Digitale Nomaden

6 Vorurteile, mit denen digitale Nomaden zu kämpfen haben

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geschrieben von Marinela Potor

Marinela Potor ist digitale Nomadin. Kein fester Wohnsitz, immer unterwegs, Leben auf Reisen. Für viele ein Traum, für andere ein Graus. Bei BASIC thinking und auf MeinLeben.digital berichtet Marinela wöchentlich von ihren Reisen, was es mit dem Leben aus dem Rucksack auf sich hat und warum es sich lohnen kann, auch mal über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Diesmal: 6 Vorurteile über digitale Nomaden.

Ich lebe und arbeite nun mittlerweile schon vier Jahre als digitale Nomadin – und seit Tag eins bin ich nicht nur auf Begeisterung und Interesse, sondern auch auf sehr viel Unverständnis für meine Lebensweise gestoßen. Wie bei vielem, das noch neu und unbekannt ist, gibt es auch zur ortsunabhängigen Lebensweise noch viel Unwissen, Halbwissen und leider auch eine ganze Menge Vorurteile.

Vorurteil 1: Du liegst nur auf der faulen Haut

Erst vor Kurzem habe ich einer Bekannten erzählt, dass ich seit meinen Anfängen als digitale Nomadin noch nie wirklich Urlaub hatte. Ihre Antwort: „Ach, du kannst dich doch nicht beschweren. Du liegst doch eh den ganzen Tag nur am Strand!” Sie ist sicherlich nicht die einzige, die so denkt. Bilder, die digitale Nomaden in sozialen Netzwerken von weißen Stränden, beeindruckenden Bergkulissen oder aufregenden Städten posten, tragen sicher zu diesem Vorurteil bei. Doch mal ehrlich: Wer postet denn schon Bilder von sich im Büro? Na eben! Warum sollten wir Fotos von unserer Arbeit am Laptop posten? Das heißt aber nicht, dass diese Arbeit nicht stattfindet. Seit ich angefangen habe, freiberuflich zu arbeiten, stecke ich definitiv mehr Zeit in meine Arbeit als vorher. Natürlich arbeite ich nicht jeden Tag acht Stunden – genau das Arbeitsmodell habe ich ja bewusst aufgegeben. Doch ich sitze mitunter mehrere Tage 14 Stunden lang vorm Bildschirm und schreibe, recherchiere oder übersetze. Um es ganz klar zu sagen: ICH habe mir diese Lebensweise ausgesucht und bin sehr glücklich mit meiner Work-Life-Balance. Doch ich arbeite dafür mindestens genau so hart wie jemand, der einen Bürojob hat.

Vorurteil 2: Das Wanderleben ist nur eine Phase

„Oh, das ist ja toll, dass du so lebst. Aber wann hörst du damit auf? Wann wirst du dich irgendwo niederlassen?“ Das bekomme ich sehr oft zu hören – und je öfter ich es höre, umso mehr regt es mich auf. Dahinter steckt nämlich die Annahme, dass es eine „richtige“ Lebensform gibt und das ist die sesshafte, am besten mit zwei Kindern einem Minivan und eigenem Haus. Selbstverständlich ist gegen dieses Leben absolut nichts einzuwenden. Ich kann aber nicht verstehen, warum dies die einzige mögliche Lebensform sein soll und warum jeder, der anders lebt, dafür gleich wie ein Außerirdischer bei Men in Black angeschaut wird. Wir sind nicht in unserem Gap-Year und auch nicht im ERASMUS Austausch, wir sind Selbständige, Freiberufler und Geschäftsleute. Wir fragen ja schließlich auch nicht unsere sesshaften Freunde, wann sie endlich ihre Lebensweise aufgeben wollen. Manche Menschen leben sesshaft, andere leben ortsunabhängig und das ist keine Phase, sondern eine sehr bewusste Lebensweise.

Vorurteil 3: Du hast Angst, dich zu binden

Auch dieses Vorurteil hat viel damit zu tun, dass Menschen unsere Lebensweise nicht besonders gut kennen. Natürlich kann ständiges Reisen bei einigen Menschen damit zu tun haben, dass sie sich auf keinen Ort einlassen können. Doch Bindungsangst hat meiner Meinung nach weniger mit Reiselust und dem ortsunabhängigen Arbeiten zu tun, als mit einem mentalen Problem. Menschen, die ein Haus gebaut haben und verheiratet sind, können Bindungsängste haben. Menschen, die seit 15 Jahren im gleichen Job arbeiten, können Bindungsängste haben. Ein Leben, das nicht nur an einem Ort stattfindet, ist deshalb kein automatischer Hinweis darauf, dass wir uns nicht binden wollen. Ganz im Gegenteil. Die digitalen Nomaden, die sich ein Online-Business aufgebaut haben, sind sehr stark mit ihrer Arbeit verbunden. Sie wechseln nicht alle naselang den Job oder lassen ihre Kunden hängen, weil sie Angst davor haben, Entscheidungen zu treffen. Gerade wenn jemand sich selbst ein eigenes Geschäftsmodell aufbaut, steckt dahinter sehr viel Hingabe und Engagement.

Auch was Beziehungen angeht, haben digitale Nomaden nicht mehr oder weniger Angst sich zu binden, als andere. Es mag vielleicht etwas schwieriger sein, mit dieser Lebensweise einen Partner zu finden, aber viele digitale Nomaden sind verheiratet oder leben seit vielen Jahren in einer glücklichen Partnerschaft. Andere wiederum haben sogar Kinder. Wir digitale Nomaden laufen nicht vor etwas davon, wir glauben aber daran, dass eine tiefe, emotionale Bindung nicht davon abhängt, dass wir stets an einem einzigen Ort sind.

Vorurteil 4: Digitale Nomaden sind unzuverlässig

Das geht sehr stark mit dem vorigen Vorurteil einher. Wenn andere glauben, dass digitale Nomaden sich nicht binden wollen, schließen sie daraus, dass wir wie Schneeflocken im Wind sind: verstreut. Genau das Gegenteil ist der Fall. Wer sich seine Lebensweise selbst erarbeitet und dafür sehr viel Arbeit und Schweiß in ein Berufsmodell hineinsteckt, ist dem sehr verschrieben. Wenn wir Aufträge nicht erledigen, Versprechen nicht halten und Deadlines ignorieren würden, hätten wir bald keinen Beruf mehr. Genau wie viele sesshafte Selbständige stehen auch digitale Nomaden sehr engagiert hinter dem was sie machen. Wer Kunden aus aller Welt, in verschiedenen Zeitzonen managt und damit seinen Lebensunterhalt verdient, muss schon verdammt organisiert und zuverlässig sein, damit dieses Geschäftsmodell auch aufgeht.

Vorurteil 5: Digitale Nomaden sind egoistisch

Vielen digitalen Nomaden wird vorgeworfen, sie hätten keine gesellschaftliche Verantwortung. Wer schließlich alles im Heimatland stehen und liegen lässt und in Südostasien lebt, gibt sämtliche soziale Verantwortung ab. So argumentieren viele. Doch wer einmal genauer hinschaut, erkennt schnell, dass das gar nicht stimmt. Digitale Nomaden sind weder Steuerflüchtlinge, noch sind sie verantwortungslos. Viele tragen mit ihren kreativen Ideen sogar dazu bei, unsere Gesellschaft ein Stückchen besser zu machen. Egal, ob es um neuartige Geschäftsideen geht oder um ökologisch und sozial verantwortungsvolle Projekte – viele digitale Nomaden möchten der Gesellschaft etwas zurück geben und setzen sich aktiv dafür ein.

Vorurteil 6: Digitale Nomaden denken nicht an die Zukunft

Ich glaube, das ist etwas, das vor allem die Eltern von digitalen Nomaden sehr beunruhigt. Wer aus dem System aussteigt, kann sich natürlich im Rentenalter auch nicht darauf verlassen. Doch ein Blick auf die aktuelle politische Entwicklung zeigt, dass die Rente in Deutschland vieles ist, aber längst nicht mehr sicher. Das bedeutet, dass nicht nur digitale Nomaden, sondern auch andere junge Berufstätige in Deutschland sich über alternative Wege zur Rentensicherung Gedanken machen müssen. Digitale Nomaden tun dies genau so viel oder wenig wie andere Menschen in unserem Alter. Für einige ist das einfach noch zu weit weg, andere wiederum investieren jetzt schon in Finanzmodelle, mit denen sie im Alter abgesichert sind. Es mag durchaus sein, dass digitale Nomaden den Moment intensiver genießen als andere Menschen, da bei uns jeder Tag anders aussieht und uns so viel öfter bewusst wird, wie glücklich wir mit unserem Leben sind. Das heißt aber nicht automatisch, dass wir alles andere ignorieren.

Wie seht ihr das? Ist an diesen Vorurteilen etwas dran? Welche Vorurteile müsst ihr euch als digitale Nomaden ständig anhören und wie reagiert ihr darauf? Ich freue mich wie immer auf eure Kommentare!

Bis nächste Woche, dann wieder aus irgendeinem Winkel der Welt,

Eure Marinela

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor hat als klassische Radiojournalistin angefangen, und ist dann unklassisch (und nicht ganz freiwillig) zur digitalen Nomadin geworden. Seit 3 Jahren reist sie um die Welt und schreibt zu politischen, sozialen und digitalen Themen.

5 Kommentare

  • Ich kanns nicht mehr hören… „digitale nomaden“ wird hier ja noch breiter getreten als „digital naives“. Da das jetzt ja alle Kinder sind, war wohl ein besonderer Begriff „notwendig“ geworden?
    Scheint halt nur niemanden so richtig zu interessieren?
    Hat so was von selbsttherapie. Bin auf der Suche, finde nix, also schreibe ich über mich selbst?
    Sorry, ne, die Artikel spare ich mir.

    • a) digital Natives hat genau nichts mit digitalen Nomaden zu tun.
      b) digitale Nomaden – nenn es, wie du willst – sind eine neue, zunehmend relevante Gruppe Menschen, die ortsunabhängig arbeiten.
      c) Selbsttherapie? Jau, warum auch nicht? Das hier ist ein meinungslastiges Magazin, warum darf unsere Autorin nicht über ihre Erfahrungen berichten?

    • Hello you 🙂
      Danke erstmal für’s Posten – ich muss sagen, ich nehme mir nicht so viel Zeit, Artikel zu lesen, die mich nicht interessieren und dann auch noch zu kommentieren, also danke dafür!

      Ich glaube, du verwechselst da ein bisschen etwas. Digital Natives ist die Generation, die mit Internet, Smartphones & Co. aufgewachsen ist, digitale Nomaden sind Menschen, die ortsunabhängig arbeiten (möglich gemacht durch’s Internet). Digital Natives sind also nicht automatisch digitale Nomaden und andersherum.

      Wie Tobias schon sagte, es ist schon ein Phänomen: Es gibt viele, die diesen Lebensstil ausleben und noch mehr, die sich dafür interessieren. Da ist es ja eigentlich klar, dass man das Ganze irgendwie benennen möchte. Digital Nomads ist die gängige Bezeichnung dafür, aber wenn du eine bessere hast – nur her damit!

      Ich glaube auch, Selbsttherapie sieht etwas anders aus als meine Artikel, Hinweise, Tipps, Ratschläge und Interviews hier (du solltest mal einen Blick in mein wirkliches Tagebuch werfen 😉 ), aber das tut ja auch nichts zur Sache. Es steht ja jedem frei, das im Internet zu lesen was er möchte – oder eben nicht! Mich interessiert es zum Beispiel einen feuchten Kehricht, was Frau Kardashian mal wieder auf Instagram gepostet hat – dementsprechend klicke ich nicht drauf. Dementsprechend steht auch dir frei, meine Artikel nicht zu lesen. Es kann einen ja nicht alles interessieren. Wenn du wiederum Themenideen hast oder Fragen, die dich brennend interessieren – wir sind immer offen für neuen Input!

  • Mich (weiblich) ärgert, dass bei den ersten drei Kommentaren über meine Geschäftsideen (die auf den ersten Blick sehr nomadisch wirken, es aber gar nicht unbedingt sein müssen ) immer Vorurteil 2 dabei ist, und zwar in dieser Variante: „Aha, aber wenn du dann eine Familie hast, dann geht das ja nicht mehr“. Und das meistens von Menschen, mit denen ich mich noch gar nicht darüber unterhalten habe, ob und in welcher Form ich Kinder haben möchte. Mein Partner (männlich) bekommt zu seinen Geschäftsideen hingegen zu hören: „Ich würde das nicht machen, dann hast du kein Leben mehr“. Das ist nun auch nicht gerade ein Mutmacher-Kommentar, aber ich finde es dennoch bezeichnend, dass einem als Frau besonders gerne eine Steilvorlage zum schlechten sozialen Gewissen gegeben wird, wohingegen dem Mann geraten wird, doch mehr an sich selbst zu denken. Ich antworte dann immer, dass mein Partner und ich ungefähr gleich viel verdienen und deswegen noch nicht klar ist, wer beruflich zurückfahren würde. Wobei mir dann auch immer auffällt, dass ich, selbst wenn einer von uns beiden deutlich weniger verdienen würde, genauso wenig finde, dass es automatisch der Wenigerverdienende sein muss, der sich beruflich nicht mehr verwirklichen darf. Und ich erinnere mich dann immer daran, dass das ja gerade das Schöne ist, und mit eine der Hauptgründe für die selbstständige Lebens- und Arbeitsform, dass ich als meine eigene Chefin auch selbst über verschiedene Arbeitsmodelle und damit in gewisser Hinsicht auch über die Familienvereinbarkeit bestimmen kann.

    • Hi Maren,
      du sprichst hier ein SEHR weites Feld an. Ich gebe dir Recht, ich habe sehr viele sexistische oder merkwürdige antiquierte Äusserungen zu meiner Lebensweise und der Vorstellung, was eine Frau so zu tun hat im Leben gehört.

      Ich vermute mal: Das Lebensmodell „digitaler Nomade“ ist für viele schon sehr unverständlich. Wenn dazu dann noch ein veraltetes Frauenbild hinzu kommt, kriegt man dann die Vorurteile gleich doppelt um die Ohren gehauen.

      Was antwortest du denn den Menschen, die dir so etwas vorwerfen?

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