App, Smartphone, Push-Benachrichtigung

Diese Funktion von Facebook, Xing und Co. nervt wirklich

Christian Erxleben
Wer eine Push-Benachrichtigung erhält, erwartet relevante News. Das machen sich Netzwerke zu Nutze, um die Öffnungsraten in die Höhe zu treiben.

Der Lockscreen ist der heilige Gral des Smartphones. Jeder App-Entwickler möchte dort landen. Die Erlaubnis haben häufig nur soziale Netzwerke, geschäftliche Dienste und Messenger. In letzter Zeit werden immer mehr Nutzer durch eine vermeintlich wichtige Push-Benachrichtigung in die App gelotst, um dort enttäuscht zu werden.

Das Smartphone stellt für die Marketing-Branche eine der größten technischen Revolutionen der letzten Jahre dar. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ein Aspekt kommt bei gewöhnlichen Diskussionen häufig zu kurz: Das mobile Endgerät ermöglicht es Unternehmen und Werbungtreibenden ohne Zeitverlust in die Privatsphäre des Nutzers vorzudringen – solange er es gestattet.

Der Schlüssel dafür ist relativ simpel: eine Push-Benachrichtigung. Sie ermöglicht es dem Unternehmen, per Nachricht auf den Lockscreen des Smartphones zu kommen oder zumindest per Markierung (zum Beispiel eine kleine „1“ im Facebook Messenger) Neuigkeiten zu signalisieren.

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Relevanz versus Privatsphäre

Die Entscheidung eines Users, einer App und damit einem Unternehmen zu gestatten, ihm Nachrichten in dieser exklusiven Form zu schicken, wird in der Regel bei der Installation der Anwendung getroffen. Das bedeutet: Der Nutzer legt vor dem Benutzen der App fest, ob sie eine Push-Benachrichtigung senden darf.

Das wiederum hat zur Folge, dass nur eine bestimmte Gruppe von Anwendungen in den Genuss dieser Exklusiv-Behandlung kommt. Sie haben gemein, dass sie Botschaften liefern müssen, die der Smartphone-Besitzer auf keinen Fall verpassen darf.

Das sind:

  • Apps, die der Nutzer für die private Kommunikation benötigt (soziale Netzwerke, Messenger)
  • Apps, die der Nutzer für die geschäftliche Kommunikation nutzt (Business-Netzwerke)
  • Apps, deren Entwickler und Inhalte er bereits von anderen Plattformen kennt und diese als vertrauenswürdig einstuft (Nachrichtenseiten)

Missbrauch der Push-Benachrichtigung

Mit der Eintrittserlaubnis in die Privatsphäre des Nutzers geht für die Unternehmen auch viel Verantwortung einher. Die Nutzer geben ihr Einverständnis im Vertrauen darauf, dass sie wirklich nur in wichtigen Fällen (je nach App zum Beispiel Eilmeldung, Nachricht eines Freundes etc.) informiert werden.

Dies scheinen jedoch vor allem Netzwerke in letzter Zeit zu vergessen oder bewusst zu ignorieren, wie dieses Beispiel von Xing verdeutlicht:

Xing, Push-Benachrichtigung, Chat
Xing suggeriert seinen Nutzern eine neue Nachricht in einem Chat erhalten zu haben. In Wahrheit jedoch ist es eine maschinell generierte Nachricht, die lediglich erneut sagt, dass eine Freundschaftsanfrage akzeptiert wurde.

Das deutsche Business-Netzwerk mit Sitz in Hamburg ist seit einigen Wochen dazu übergegangen, Nutzern automatisch erstellte Nachrichten in die Inbox zu schicken, wenn eine Freundschaftsanfrage angenommen worden ist (obwohl dies bereits im Bereich „Meine Kontakte“ zu sehen ist).

In Erwartung einer wichtigen Nachricht eines Geschäftspartners oder einer Job-Offerte öffnet der Xing-Nutzer die App, um anschließend festzustellen, dass lediglich die Information „Sie sind nun Kontakte“ von einem Computer verschickt worden ist. Und nicht nur Xing setzt diese Methode ein. Nach dem gleichen Schema gehen auch Facebook im hauseigenen Messenger und das globale Business-Netzwerk LinkedIn vor.

Vordergründig geht es darum, so erklären die Netzwerke, neue Freundschaften oder Geschäftsbeziehung mit einer Nachricht zu beginnen. Im Hintergrund stehen jedoch auch wirtschaftliche Interessen. Schließlich hat eine Push-Benachrichtigung auch Folgen. Durch ihr Öffnen …

  • … wird die Anzahl der täglichen/monatlichen Benutzer einer App erhöht.
  • … wird die Nutzungsdauer einer App künstlich in die Höhe getrieben.
  • … wird je nach App und Finanzierungsmodell die Ausspielung von mehr Werbung ermöglicht.

Werbung im Chat

Während die oben genannte Form der Unterbrechung und in gewisser Weise Irreführung vom Nutzer aufgrund der eigenen Machtlosigkeit akzeptiert und geduldet wird (man möchte die Anwendung ja grundsätzlich nutzen), wird mit gesponsorten Nachrichten eine Grenze durchbrochen.

LinkedIn, das seine Deutschlandzentrale in München aufgeschlagen hat, hat sich durch eine Änderung der AGB eine wichtige Erlaubnis einräumen lassen: Unternehmen dürfen Privatpersonen im Chat werbliche Nachrichten schicken. Auch Facebook plant für den Facebook Messenger offenbar ein solches Refinanzierungsmodell.

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Damit jedoch missbrauchen die Unternehmen ihre Stellung und das Vertrauen der Nutzer. Chats sind private Räume. Bezahlte Nachrichten haben hier ohne Einwilligung nichts zu suchen.

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Christian Erxleben arbeitet als freier Redakteur für BASIC thinking. Von Ende 2017 bis Ende 2021 war er Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Ressortleiter Social Media und Head of Social Media bei BASIC thinking tätig.