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Didi: Das teuerste Startup-Unternehmen der Welt wird von einer Frau geleitet

geschrieben von Nicole Scott

Jean Liu ist CEO von Didi Chuxing, dem weltweit größten Carsharing-Anbieter. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Peking und bietet den Dienst aktuell nur in China an.

Die 39-jährige Jean Liu trat dem Unternehmen im Jahr 2014 bei, zwei Jahre nach dessen Gründung. Zuvor war sie über ein Jahrzehnt lang bei der Investmentbank Goldman Sachs angestellt. Seitdem ist sie zu einer der berühmtesten weiblichen Führungskräfte Chinas aufgestiegen. Sie erhielt große Anerkennung für die rasante Expansion des Unternehmens sowie ihren Kampf gegen Brustkrebs im Jahr 2016.

Liu spricht mit einem amerikanisch geprägten Akzent, den sie sich während ihres Computer-Science-Studiums an der Harvard University angeeignet hat. Bei Didi Chuxing entwickelte sie sich schnell zur persönlichen Ansprechpartnerin für globale Investoren, während sie sich gleichzeitig um den täglichen Geschäftsbetrieb des Unternehmens kümmerte. Ihr jüngster Erfolg ereignete sich im Dezember letzten Jahres, als sie eine Kapitalspritze in Höhe von 4 Milliarden US-Dollar aushandelte. Dank ihr erhielt Didi Chuxing allein im letzten Jahr Investitionen im Wert von 10 Milliarden US-Dollar.

Dieser milliardenschwere Deal machte das Unternehmen zum bis dato wertvollsten Startup der Welt. Aktuell beträgt sein Wert 56 Milliarden US-Dollar. Damit liegt Didi weit vor Uber, dessen Vermögenswert erst kürzlich auf 48 Milliarden gesunken ist.

Didis Smartphone-App funktioniert ähnlich wie die der Konkurrenten Uber und Lyft. Fahrdienstanbieter können entweder reguläre Taxiunternehmen oder Privatpersonen sein. Was das Unternehmen von der Konkurrenz unterscheidet ist seine schiere Größe. Jeden Tag werden über Didi ganze 25 Millionen Fahrten gebucht. Insgesamt hat die Plattform 400 Millionen registrierte Nutzer in über 400 chinesischen Städten. Knapp doppelt so viele wie Uber und alle anderen Carsharing-Anbietern zusammen.

Didis Hauptsitz liegt in Peking, einer Stadt mit 22 Millionen Einwohnern. TomTom zufolge ist es eine der zehn am stärksten überbevölkerten Städte der Welt. In den Top 20 dieser Liste befinden sich ganze acht chinesische Städte. Auch der Name des Unternehmens soll an den chaotischen Verkehr in diesen Städten erinnern – „Didi“ steht in Mandarin für das Geräusch einer Autohupe.

Peking ist gleichzeitig die Heimat von Chinas Silicon Valley. Zhongguancun ist eine stetig wachsende Ansammlung von Businessparks im vierten Ring im Nordwesten der Stadt. Dass Liu zur chinesischen „Tech Royalty“ gehört ist kein Zufall; ein Campus in Zhongguancun gehört nämlich ihrem Vater, Liu Chuanzhi, dem Gründer von Lenovo.

In einem Interview mit Quartz fragte man sie, was der beste Ratschlag sei, den sie je erhalten habe. Dieser Ratschlag kam von ihrem Vater und lautete: „Das Leben muss schwer sein. Wenn du mit dieser Mentalität durchs Leben gehst, wird dir keine Herausforderung zu schwer vorkommen. Das Leben muss schwer sein. Erst dann kannst du das Leben wirklich genießen.“

Didis Firmensitz ist umgeben von rund einem Dutzend milliardenschwerer „Unicorn“-Startups, darunter auch die Suchmaschine Baidu und der Social-Media-Gigant Tencent. Die Büros des Carsharing-Unternehmens erstrecken sich über vier Gebäude. Knapp die Hälfte der 7000 Angestellten sind Datenwissenschaftler und Programmierer. Die unternehmensinterne Kommunikation findet ausschließlich über WeChat statt, Chinas größter Social-Media-Plattform. Das Technikmagazin „Wired“ stattete Didi kürzlich einen Besuch ab. In einem Interview sagte eine Angestellte, dass sie nur ein bis zwei E-Mails am Tag erhalte, an manchen Tagen sogar gar keine.

Bevor Liu nach Peking zog, wohnte sie in Hong Kong. Der Straßenverkehr dort ist wesentlich weniger chaotisch. Sie sagt, dass der Verkehr in Peking sie dazu motivierte, Didi Chuxing zum Erfolg zu verhelfen. Sie konnte sich damals kein Auto kaufen, weil dort die Lizenzen für Fahrzeuge rationiert sind. Sie und ihre Familie mussten sich daher auf Taxis verlassen und standen häufig im Regen, da die Wartezeiten sehr lang waren oder die Taxifahrer sie einfach ignorierten. Mehr als 75 Prozent aller Amerikaner besitzen ein eigenes Auto. In China sind es dagegen nur 10 Prozent, weshalb die Nachfrage nach Taxis und Carsharing-Anbietern dort sehr groß ist.

Ihre erste Amtshandlung war die Fusion von Didi mit dem größten Rivalen des Unternehmens, Kuaidid Dache. Nach dem Zusammenschluss traten die beiden Firmen unter dem Namen Didi Kauidi auf, im Jahr 2015 dann als Didi Chunxing. Ihre nächste Herausforderung war es, Uber zurückzudrängen. Der amerikanische Mitbewerber kam im Jahr 2013 nach China, mit dem Plan zum führenden Anbieter des Landes zu werden. Als Teil seiner Expansionspläne steckte Uber riesige Summen in die Subventionierung von Fahrtpreisen und Fahrergehältern.

„Ich glaube es ist wichtig, bescheiden zu bleiben.“

Mitte 2015 wurde der Kampf zwischen den beiden Carsharing-Giganten zu einer persönlichen Angelegenheit, als Uber Lius Cousine Liu Zhen als Senior Executive anstellte. Uber verlor damals knapp 2 Milliarden US-Dollar, Didi vermutlich noch mehr. Liu erhielt Investitionen von Alibaba, Didi und Tencent und im Mai 2016 enthüllte sie einen Deal mit Apple in Höhe von 1 Milliarden US-Dollar, der Teil einer 4,5 Milliarden schweren Kapitalspritze war.

Kurze Zeit später warf Uber das Handtuch in den Ring. Die Verluste und der Druck der Investoren waren letzten Endes zu groß. Liu hatte es geschafft, den ultimativen Deal auszuhandeln: die Übernahme von Uber China im Austausch für 18 Prozent der Anteile an Didi.

In den chinesischen Medien lobte man sie für ihr Taktgefühl und rationales Denkvermögen, die den Deal ermöglicht haben sollen. „Ohne sie hätte es diesen Deal nie gegeben. Die Egos aller anderen Beteiligten waren dafür viel zu groß“, sagte ein Mitglied des Verhandlungsteams von Uber. „Sie erkannte, dass es nicht sinnvoll war, bis zum bitteren Ende zu kämpfen. Zwar hätte Didi gewonnen, aber das Unternehmen hätte dennoch erheblichen Schaden genommen.“

Am Tag der Übernahme besuchte Liu den Firmensitz von Uber. Sie hatte die Sorge, dass ihre Ankunft die Mitarbeiter dort entmutigen würde. Um ihre Sympathie zu gewinnen erzählte sie ihnen deshalb eine Geschichte über ihre Familie und ihre beiden Hunde. Liu hat zwei Hunde, einen Golden Retriever und einen Pudel. „Mein Pudel sollte eigentlich ein kleiner flauschiger Teddybär sein, aber sie wurde immer größer und größer und verwandelte sich eher in ein riesiges flauschiges Schaf. Es war schlicht unmöglich, ein Taxi zu finden, in dem meine drei Kinder und meine beiden Hunde Platz finden konnten. Dieses Erlebnis motivierte mich dazu, eine Lösung für Chinas Transportproblem zu finden.“

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Es geht Liu um mehr, als nur den chinesischen Markt zu dominieren. Sie möchte eine Vordenkerrolle einnehmen. Während Uber und seine westlichen Kollegen davon sprechen, etablierte Geschäftsmodelle umzukrempeln und neu zu erfinden, möchten Liu und Didi Chuxing eine beruhigenden Kraft auf dem chinesischen Markt sein. Liu hat nicht vor, auf dem Markt für Unruhe zu sorgen. In einem Interview mit Wired sagte sie:

[mg_blockquote cite=“Jean Liu, CEO von Didi Chuxing“]„Wenn man etwas im Internet kauft, erwartet man nicht, ermordet oder ausgeraubt zu werden. In dieser Branche schon. Man kann es sich nicht leisten, alles auf den Kopf zu stellen, wenn man nicht alle Details genau durchdacht hat. Ich glaube es ist wichtig, bescheiden zu bleiben. Und aufgeschlossen. Man sollte nie glauben, alles zu wissen.“[/mg_blockquote]

Eine Philosophie, die in starkem Kontrast zu der von Uber steht. Didi plant, seinen Service in Zukunft auch global anzubieten.

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Nicole Scott

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