Aufmerksamkeit und ja nichts falsches zu sagen.

    2 Monate mit dem zukünftigen Chef/Team leben?
    Ja will ich denn für ihn arbeiten oder Kinder mit ihm?

    Ich mag Kollegen, ich brauche sie sogar. Ein Grund, warum die Selbstständigkeit nichts für mich ist. Ich brauche auch einen Chef der den Überblick hat.
    Aber ich muss weder mit dem Chef noch den Kollegen zwangsläufig ein Feierabendbier trinken gehen, wenn Persönlichkeiten kollidieren.

    Meine Meinung zum Loft?
    Pure Publicity – mehr nicht.
    Ein Plus für Bewerber? Niemals.
    Fazit: Finger weg wenn man es nicht unbedingt ausprobieren möchte, aber das muss wirklich jeder selbst entscheiden.

  • Toller Artikel! Ich habe auch den Eindruck, dass Careerloft Werbung in eigener Sache ist.

    Laut karrierebibel gehört Jana, Masterstudentin der EBS Universität für Wirtschaft und Recht, zu den ersten Bewohnern. Dank des Alumin-Netzwerkes der EBS sollte Jana, auch ohne Careerloft, ziemlich schnell einen Arbeitsplatz finden.

    Ich behaupte, dass ~70% der „High Potentials“ in Deutschland sowieso von Universitäten wie der EBS kommen und somit mit leichtigkeit einen hohe Position erreichen. Deshalb bin ich der Meinung, dass Careerloft nur Werbung in eigener Sache ist.

  • Ich habe mir die Idee von Careerloft auch angeschaut und bin mir in meinem Urteil noch nicht so sicher. Vielleicht muss man auch erst einmal abwarten, wie sich das ganze entwickelt.
    Was ich allerdings direkt dachte: Wie ist das denn mit der Trennung von Arbeit und Privat? Zwei Monate mittendrin hören sich spannend an und die Kontakte sind wertvoll, aber wie ist es mit Distanz?

  • „careerloft wird von der Medienfabrik Gütersloh GmbH entwickelt und realisiert, einer Tochterfirma der zum Bertelsmann-Konzern gehörenden arvato AG.

    Arvato

    Direktmarketing, Adresshandel, Inkassodienstleistungen, Forderungszessionen, Wirtschaftsauskünfte

    Über das Tochterunternehmen AZ Direct GmbH ist arvato einer der bundesweit größten Anbieter im Adresshandel und Listbroking.“

    Und nebenbei werden die Daten der Bewerber dann noch verhökert. right…

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