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Meinung: Über die Absurdität von „Ist hier privat unterwegs“ in sozialen Netzwerken

Heute schreibe ich mal was richtig fieses über meinen Chef, ziehe über die blöden Politiker her und teile lustige Katzenfotos. Das kann ich nämlich, denn ich bin hier nur privat unterwegs! So leicht ist es sicherlich nicht. Aber warum liest man, gerade im Social Web, immer häufiger die Rechtfertigung, das sei sowieso alles nur die private Meinung? // von Frank Krause


Eigentlich sollte doch jeder sagen können was und wo er will. Das Grundgesetz sichert uns Meinungsfreiheit und die freie Entfaltung der Persönlichkeit zu. Darauf berufen sich auch viele, wenn sie sich durch das Netz pöbeln. Das wird man doch noch sagen dürfen, oder?

Klar kann ich sagen, was ich will, aber ich sollte mir der Konsequenzen bewusst sein und immer daran denken, dass ich nicht allein im Netz unterwegs bin. Beleidigungen, Gewaltfantasien und Aufrufe zu Verbrechen sind halt keine Meinungsäußerungen.
Und dann gibt’s da ja auch noch sowas wie eine Treuepflicht zum Arbeitgeber. Geheimnisse verraten, den Chef beleidigen oder öffentlich über die eigenen Kunden herziehen? Das kann ich machen, wenn mir der Laden gehört – und auch dann ist es nicht unbedingt die klügste Entscheidung. Aber als Arbeitnehmer die Hand abhacken, die mich füttert, zeugt nicht gerade von großer Weitsicht.

Arbeitgeber machen Vorgaben

Die Angst vor unüberlegten Aktionen der eigenen Mitarbeiter hat bei einigen US-Firmen schon dazu geführt, dass es strenge Social-Media-Guidelines gibt. Diese schreiben den Mitarbeitern manchmal nur grob vor über welchen Themen sie online sprechen dürfen, teilweise verbieten sie aber auch öffentliche politische Äußerungen. Das führt dann bis hin zum gänzlichen Verbot privater Inhalte. Irgendwie absurd, oder?

Auch im deutschsprachigen Raum gibt es Firmen, die bei der privaten Meinungsäußerung ihrer Mitarbeiter im Netz mitsprechen möchten. So empfiehlt die Blick-Gruppe ihren Mitarbeitern „kontroverse Aussagen“ klar als „private Aussagen“ zu kennzeichnen.

Und auch beim MDR gab es ein prominentes Beispiel, das zu einer schärferen Beobachtung der Social-Media-Kanäle führte. Ausgerechnet Intendant Dr. Udo Reiter hatte 2010 das in Deutschland noch eher unbekannte Netzwerk „Twitter“ für sich entdeckt und eckte prompt mit einem missverständlichen „Witz“ über Christian Wulffs Aussage, der „Islam gehöre zu Deutschland“, gewaltig an. Der Twitter-Neuling erlebte den ersten „Shitstorm“ seines Lebens:

Einheitstag 2030: Bundespräsident Mohammed Mustafa ruft die Muslime auf, die Rechte der Deutschen Minderheit zu wahren.

Das führte vor allem auch bei Journalisten dazu, dass man in ihren Twitter-Accounts ziemlich oft den Hinweis „Twittert hier privat.“ liest. Und der MDR hat mittlerweile ebenfalls eine Social-Media-Guideline, die dies sogar ausdrücklich empfiehlt – jedoch nicht vorschreibt.

Mist bleibt Mist

Die Sache ist nur: Wenn ich Mist baue, kann ich mich trotzdem nicht dahinter verstecken. Wenn ich etwa in meinem Social-Media-Profil angebe für eine Firma zu arbeiten, werde ich im Zweifel trotzdem daran bemessen.
Kai Diekmann, der Chefredakteur der BILD, ist das beste Beispiel. #BILDnotwelcome ist ist nicht als Reaktion auf die „Wir helfen“-Aktion seiner Zeitung entstanden, sondern wegen eines privaten Tweets gegen den FC St. Pauli.

Sollte ich als Agenturchef also Position gegen die Atomkraft beziehen und damit eventuell Kunden vergraulen? Und was hat es für Konsequenzen, wenn ich mich als Autobauer an einem Shitstorm gegen den größten Zulieferer beteilige?

Solche Unsicherheiten sind oft der Grund für ein generelles Schweigen zu bestimmten Themen. Ein anderes Extrem sind anonyme Accounts, die dann gern auch mal besonders fies sein dürfen. Stattdessen sollte doch aber gesunder Menschenverstand einsetzen. Und das sowohl beim Arbeitgeber als auch dem Arbeitnehmer.

Ausprobieren und daraus lernen, bitteschön!

Ich finde, es sollte sich keiner mit seiner Meinung verstecken müssen. Es muss Raum zum Ausprobieren geben. Gerade in den sozialen Medien bewegen sich viele noch eher unsicher und übervorsichtig – oder posten automatisch jeden CandyCrush-Erfolg.
Auch ich bin mit einer unvorsichtigen Äußerung schon bei einem Arbeitgeber angeeckt. Und das, obwohl das nicht einmal beabsichtigt war. Aber Chefs achten eben auf andere Dinge, als man selbst. So musste ich mir mein Medienblog und den zugehörigen Youtube-Kanal schon mehrfach (teils unter Auflagen) erst im Arbeitsvertrag genehmigen lassen.

Klar sollte aber auch sein, dass sich jeder vorher genau überlegt, wie er sich nun im Netz äußert und präsentiert – ganz unabhängig vom Arbeitgeber. Man muss sich nur vor Augen rufen, dass viele Freunde und Kollegen und teilweise die ganze Welt mitlesen kann.

Ich jedenfalls möchte in keiner Welt leben, in der mir genau vorgeschrieben wird, was ich wo und wie sagen darf. Geben wir uns alle etwas Mühe, muss es ja auch nicht soweit kommen. Und vielleicht, aber nur vielleicht, wird dann auch nicht mehr aus jedem flapsigen Post eines Promis, gleich ein Skandal gemacht. Aber das wird wohl weiterhin ein Wunschdenken bleiben …

Wie geht ihr mit der Thematik um? Schreibt ihr auch nur privat oder ist euch das alles völlig egal?


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Über den Autor

Frank Krause

Medienfuzzi, technikbegeistert und heimlich verliebt ins Fernsehen. Aber das bleibt unter uns, ja?

20 Kommentare

  • Ich gehöre zu der Minderheit, die nur das schreibt, was sie den „Leuten“ auch in der realen Welt ins Gesicht sagen würde. und auch genau in der Form (ohne Rechtschreibfehler 🙂 ) wie ich es real tun würde. Von daher stellt sich das Problem erst gar nicht.

    • Mit genau sowas bin ich damals angeeckt, weil es manchmal, und gerade in Textform, ohne irgendeine Betonung, missverstanden werden kann. Trotzdem bin ich da deiner Meinung. Bin auch überall unter meinem echten Namen unterwegs – mit der dazugehörigen Verantwortung. 🙂

    • Das ist eben genau die Sache. Auf der einen Seite wichtig, um bestimmte Dinge überhaupt sagen zu können, auf der anderen irgendwie auch ein Armutszeugnis für die persönliche Meinungsfreiheit. :/

      • Warum?
        Ob nun jemand für ein Blatt/eine Onlineseite schreibt oder privat – Mensch bleibt Mensch. Im Fall Kai Diekmann war es nun ziemlich eindeutig. Der hat sich ziemlich zum Honk gemacht, weil ihm aufgrund der von ihm vorgegebenen Leitlinien des Mülleimer-Kleckerfängers namens BILD keiner abgenommen hat, dass es ihm um die Sache ging. Wie auch – erst das Haus anzünden, dann selbst mit dem Löschfahrzeug als der große Held anrücken und danach noch alle beschimpfen, die daneben stehen und sich nicht sofort bei der Freiwilligen Feuerwehr bewerben? Das hat was von Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom…

        Dieses Argument mit der „persönlichen Meinungsfreiheit“ lese und höre ich immer wieder (vor allem von denen, die anderen vorwerfen, „linksgrüne Gutmenschen“ zu sein, als ob das eine Herabwertung wäre, vor allem vom Gegenteil geäußert, also „rechtsbraunen Schlechtmenschen“…) – und es ist immer wieder Bullshit. Solange man nicht den Holocaust leugnet oder zu Gewalt gegen andere anstiftet, hat man die volle Meinungsfreiheit, die – wie alle Freiheiten – dort aufhört, wo sie Freiheiten anderer beschneidet.
        Was man nicht hat, ist das Recht, für seine Meinungsäußerung nicht zum Arschloch gestempelt und öffentlich an den Pranger gestellt zu werden. Das wiederum ist, sofern es ohne Beleidigung auskommt, die freie Meinungsäußerung der anderen.
        Und natürlich geht man davon aus, dass jemand, der privat beispielsweise ein rechtslastiger Mistkerl ist, dies auch im Job ist – es ist schließlich der gleiche Mensch -, und bezieht das dann auch auf den Arbeitgeber, der diesen Menschen eingestellt hat. Nach einem ausführlichen Bewerbungsprozedere und heutzutage auch Prüfung der Social-Media-Aktivitäten. Wer nach so einem Durchlauf jemanden einstellt, kann sich in der Regel nicht darauf berufen, nicht gewusst zu haben, was für ein Mensch das ist, sondern muss sich im Gegensatz anrechnen lassen, ihn angeheuert zu haben, gerade WEIL er so ein Mensch ist. So ist das in einer Informationsgesellschaft: Wenn Informationen da sind, muss man auch davon ausgehen, dass sie genutzt und bewertet werden, bevor eine Entscheidung getroffen wird.

        • Ich stimme dir da voll zu. So sollte es sein. Ist es aber nicht immer. Und gerade wenn man an die ganze Whistleblower-Thematik denkt, sind anonyme Accounts schon ganz praktisch. Darum haben anonyme Accounts m.E. schon eine Berechtigung. Und sicher nicht deswegen, um andere beschimpfen zu können, auch wenn es einige dafür missbrauchen. 🙁

        • „Was man nicht hat, ist das Recht, für seine Meinungsäußerung nicht zum Arschloch gestempelt und öffentlich an den Pranger gestellt zu werden.“

          Damit bist Du ein weiteres gutes Beispiel für die Wichtigkeit anonymer Posts.
          Nur weil Dir eine andere Meinung nicht passt, willst Du Dir das Recht nehmen ihn an den Pranger zu stellen und zu beleidigen.

          Gerade bei der aufgeheizten Flüchtlingsgeschichte merkt man das deutlich. Bei der leisesten Kritik ist man ein Nazi, bei der kleinsten Unterstützung ein Gutmensch. Sachliche Diskussionen sind nahezu unmöglich, weil jeder denkt, seine Meinung sei die einzig richtige. Also hält man sich zurück, oder postet anonym.

  • Ich bin im Netz nur privat unterwegs. Meinen aktuellen Arbeitgeber findet man nur mit größeren Googlekünsten. Warum sollte ich im Netz Informationen verteilen, die nach drei bis vier Jahren keine Richtigkeit mehr haben?
    Den Arbeitgeber tauscht man schließlich öfter als seine Webidentität und im Namen der Firma kann dann der Pressesprecher sprechen, worüber ich mich dann in der nächsten Firma fremdschämen kann.

  • Ich bin Anwalt und manchmal ist es mein Job, beruflich andere Meinungen zu vertreten als privat. Deshalb muss ich sehr vorsichtig sein, wenn ich im Internet über Dinge schreibe, mit denen ich auch beruflich zu tun habe oder in Zukunft haben könnte. Das „ist hier privat unterwegs“ ist sicher kein Allheilmittel, aber schon wichtig, um klar zu machen, dass ich gerade keine Interessen von Mandanten oder der Firma vertrete, sondern rein privat meine Meinung äußere. Es entbindet mich aber nicht davon, trotzdem sehr sensibel mit vielen Themen umzugehen.

    • Bei Pressesprechern ist das sicher ähnlich. Aber ich finde das Problem liegt hier eher in der Wahrnehmung der Berufe. Wenn du dich als Atomkraftgegner outest und dann RWE verteidigen möchtest, könnte das definitiv problematisch werden. Ich denke allerdings unabhängig ob du das „privat“ oder nicht geschrieben hast, oder?
      Oft ist es m.E. auch, weil viele nicht zwischen Beruf und Person unterscheiden können oder wollen – um sich darüber aufregen zu können.

      Ich hab jetzt nur mal schnell durch die Profile einiger bekannter IT-Anwälte geschaut (Stadler, Krieg, Solmecke, Höcker, Feldmann). Gerade die verzichten alle drauf. Auch wenn das jetzt nicht repräsentativ ist.

    • Nun, beim Anwalt lässt sich das noch leichter verschmerzen. Ich habe beispielsweise nichts dagegen, wenn Udo Vetter Neonazis vertritt. Auch der Abschaum der Gesellschaft – oder besser: Gerade der – hat rechtsstaatliche Behandlung verdient, und Rechtsanwälte sind nun mal Organe der Rechtspflege. Verteidigt wird auch nicht die angeklagte Tat oder dessen Motivation, sondern der Angeklagte, und es ist Aufgabe der Anklagevertretung, die Tat darzulegen, zu beweisen und eine Verurteilung des Angeklagten mit tatangemessenem Strafmaß herbeizuführen. Solange sich ein Anwalt mit dem Tatmotiv nicht gemein macht, sehe ich kein Problem.

      Wie Frank allerdings schon mit dem RWE-Beispiel deutlich macht: Gerade in Zivilsachen wird dann doch eher die „Tat“ verteidigt, und da darf man dann schon eher eine Schlussfolgerung herstellen und einen „Ausverkauf der eigenen Werte“ annehmen. Das ist dann das persönliche Berufsrisiko. Aber da besteht auch Wahlfreiheit. Im Gegensatz zum Strafrecht, wo es die Pflichtverteidigung gibt. Ohne Verteidigung mangelt es an Rechtsstaatlichkeit, und damit würden wir nur unsere eigene (rest-)demokratische Ordnung beschädigen. Das kann man bei freiwilliger Zivilvertretung kaum annehmen.

  • Ein etwas weltfremder Ansatz des Autors. Offenkundig haben Menschen nun mal extreme Meinungen, auch solche, die in „ganz normalen Firmen“ arbeiten. Da finde ich die deutliche Aussage, dass das die private Meinung, nicht die des Arbeitgebers ist, das ehrlichere Vorgehen. Bei Typen wie Diekmann ist das natürlich witzlos, weil er ja bei jeder Gelegenheit die Brücke zur Bild schlägt. Und letztlich die Bild-Maxime/“Ethik“ ohnehin identisch ist.

    • Aber genau das will ich doch sagen. Warum sollte man sich dafür rechtfertigen eine Meinung zu haben? Und wenn ich nicht den Anschein mache ständig nur Inhalte meines Arbeitgebers zu teilen oder meinen Account mit seinen Logos zupflastere, sollte doch auch jedem bewusst sein, dass ich da private Inhalte teile, oder?

      Zumal es auch die Schreiberlinge von Hasskommentaren in letzter Zeit nicht davor bewahrt hat deswegen bei Ihrem Arbeitgeber gemeldet worden zu sein (z.B. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/porsche-tweet-oder-facebook-post-als-kuendigungsgrund-a-1045323.html).
      Wo wir wieder bei dem Punkt wären sich vorher zumindest zu überlegen was man da schreibt. Egal, ob man nun privat oder im Auftrag der Firma unterwegs ist.

  • Twitter ist eben nicht privat, sondern immer öffentlich. Wer hier was schreibt, stellt sich vor jedermann auf den Marktplatz, nicht in sein Wohnzimmer. Deswegen ist das mit dem „privat“ absurd. Was die Leute bestenfalls damit meinen könnten: Sie äußern hier nicht die offizielle Firmenmeinung, sondern ihre persönliche. Wenn aber z.B. ein Pressesprecher etwas „privat“ twittert und dann offiziell angefragt etwas anderes sagt – dann ist das natürlich ein Thema für Medien und zwar völlig zu recht. Denn Twitter ist nie: privat.

  • Ja ja..die Meinungsfreiheit im Grundgesetz..ist was schönes..nicht wahr ?? Nur sollte man sich wenn man sich darauf beruft auch wissen was drin steht.
    Hier also zum nachlesen :
    (1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

    (2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

    (3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

    So ..und nun alle mal genau den Absatz 2 lesen. Und..merken sie etwas ?? Genau..es gibt Einschränkungen..wenn man gegen Gesetze verstößt oder einfach nur BELEIDIGEND ist. Pöbeln und beleidigen ist nicht vom Grundgesetz erlaubte MEINUNGSÄUSSERUNG.

  • „Bin hier privat unterwegs“ – Tweet wärend der Arbeitszeit abgeschickt -> Kündigung.

    Ich wäre alleine deswegen immer „geschäftlich hier“ und würde meinem Arbeitgeber auch meine Tweets am Wochenende und in den Ferien in Rechnung stellen.

    Spass beiseite, wer meint mit „bin hier privat unterwegs“ sich in irgendeiner Form abzusichern und das Argument zu entkräften sie oder er würde seinen Arbeitgeber representieren – die oder der hat es dann auch irgendwie verdient. Nennen wir es Selektion und freuen uns drüber. Mehr Jobs für dich und mich 🙂

  • Ich denke, dass sich nur die Minderheit der „ist hier privat unterwegs“ Gedanken um Interessenskonflikte, Treue, Company-Compliance-Regeln gemacht hat. Es geht eher darum zu zeigen, dass man sich eine gewisse Unabhängigkeit bewahren will. Gibt halt nichts uncooleres, als Teil einer (Unternehmens)-Struktur zu sein.

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