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Nach dem PRISM-Skandal: Hochrangiger ehemaliger Microsoft-Datenschützer traut seinem Ex-Arbeitgeber nicht mehr über den Weg

MS logo - Gareth Rushgrove - http://www.flickr.com/photos/garethr/386521620/
geschrieben von Thorsten Nötges

Caspar Bowden war einmal Microsofts Chief Privacy Advisor und damit ein führender Datenschutz-Experte des Windows-Konzerns. Von 2002 bis 2011 war Bowden dabei für 40 Länder verantwortlich – die USA waren nicht darunter. Umso bemerkenswerter sind Äußerungen, die der ehemalige hochrangige Manager nun auf dem „Congress on Privacy & Surveillance“ in Lausanne fallen ließ. Demnach traue auch er seinem Ex-Arbeitgeber seit den Enthüllungen um PRISM nicht mehr über den Weg und nutze nur noch Open-Source-Software.

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„Nur mit den Schultern gezuckt“

Von PRISM habe er nichts gewusst, so Bowden, bis Snowden das massive Abhören der NSA an die Öffentlichkeit gebracht habe. Doch sei ihm klargewesen, dass die USA an einem solchen System arbeiteten. Sogar mehrere EU-Regierungsvertreter seien von ihm darauf hingewiesen worden, hätten jedoch mit Schulterzucken reagiert. Dabei liegt der Anfang des breiten Abhörens laut Bowden bereits in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als der US-Gesetzgeber den Behörden mehr Spielraum beim Abhören und Ausspionieren der Bürger gab.

Der Bruch mit Microsoft rührt aber zumindest im Fall des Ex-Managers aus den Ereignissen der letzten Monate. Wir erinnern uns: Im Juli veröffentlichte der „Guardian“ Dokumente von Edward Snowden, die Microsoft als engen Kooperationspartner der NSA bloßstellten. Redmond hatte der NSA demnach eine Hintertür in seinem E-Mail-Dienst Outlook.com eingebaut, um die Verschlüsselung zu umgehen. Das Unternehmen selbst engagiert sich seitdem zwar noch stärker, die Zahlen der NSA-Fragen offenlegen zu dürfen – und so das ramponierte Image etwas aufzupolieren. Doch das allgemeine Misstrauen gegenüber dem Software-Riesen ist seitdem noch gewachsen.

Unterhöhlung der Demokratie

Kein Smartphone mehr und nur noch Open-Source-Software, deren Code überprüft werden kann – Bowden hat sich offenbar weitgehend von den Produkten der großen Tech-Konzerne verabschiedet. Tatsächlich warnt er auch alle anderen Nutzer, denn niemand sei mehr sicher: Die Auswirkungen der Datensammlung, die Zusammenarbeit und der Informationsaustausch zwischen der NSA, dem britischem GCHQ und Geheimdiensten weltweit (auch der BND und der Verfassungsschutz liefern bekanntlich Daten an die NSA) unterhöhle weltweit die Demokratie:

Die Öffentlichkeit muss jetzt darüber nachdenken, dass jede Person des öffentlichen Lebens, oder in einflussreicher Stellung in Regierung, Wirtschaft oder Verwaltung, darüber nachdenkt, was die NSA über sie weiß. Wie können wir uns darauf verlassen, dass deren Entscheidungen objektiv sind und sie nicht ihre Entscheidungen so treffen, dass ihre Karriere gesichert ist? Das zerstört jedes System von repräsentativer Regierung.

Auch die deutsche Regierung zeigte sich ja bisher nicht wirklich interessiert an einer Aufklärung, was jetzt eigentlich alles passiert ist, welche Rolle die deutschen Geheimdienste spielen und wo die Europäische Union steht. Kanzleramtsminister Ronald Pofalla hat die Affäre für beendet erklärt – Grundrechte von Deutschen seien nicht verletzt worden – geschwärzte Dokumente präsentiert, und damit war die Sache vom Tisch. Und Innenminister Friedrich hat ja eh bisher keine Beweise gesehen. Damit sind Bowdens Äußerungen von der unterlaufenen Demokratie doch schon quasi belegt.

Bild: Gareth Rushgrove / Flickr (CC BY-SA 2.0)


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Über den Autor

Thorsten Nötges

Thorsten Noetges ist Nerd, Gamer,und seit 1995 im Internet zu Hause. Er hat von 2013 bis 2014 über 100 Artikel auf BASIC thinking veröffentlicht.

6 Kommentare

  • So etwas hat man ja früher nur den „unfreien“ Ost-Staaten zugeschrieben. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, definiert vor allem dieses in sehr negativer Art und Weise. Unbegrenztes Abhören und Beschränken der Persönlichkeitsrechte. Das Land der Freiheit steht nun mehr denn je für die Einschränkung eben dieser. Freunde macht man sich so in der Welt nicht!

  • Das liegt auch in der der Natur des Wirtschaftssystems , Konzerne wie Microsoft , Google oder Apple wurden schließlich alles tun für mehr Gewinn und sicher auch staatlicher Unterstützung, denn ohne Gegenleistung werden sie sicher nicht Kooperieren.
    Das zeigt sich sicher auch in der Milde der Kartellwächter gegenüber Google oder Microsoft oder den Ausgang von Patent oder Geschmacksmuster Streits von Apple gegenüber seinen Konkurrenten.
    Besser ist er daher allemal auf „Open Source“ Produkte zu setzen , dort kann man zumindest den Code einsehen und Überprüfen.

  • @Carsten
    Die Frage ist doch wieviel Demokratie eigentlich Wert ist , wenn ein großer Teil unseres Gesellschaft zb. die Wirtschaft oder staatliche Dienste zutiefst Undemokratisch sind.
    Kann man 8h täglich in einer Diktatur leben (Arbeitswelt) ohne das dies auf die demokratische Gesinnung Einfluss hat?

  • > „…Kann man 8h täglich in einer Diktatur leben (Arbeitswelt) ohne das > dies auf die demokratische Gesinnung Einfluss hat? …“

    Genaus DAS ist der springende Punkt.

    Man könnte es noch genauer formulieren:

    Kann man systemanalytisch überhaupt von einer „Demokratie“ sprechen, wenn nichtmal zwei Prozent aller wichtigen Entscheidungsträger der Gesellschaft demokratisch gewählt sind?

    (z.B.: Firmenchefs, Beamte, Verwaltungsangestellte, Krankenkassen- mitarbeiter (Krankenkassen haben quasi hoheitliche Stellung und können sogar ohne Gericht pfänden(!) was hat das noch mit Rechtsstaat zu tun?! In meinen Augen ist das staatlich organisierte Plünderung und die allerletzte Perversion von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit))

    Adorno soll gesagt haben:
    „Ich habe nicht Angst vor den Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern vor den Faschisten in der Maske der Demokraten.“

    H.

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