Social Media

Facebook-Gate – und was nun?

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Was sollen wir nach dem Facebook-Gate machen? (Foto: Pixabay.com / qimono)
geschrieben von Peter Apel

Unter dem Stichwort Facebook-Gate wird derzeit sehr viel geschrieben, und das ist kein Wunder. Wir alle sind verunsichert und suchen Orientierung. Ein Kommentar.

Die Frage „was nun?“ richtet sich dabei an zwei Zielgruppen: Einerseits an uns, die 2,1 Milliarden Mitglieder, und anderseits an eine Teilmenge davon: An uns, die „Profiteure“, die Kooperations-Unternehmen rund um Facebook.

An dem Social-Media-Giganten aus Menlo Park verdienen ja nicht nur Mark Zuckerberg und seine Aktionäre. Viele, viele andere Firmen hängen mit dran. Cambridge Analytica war lange Zeit eine davon. Aber auch dieses Online-Magazin und ich als Autor sind irgendwie solche Kooperations-Leute.

Der Kern von Facebook-Gate: Teil 1

Die aufgeregten Stimmen und Meinungen aktuell verstellen ein wenig den Blick auf das zentrale Problem. Es geht hier nämlich in erster Linie nicht um Datenklau, nicht um Tracking und nicht um digitale Selbstbestimmung über die eigenen Daten.

All dies ist geschehen beziehungsweise wurde verletzt im Zuge von Facebook-Gate. Überhaupt keine Frage. Auf all dieses muss reagiert werden, von jedem einzelnen, von betroffenen Firmen und natürlich von der Rechtsprechung sowie den Gesetzesmachern aka Legislative.

Mein „aber“ will all diese Vergehen nicht kleinmachen oder verharmlosen. Es sagt nur: Das geschieht schon seit langem und das machen mehr oder weniger alle.

  • Schon immer wurden und werden intime Daten außerhalb der Legalität erfasst, gespeichert und hin- und hergeschoben.
  • Viele, die sich über das umfassende Facebook-Tracking erregen, praktizieren Ähnliches selbst – von der Bild-Zeitung bis zu Spiegel Online. Rechtsanwalt Sören Siebert schreibt in seinem Artikel hierzu im Dezember 2017 : „Die Mehrzahl der momentan genutzten Tracking-Dienste und Newsletter-Anbieter ist nach der strengen Auffassung der Datenschutzbehörden rechtlich unzulässig.“

Die neue und unvergleichliche Qualität im Falle Facebook ist einzig und allein der Newsfeed.

Wer Facebook bekämpfen will und auch wirklich nur Facebook meint, und nicht etwa das Internet allgemein, alles Digitale schlechthin, oder gar US-Firmen oder den Kapitalismus als Ganzes (es gibt einige mit solchen versteckten Agenden), wer also nur auf Facebook zielt, der muss sich primär den Newsfeed vorknöpfen.

Der Newsfeed

Der Newsfeed ist der Nachrichten-Strom, den jedes Mitglied zu sehen bekommt, wenn es Facebook aufruft. Es ist eine fortlaufende Liste von Beiträgen, Bildern, Filmen, Aufrufen, Einladungen und Nachrichten.

Es gibt so viele Newsfeeds wie Mitglieder, denn jeder dieser Nachrichten-Ströme ist ein Unikat. Jedes Mitglied hat seinen eigenen. Theoretisch stehen für jedes Mitglied Tausende von Nachrichten in jeder Minute bereit – die allermeisten in unverständlicher Sprache. Diese und die vielen verständlichen, aber uninteressanten oder irrelevanten Nachrichten werden dem Mitglied nicht gezeigt.

Der Nachrichten-Strom, der Newsfeed bei Facebook, ist eben zum Glück ein ruhiger Fluss, kein Börsen-Ticker und keine zappelig andauernd aktualisierte Tweet-Liste wie bei Twitter.

So gesehen ist der Newsfeed eine großartige Erfindung. Ein sehr kluger Redakteur. Er sorgt dafür, dass wir nur zu sehen bekommen, was uns grosso modo auch interessiert.

Das Problem ist nur: Dieser Redakteur ist durch und durch korrupt. Er mogelt uns Nachrichten in den Newsfeed, die wir selbst nie auswählen würden. Warum tut er das? Jemand anders hat ihn dafür bezahlt.

Wir können hier aufschreien und Verrat wittern, aber beim Fernsehen und Radio haben wir uns ja auch dran gewöhnt, dass gerade wenn es spannend wird, die Werbung für Carglass kommt.

Zeitungen und Magazine sind voll mit Botschaften, um die wir nicht gebeten haben. Man hofft halt, dass wir mit einem Auge dann eben doch irgendwie an den Rand schielen und uns so irgendwie manipulieren lassen.

Der Newsfeed ist im Grund nichts Anderes als eine große Werbemaschine, die zwischen die Kätzchenbilder unserer Freunde Einladungen zu irgendwelchen Fanseiten schiebt, auf denen wir uns dann dem Konsum oder anderen Einflüsterungen hingeben.

Werbung wirkt (nicht?)

Man kann dieser Tage mitunter lesen, dass wir so einfach doch gar nicht zu manipulieren seien. Facebook-Gate sei schon deshalb ein Sturm im Wasserglas, weil Cambridge Analytica ja gar keinen Erfolg hatte.

Ganz offen: Das ist Augenwischerei. Wir sind durchaus manipulierbar. Es fließen jährlich Milliarden in Werbung. Wenn es gar nichts brächte, wären Hausbesuche viel effizienter.

Es ist auch nicht so, dass Werbung nur bei Spontankäufen funktioniert, dass wir aber bei Anschaffungen für Autos oder Wohnung oder gar bei Wahlentscheidungen so gründlich nachdenken, dass die Wirkung nicht erkennbar ist.

Alle Werbungtreibenden wissen: Die Wirkung ist immer da. Die Manipulation funktioniert immer. Sie muss subtil sein, klug, in den richtigen Medien, zum richtigen Zeitpunkt und – ganz wichtig – an die richtige Person geschickt. Aber verbrannt sind die Werbemilliarden keineswegs.

Gerade das Letzte, die Auswahl der richtigen Zielgruppe, kann Facebook unheimlich gut.

Der Kern von Facebook-Gate: Teil 2

Niemand in der Werbebranche kennt jeden einzelnen von uns so gut wie Facebook. Denn wir zeigen Facebook unsere Merkmale, Interessen, Gewohnheiten, Vorlieben, schlechten Stimmungen, Momente der Unerreichbarkeit, Phasen der Offenheit und so weiter in einem kontinuierlichen Strom, wie ihn vermutlich nicht mal der eigene Partner so genau kennt.

Niemand sonst kann so punktgenau sagen, wann wen welches Thema gut erreicht wie Facebook. Die sogenannten „Streuverluste“ der anderen Medien – Stichwort „fast getroffen ist auch daneben“ – sie finden bei Facebook immer weniger statt, je länger Cambridge Analytica und viele andere daran forschen.

Kein Wunder, dass das Unternehmen via Werbeeinnahmen schon jetzt riesige Mengen Geld scheffelt(e)!

Ist es also reiner Futterneid der anderen Medien, der TV- und Zeitungsmacher, die dem neureichen Star der Individual-Manipulation seinen Erfolg nicht gönnen?

Ich bin sicher, ein Teil der aktuellen Facebook-Kritik wird aus dieser Missgunst gespeist. Doch auch das darf uns nicht den Blick versperren.

Den der eigentliche Kern von Facebook-Gate (endlich komme ich dazu) ist etwas Anderes.

Facebook ist eine Werbe- und Manipulationsmaschine

Der Kern ist: Wir haben es bei Facebook mit einer Werbe- und Manipulationsmaschine zu tun, die fast ein Drittel der Menschheit erreicht und diesen sehr viel wirkungsvoller als alles bisher Dagewesene „den Kopf verdrehen“ kann.

Der entscheidende Unterschied zu dem, was wir bisher kannten, ist, dass eben nicht nur der Marktanteil von Mars oder BMW gesteigert wird. Das kennen wir. Darüber regt sich keiner mehr auf. Es betrifft das Portemonnaie meines Nachbarn. Na und?

Wegen seiner Größe und Effektivität ist Facebook aber in eine neue Qualitätsdimension vorgestoßen. Es kann zunehmend Gesellschaften beeinflussen. Facebook könnte schon jetzt an einigen Orten der Welt lokale Pogrome auslösen und regionale Konflikte zum Überkochen bringen.

Und sie könnten Volksentscheide und Wahlen beeinflussen. Selbst wenn Cambridge Analytica nur kräftig angegeben hat (ich persönlich glaube das nicht), selbst wenn der Einfluss auf Trump und Brexit de facto kleiner war, als behauptet – er hätte groß sein können. Und er wird es sein, wenn noch etwas Forschung und ein paar weitere Pilotprojekte ins Land gehen.

Das heißt: Facebook kann nicht nur meinen Nachbarn dazu bringen, etwas zu kaufen. Das kann RTL auch, nicht ganz so gut, aber immerhin. Facebook kann auch meinen Nachbarn dazu bringen, AfD zu wählen. Und das betrifft mich dann wieder, weil wir in der gleichen Republik leben.

Unterm Strich heißt das für mich: Facebooks Manipulationsmacht ist zu groß und muss dringend beschnitten werden. Sonst machen sie bald unsere Demokratie kaputt.

Was also tun?

Ich als Mitglied und Nutzer werde meine Mitgliedschaft zunächst ruhen lassen. Ich will abwarten, wie sich die weitere Diskussion entwickelt. Was macht Facebook? Was machen unsere Gerichte und was macht der Gesetzgeber in Deutschland, in Europa und in den USA. Vielleicht tut sich ja was zum Guten.

Während dieser Ruhezeit werden natürlich auch die Fanseiten, die ich betreue, ruhen.

Für mich ist das nebenbei auch ein interessanter Selbstversuch: Wie gut geht es ohne Facebook? Und ist vielleicht www.nebenan.de eine bessere, weil unkritischere Alternative?

Als „Profiteur“, der zu und über Facebook Artikel und Bücher schreibt, falle ich damit erstmal aus. Sollten andere Facebook-Koops das auch tun? Eine steile Forderung. Viele hängen existenziell an Facebook. Es würde ihr Geschäftsmodell vernichten oder zumindest stark belasten.

Immerhin: Ich bitte meine Kollegen, meine Grundsatzkritik im Herzen zu bewegen. Wollt ihr helfen, diesen Zug weiter zu beschleunigen? Überlegt einen schrittweisen Ausstieg, baut euch alternative Netzwerke und Kommunikationsplattformen auf.

Vielleicht sehe ich es ja auch falsch. Dann ist ein Kommentar hier ein guter Ort für eine Antwort.

Als Staatsbürger werde ich solche Kräfte unterstützen, die die Gefahr ähnlich wie ich sehen. Aktuell scheinen das insbesondere die Grünen zu sein.

Meine Erwartung an den Staat ist, dass wir hier so rigide Regeln erhalten und diese auch durchsetzen, dass die Gefahr des Social-Media-Staatsstreichs gebannt ist.

Notfalls müsste man Mark Zuckerberg wegen Rebellion (oder wie heißt das bei uns?) anklagen.

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Über den Autor

Peter Apel

Peter Apel ist seit über 20 Jahren in Sachen Internet aktiv, ein Experte der ersten Stunde. Als Autor und Sprecher richtet er sich in erster Line an den ganz normalen Nutzer. Mit digitalen Identitäten und Passwortsicherheit beschäftigt er sich schon lange. Besonders ausführlich behandelt er die Themen „sicherer Umgang mit Online Konten“ und „Passworte“ in seinem Buch „Mein Recht im Netz“, das bei der Stiftung Warentest erschienen ist. Dort ist auch sein Einsteiger-Buch "Facebook" erschienen, ebenfalls an normale Internet-Nutzer gerichtet. In seinem Blog stellt er regelmäßig Neuigkeitern zu diesen und weiteren Themen vor.

5 Kommentare

  • Was noch anzufügen wäre: Die ganzen Daten sind ja nicht einfach magisch auf Facebook erschienen, sondern wurden von Menschen da raufgeladen. Statt nun also Alle zu verurteilen die diese Daten auswerten (und das wird in der IT IMMER gemacht sobald ein genug grosser Haufen Daten vorhanden ist), sollte man sich mal an der eigenen Nase nehmen und ernsthaft überlegen, ob man persönliche Informationen wirklich öffentlich im Internet speichern sollte.
    Ich hoffe schwer, dass der ganze Skandal auch dazu führt, dass die wirklich Schuldigen, nämlich die User, sich in Zukunft besser überlegen, wem Sie welche Daten zur Verfügung stellen.
    Es sind EURE Daten, tragt Sorge dazu und seit kritisch BEVOR Ihr diese Daten wildfremden Leuten zur Verfügung stellt!

  • mir fehlt bei der ganzen story eine begutachtung derjenigen, welche mit FB u. den toechtern arbeiten, dort werben u. mit den bekannten werkzeugen arbeiten. diese sind naemlich teil des systems u. nicht der privatmensch. ich sehe naemlich, dass privatmenschen erst zucken u. nachdenken, wenn die datenproblematik (abholen, verarbeiten, interpretieren) dokumentiert u. offen ist. das wird aber nicht passieren, weil eben die „branche“ oder „szene“ sich lieber mit hypes beschaeftigt u. nicht mit simplen sachen, die sich um „APIs“ oder „datamining“ drehen. hier sollte aufklaerungsarbeit geleistet werden u. ggf. aeussert sich der CCC u. andere initiativen zu der geschichte u. baut druck auf.

  • Die Menschen bezahlen noch den Strick, an dem sie aufgehängt werden – und finden das alles so cool. Das habe ich schon vor 30 Jahren gesagt. Der kommende Weltdiktator wird die Digitaltechnik für seine Zwecke benutzen. Punkt. Junge werden das erleben. Ich schreib dieses nur wegen der Aussage über den Autor als „ein Experte der ersten Stunde“. Da kann ich nur schmunzeln – „über 20 Jahren“ . . .

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