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PRISM, TEMPORA und Co. interaktiv: So groß sind unsere Daten, diese Wege gehen sie

OpenDataCity
geschrieben von Tobias Gillen

PRISM, TEMPORA, NSA, Snowden – die Zusammenhänge im weltweiten Überwachungsskandal werden immer unübersichtlicher. Aus diesem Grund hat sich die OpenDataCity die Mühe gemacht, zwei Apps zu schreiben, die die Lage ein bisschen veranschaulichen.

OpenDataCity

Während die Menschen im Internet vor Empörung schäumen, hält sich unsere Regierung weitestgehend zurück. Ein Fragenkatalog ist gen Amerika versendet worden und Bundesinnenminister Friedrich fliegt persönlich nach Washington, um sich ein Bild von der Lage zu machen, aber die großen Taten scheinen bislang auszubleiben. Bemerkenswert war auch, dass Bundespräsident Joachim Gauck im ZDF-Sommerinterview feststellte:

Wir wissen zum Beispiel, dass es nicht so ist wie bei der Stasi und dem KGB, dass es dicke Aktenbände gibt, in denen unsere Gesprächsinhalte alle aufgeschrieben und schön abgeheftet sind. Das ist es nicht.

17 Millionen km² voll mit Aktenschränken

Die OpenDataCity hat bezüglich dieser Aussage zwei Rechnungen aufgestellt: Die Stasi hat rund 48.000 Aktenschränke für die gesammelten Daten gebraucht. Diese Schränke brauchen circa 0,019 km² Platz, was 19.000 m² entspricht. Zum Vergleich: Ein gängiges Fussballfeld hat gut 7.000 m². Schon das ist eine unglaubliche Fläche, aber es geht noch besser.

Nämlich mit der NSA. Als Beispiel nimmt die OpenDataCity das Datenzentrum der NSA in Utah, das etwa fünf Zettabytes, also fünf Milliarden Terabyte, speichern kann. Ein Aktenschrank benötigt circa 0,4 m² Platz und kann etwa 60 Aktenordner mit insgesamt 30.000 Seiten Papier aufnehmen. Das entspreche etwa 120 MB Daten. Rechnet man die 120 MB auf die 5 Zettabytes um, die das Datenzentrum in Utah speichern kann, würde man ausgedruckt etwa 17 Millionen km² Platz verbrauchen. Das entspricht einer Menge, die knapp eine Milliarde Mal größer ist, als die der Stasi.

In der App „Stasi versus NSA“ werden diese nicht greifbaren Zahlen deutlicher: Die Fläche für die Stasi-Akten würde in etwa auf die Parkfläche neben dem Berliner Dom passen. Die Aktenschränke der NSA – wenn es sie gäbe – würden von Berlin bis über Ägypten zum Sudan reichen, im Osten bis Kasachstan und zum Sudan. Sie stünden im Mittel-, Roten, Schwarzen und im Arabischen Meer. Kurz um: Gauck hat Recht im Unrecht: Die Stasi ist tatsächlich nicht mit der NSA vergleichbar, allerdings anders, als er meinte.


Gehe zu Stasi versus NSA. Realisiert von CC-BY 3.0 OpenDataCity.

Welche Wege nehmen eigentlich unsere Daten?

Wem das an Visualisierung noch nicht reicht, kann sich auch die zweite App der OpenDataCity anschauen. Dort kann man die gängigsten Internetunternehmen anklicken und den Verlauf der Daten mitverfolgen. Realisiert wurde die App mit einem Programm, das die IP-Router-Anfragen zurückverfolgen kann. Testen kann man hier Amazon.de, Bild.de, Dropbox, Facebook, GMail, Pirate Bay, Google, Skype, WhatsApp, Twitter, YouTube und – richtig, was fehlt noch? – YouPorn.

Am Beispiel von Bild.de zeigt sich etwa, das die Datenpakete von Deutschland nach Amerika und zurück nach Frankfurt geschickt werden. Zugriff haben hier also der Bundesnachrichtendienst (BND) und die National Security Agency (NSA). Das verhält sich eigentlich bei fast allen Diensten so, Ausnahmen bilden nur Skype und YouPorn. Bei Skype wandern Daten auch noch über Kanada und könnten dort vom Communications Security Establishment Canada (CSEC) abgefangen werden. YouPorn bleibt in Europa und lässt so laut OpenDataCity nur den Zugriff vom BND zu. Fast alle Daten wandern übrigens über den Knotenpunkt in Frankfurt am Main.

Bild: Screenshot


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Über den Autor

Tobias Gillen

Tobias Gillen ist seit August 2014 Chefredakteur und seit Mai 2015 Geschäftsführer von BASIC thinking. Erreichen kann man ihn immer per E-Mail oder in den Netzwerken.

6 Kommentare

  • Vorneweg: Ich finde es eine Schande, was NSA, BND, etc. da tun und die verhaltenen Reaktionen der Bundesregierung entsprechen eben nicht meinem Anspruch an meine gewählten Vertreter auf der politischen Bühne.
    Und trotzdem scheints mir der Vergleich geradezu polemisch: wenn ich die Bytes meiner MP3 Sammlung abschreibe bekomme ich auch recht flott mein Wandregal voll, wenn ich nur die Lied-Texte Ausdrücke wahrscheinlich nichtmal zwei Ordner, schon da beginnt also der Vergleich zu hinken, stolpern würde er spätestens bei der Frage auf welchem Wege die erhobenen Daten ausgewertet und verwandt werden.
    Darüber hinaus empfinde ich den Vergleich sogar als gefährlich: Herr Gauck hat recht. Der Abhorskandal ist tatsächlich nicht mit der Arbeit der Stasi zu vergleichen. Die Staatssicherheit hat nicht nur Nachrichtendienstlich ermittelt sondern durch die bewusst eingesetzte Angst vor ihr ein Misstrauen in der Bevölkerung geschürt, welches die Entstehung einer Oposition bewusst erschwerte. Dabei wurden Mitglieder der Gesellschaft mit einem System von Honoration und Repression angeworben um Mitbürger, Bekannte, Freunde, Verwandte als Regimegegner zu denunzieren. Bei allem um Prism sprechen wir doch über den Schutz der Privatssphäre, bei der DDR um das Recht auf freie Meinungsbildung und Äußerung in einem totalitären System.
    Ganz ehrlich, solche Vergleiche verharmlosen aufs peinlichste. Bitte lasst das.

  • Was sagt uns das? Am sichersten surft es sich auf Youporn. 😉

    Meine Befürchtung ist, in 3 Wochen spricht niemand mehr über die Überwachung und alles geht wie gewohnt weiter. Wir sind alle zu bequem geworden, in unserem goldenen Käfig.

  • Egal ob Google, Facebook oder NSA, unsere Daten werden immer für irgendetwas gesammelt. Schützen kann man sich nur vor dieser Art datensammlung, wenn man sich ein Gebrauchtes Notebook kauft und über Cafés mit Internetzugang online geht und keinerlei Private Daten auf diesen hat bzw. über diesen angibt.

    Aber das machen sicher nur Menschen, die unseriöse Geschäfte planen oder Terroristen aber am Ende könnte man sich so vor solchen Datensammlungen schützen.

    Dies wäre aber nicht für den normalen „Internetgebrach“ nutzbar, da wir meistens mit Menschen die wir kennen kommunizieren und man über diese wieder herausfinden kann wer dahinter steckt.

    Das ganze würde gut funktionieren, wenn jeder sich einen Spitznamen geben lassen würde, den nur Freunde, Familie und Bekannte kennen.

    Dann müsste jeder nur noch in Cafés online gehen, (Was gleich die schwächelnde Gastronomie stärken würde.) dürfte nicht mit Karte zahlen, da man sonst das Ganze nachvollziehen kann und über Kurz oder Lang wüsste wer nun wer ist.

    Man müsste so wie ein Verbrecher vorgehen um legale Dinge im Netz zu machen und das nur um Anonym zu bleiben.

    Aber da wir alle zu faul für solche Aktionen sind und nur nörgeln, wenn einer in unsere Privatsphäre eingreift, wird es immer einfacher jeden Schritt von uns nachvollziehbar zu machen.

    Schöner Beitrag, den man toll weiterspinnen kann.

    Grüße Emanuel

  • Wie speichern die eigentlich 5 Zettabyte an Daten? Benutzen die Festplatten oder Bandlaufwerke, oder was gibt es da für Möglichkeiten?

  • Ich lese grad ein sehr empfehlenswertes Buch: „Risiko“ von Gerd Gigerenzer. Er geht dort auch auf die Folgen der Anschläge des 11. September 2001 ein. Er schreibt dort, dass aufgrund der vorherrschenden Flugangst nach den Anschlägen innerhalb eines Jahres 1600 Menschen zusätzlich im Strassenverkehr gestorben sind. Diese hatten anstatt zu fliegen das Auto für ihre Reise genommen.
    Ein zweites Beispiel sind die Folgekosten der Anschläge, Bin Laden hat seine Kosten für die Anschläge mit 500.000 Dollar kommentiert, während die USA durch die Anschläge 500 Milliarden Dollar verlor.
    Rational betrachtet kann man den Aufwand, die Kosten und die Einschnitte in die Privatsphäre der Bürger nicht mit dem Risiko eines Terroranschlages begründen.
    Es muss den Bürgern endlich klar werden, dass die Maßnahmen gegen den Terror in erster Linie nur der Kontrolle und der Unterdrückung der Bürger dient. Und der Wirtschaftsspionage natürlich 🙂

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