Social Media

Wie die Techniker einmal über Homöopathie auf Twitter diskutierte

techniker twitter homöopathie
Screenshot / Twitter
geschrieben von Tobias Gillen

Die Techniker Krankenkasse hat heute bewiesen, wie dieses Social Media für Unternehmen nicht funktioniert – und das ausgerechnet beim heiklen Thema Homöopathie. Shitstorm incoming in 3, 2, …

15.000 Follower und seit gestern eine Menge Stress: Ausgangspunkt ist ein Tweet von Dr. Lübbers, einem HNO-Arzt aus München, der die Techniker darauf ansprach, warum bei vielen Patienten die homöopathische Behandlung mehr Kosten verursache als eine, wie er es nennt, „’normale‘ Therapie“.

Darauf antwortet das Social-Media-Team: „Das Interesse und der Bedarf ist bei allen Altersgruppen da.“ Und damit geht’s los. Es gibt nicht wenige Studien zur Nichtwirksamkeit von Globuli und Co., der Beweis für die Wirksamkeit bzw. zumindest für einen nennenswerten Unterschied zum Placebo-Effekt, ist aber nach wie vor offen.

Ob also das reine Interesse und der Bedarf über die Finanzierung von Homöopoathie entscheiden sollten? Mit dieser Argumentation ließe sich theoretisch fast alles rechtfertigen – dadurch wird es aber nicht richtiger.

Mit Ignoranz gegen den Sturm

Und dass die Techniker-Mitglieder es nicht sonderlich prickelnd finden, wenn offenbar viel Geld für Homöpoathie statt für wirksame Behandlungsmethoden ausgegeben wird, überrascht dann auch nicht.

Was dann aber doch überrascht, ist die Ignoranz, mit der das Techniker-Social-Media-Team ihren Mitgliedern entgegentritt. Vollstes Verständnis dafür, dass man sich nicht alles gefallen lassen muss und ja, die Diskussion bei diesem Thema kocht gerne und schnell hoch, auch, weil es hierbei kaum Spielraum für Grautöne gibt.

Aber was die Techniker heute Nacht auf ihrem Twitter-Account getrieben hat, schreit nahezu nach der erhaltenen Reaktion und dient als Lehrstück dafür, dass man mit etwas mehr Ruhe und Witz eine solche Situation sehr charmant auflösen kann statt einen Shitstorm zu provozieren, der inzwischen auch auf Facebook übergeschlagen ist.

Um 1:02 Uhr setzt die TK folgenden Tweet ab, der das Fass dann bei den Nutzern endgültig zum Überlauf gebracht hat:

Ja, konnte er. Und zig andere Nutzer auch, man schaue in die Antworten zum Tweet oder hier bei Scienceblogs.de vorbei. Problem: Die Krankenkasse ist hier wohl kaum in der Position, einen Twitter-Nutzer die Nichtwirksamkeit belegen zu lassen. Mal ganz davon abgesehen: Es ist nicht gleich etwas existent, nur weil seine Nicht-Existenz nicht nachgewiesen wurde.

Oder wie Marina Weisband es formuliert:

„Saubere, wissenschaftliche Studie“?

Einzige nennenswerte Quelle der Techniker für die Wirksamkeit ist die Seite Patientsview.com mit diesem Artikel. Ob man der Seite vertrauen sollte? Hm, was würde wohl dagegen sprechen, wenn man sich die Startseite so anschaut? Sehen einige Nutzer wohl ähnlich:

Techniker Twitter Homöopathie

So sieht eine seriöse Quelle eher nicht aus (Bild: Screenshot / Twitter)

Ob das dann wohl die „seriöse, wissenschaftliche“ Quelle ist, die die Techniker selbst gefordert hat? Die Charité in Berlin schreibt über Homöpoathie 2010 übrigens folgendes:

Inwieweit homöopathische Arzneimittel einem Placebo überlegen sind ist unklar, für viele Indikationen gibt es keine Studien und vorhandene Studien finden widersprüchliche Ergebnisse. Bisher ist nicht eindeutig belegt, dass sich homöopathische Arzneimittel von Placebo unterscheiden.

Wie dem auch sei, auch in den folgenden Tweets, die wohl der Beruhigung der Situation dienen sollten, hat sich die Techniker nicht sonderlich einsichtig gezeigt, sich aber immerhin am Vormittag dann für die nächtlichen Twitter-Ausflüge des Social-Media-Verantwortlichen entschuldigt.

Zudem verspricht die Techniker eine interne Aufklärung und neue Ergebnisse einer Zusammenarbeit zwischen ihr und der Berliner Charité zu diesem Thema im nächsten Jahr.

Was bei all der Aufregung nicht vergessen werden sollte: Die Techniker ist nicht die einzige Krankenkasse, die Homöopathie bezuschusst, finanziert oder anderweitig unterstützt. Sie haben den Shitstorm nun abbekommen, weil sie falsch reagiert haben – grundsätzlich geht die Kritik aber auch an viele andere Krankenkassen.

Einen Tipp gibt’s von Oliver Scheele, an den der Tweet von heute Nacht ging, noch obendrauf, und damit lässt sich der Techniker-Fall mit einem Schmunzler beenden.

Auch interessant: Kritikfähigkeit: „Bravo“ zeigt jungen Menschen auf Twitter, wie es nicht geht


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Über den Autor

Tobias Gillen

Tobias Gillen ist Geschäftsführer der BASIC thinking GmbH und damit verantwortlich für BASIC thinking, Mobility Mag und Matchplan Mag. Von 2014 bis 2017 war er Chefredakteur von BASIC thinking. Erreichen kann man ihn immer per E-Mail oder in den Netzwerken.

3 Kommentare

  • Mich ärgert dieses „das Thema polarisiert auch intern.“ von der TK.
    Klar Polarisiert das, so wie alle Diskussionen über Glauben.

    Rein wissenschaftlich kann da nichts polarisieren.
    Wirkt nicht und fertig.

  • Dazu auch eine Geschichte aus der Apotheke neulich: Ich wollte ein Mittel gegen eine Verstopfung meiner kleinen Tochter haben, die sich schon über Bauchschmerzen beschwert hatte, um über die Nacht zu kommen und dann evtl. zum Arzt zu fahren.

    Ohne irgendeinen Hinweis bekam ich ein homöopathisches Mittel verkauft, was mir dann erst zu Hause beim Lesen der Packungsbeilage (C3- und D3-Verdünnung) auffiel. Finde ich heftigst!

    Auf Grund später Stunde habe ich dann eben nichts gegeben, es war ja noch ok und wollte nur was in der Hinterhand haben. Und siehe da, am nächsten Tag ging es ihr plötzlich wieder gut, ohne Medizin! Hätten andere das Mittelchen gegeben, wären sie nun von der Wirksamkeit noch fester überzeugt. Ich habs dann natürlich zurückgebracht…

    • Und genau da ist ja das Problem mit der Abgrenzung zum Placebo (also wenn du es deiner Tochter gegeben hättest): Dann denkt man, es hätte geholfen, obwohl es dem Körper auch ohne (bei leichten Dingen) irgendwann besser geht. Schreibt die Charité ja auch (s.o.)…

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