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Start-up-Check! Trinamix macht Smartphones zum Lebensmittellabor

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Trinamix entstammt aus dem BASF-Konzern. (Foto: Screenshot / YouTube)
geschrieben von Christoph Hausel

In der Serie „Start-up-Check!“ nehmen wir regelmäßig die Geschäftsmodelle von Start-ups unter die Lupe. Wer steckt hinter dem Unternehmen? Was macht das Start-up so besonders und was gibt es zu kritisieren? Heute: Trinamix.

Start-ups. Das klingt nach Erfindergeist, Zukunftstechnologien, neuen Märkten. Doch in der Realität erweisen sich viele der Neugründungen leider oft als eine Mischung aus einer E-Commerce-Idee, planlosen Gründern und wackeligen Zukunftsaussichten. 

Dabei gibt es sie durchaus: Die Vordenker, die an den großen Problemen tüfteln und Geschäftsmodelle revolutionieren. Diese zu finden und vorzustellen, ist die Aufgabe des Formats Start-up-Check. Heute: Trinamix aus Ludwigshafen.

Wer steckt hinter Trinamix?

Bei Start-ups denken die meisten an junge Studenten oder Berufsanfänger, die in der Uni oder der Garage an Prototypen basteln und um Investoren-Aufmerksamkeit buhlen. Das ist bei Trinamix aus Ludwigshafen anders. Dessen Startrampe liegt deutlich höher über dem Meeresspiegel.

Trinamix ist eine Ausgründung und 100-prozentige Tochter des BASF-Konzerns – ein konzerneigenes Start-up also. Der Geschäftsführer Ingmar Bruder, der auch einer der Gründer ist, sagt dazu launig: „Wir sind ein Start-up mit 150-jähriger Erfahrung.“

Die große Mutter spiegelt sich auch in der Größe des Start-ups wider. Nur drei Jahre nach der Gründung 2015 beschäftigt Trinamix schon 60 Mitarbeiter.

Trotz Konzern-Herkunft: Die Gründung von Trinamix geht auf eine innovative Technologie zurück, deren geschäftlicher Erfolg längst nicht garantiert ist. Trinamix ist damit also ein waschechtes Start-up mit allen dazugehörigen Chancen und Risiken – allerdings mit besserer Rückendeckung.

Die Founder von Trinamix sind Solarzellenforscher von BASF. Zur Ausgründung hat die Erfindung eines neuartigen 3D-Sensors geführt.

Die Forscher fanden bei ihrer Arbeit mit organischen Solarzellen einen neuen physikalischen Effekt, der eine neue und einzigartige Möglichkeit der monokularen Entfernungsmessung beziehungsweise 3D-Messung erlaubt. Die Lösung wird unter dem Markennamen „XperYenZ“ vermarktet.

Auf Grundlage dieses Messverfahrens entwickelt Trinamix nun verschiedene Sensoren-Systeme. Bisher waren diese aber für industrielle Nutzer ausgelegt.

Im November 2018 hat Trinamix nun den Prototypen eines Mini-Spektrometers vorgestellt, mit dem in Zukunft Smartphones zu Lebensmittellaboren werden sollen. Das erste Verbraucherprodukt also.

Kern der Lösung ist der Trinamix Infrarotsensor mit dem Namen Hertzstück, der bereits marktreif ist und in Industrie-Betrieben zum Einsatz kommt.

Der Zeitplan: 2019 will Trinamix industrielle und semiprofessionelle Anwender mit den Mini-Laboren versorgen. Ab 2022 ist der Einsatz in den Smartphones der Verbraucher geplant.

Was macht Trinamix?

Die Erfindung von Trinamix lässt sich leichter in Abgrenzung zu den anderen bekannten Verfahren beschreiben. Für 3D-Aufnahmen oder die Tiefenwahrnehmung gab es bisher drei Möglichkeiten: Einmal über spezielle 3D-Kameras mit mehreren Linsen, wie sie beim Film im Einsatz sind. Vorbild in der Natur ist der Mensch mit seinen zwei Augen.

Dann über die Laufzeitmessung eines Lichtsignals. Dabei misst die Technologie, wie lange ein Lichtsignal braucht, um von einem Objekt zurückzukommen. Vorbild in der Natur: Die Echoortung bei Fledermäusen – nur, dass diese natürlich über Schallwellen funktioniert.

Und zuletzt gibt es auch ein Verfahren, bei dem eine Kamera verschiedene Bildaufnahmen aus mehreren Perspektiven macht und miteinander vergleicht. Darüber errechnen Programme dann die Entfernung eines Objektes.

Die Lösung von Trinamix fügt diesen Verfahren nun eine viertes hinzu: Auch hier wird ein zurückgeworfenes Lichtsignal gemessen, allerdings nicht die Laufzeit, sondern der Lichtfokus.

Das heißt: Anhand der Information, wie konzentriert oder verteilt die Lichtmenge ist, die von einem Objekt zurückgeworfen wird und auf den Sensor trifft, wird die Entfernung errechnet. Laut dem Unternehmen ist das die erste monokulare 3D-Kamera, die ohne Laufzeitmessung oder Bildvergleiche funktioniert.

Bei der Entwicklung von Anwendungen für die Technologie hat Trinamix den Hertzstück-Sensor erfunden – quasi aus Zufall. Im Grunde wollte Trinamix nur das eigene 3D-Messverfahren auch über Infrarotsensoren ermöglichen.

Doch weil kein Hersteller die Sensoren so klein bauen konnte, wie Trinamix sie benötigte, entwickelte das Start-up sie einfach selbst.

Herausgekommen ist ein besonders kleiner Infrarotsensor, der eine besonders dünne, patentierte Verkapselung hat. Im Grunde ist Hertzstück also ein Nebenprodukt von Trinamix. Es ist bereits marktreif und verkauft sich erfolgreich, weil es eben kleiner ist als andere Infrarotsensoren.

Der Sensor eignet sich beispielsweise zur kontaktlosen Temperaturmessung in Industriebetrieben. Die kleine Größe des Hertzstück-Sensors macht ihn außerdem ideal zum Einsatz im Smartphone, weil der Sensor auf die Platinen passt. Und die erste Anwendung dazu sind die Mini-Lebensmittellabore.

Diese funktionieren über das Verfahren der Nah-Infrarotspektroskopie. Das Verfahren wird bereits in der Nahrungsmittel- und Pharmaindustrie bei der Qualitätskontrolle eingesetzt.

Dabei wird kurzwelliges Infrarotlicht ausgesendet. Über die spezifischen Molekül-Schwingungen, die dadurch am angestrahlten Objekt angeregt und vom Sensor gemessen werden, kann zum Beispiel der Fett-, Protein- oder Wassergehalt errechnet werden.

Hertzstück will dieses Verfahren, das ansonsten von großen Industriegeräten erledigt wird, nun ins Smartphone bringen. Der vorgestellte Prototyp war allerdings noch ein Extra-Gerät.

Die Prüfung dauert nur Sekunden, beeinträchtigt das Lebensmittel nicht und lässt sich teilweise auch durch Verpackungen hindurch einsetzen.

Der Nutzen für die Verbraucher soll sein, dass sie so nicht nur prüfen können, wie viel Fett ein Lebensmittel enthält. Die Haltbarkeit von Lebensmitteln soll so auch ermittelt werden können.

Das gilt ebenso für die Sicherheit, zum Beispiel von Babynahrung oder sogar von Plastikspielzeug. Durch die Technologie sollen Verbraucher gezielt Giftstoffe messen.

Auch weitere Einsatzmöglichkeiten sind denkbar wie die Messung der Feuchtigkeit von Haut, sodass die richtige Feuchtigkeitscreme leichter ausgewählt werden kann.

Was macht Trinamix so besonders?

Zunächst einmal die Tatsache, dass Trinamix offenbar tatsächlich einen neuen physikalischen Effekt gefunden hat. Wenn man über die Erfindungen von Start-ups spricht, ist man normalerweise in anderen wissenschaftlichen Sphären unterwegs.

Dann ist die schnelle Innovationsgeschwindigkeit des Unternehmens beeindruckend. Der Hertzstück-Sensor war gar keine geplante Entwicklung. Trinamix hat einfach mit großem Gespür und zupackender Einstellung den Markt für Infrarotsensoren geentert.

So will das Unternehmen auch Lerneffekte mitnehmen über Vertriebswege und Vermarktung. Von außen sieht das nach kluger Unternehmensführung aus.

Zu der Innovationsgeschwindigkeit gehören aber auch die Anwendungen und vielen möglichen Einsatzfelder. Über die XperYenZ-Technologie zur Abstandsmessung können Kameras, die so groß sind wie eine handelsübliche Digitalkamera und nur eine Linse haben, für 3D-Aufnahmen eingesetzt werden.

Das könnte Robotern in der Industrie zu mehr Genauigkeit und höherer Arbeitsgeschwindigkeit verhelfen. Auch ein Einsatz bei selbstfahrenden Autos ist denkbar.

Außerdem geht Trinamix mit seinen Mini-Lebensmittellaboren auch alltägliche Probleme an. Die Lebensmittelverschwendung, wie sie bereits im Start-up-Check zu Karma thematisiert wurde, geht teilweise auch auf die Unsicherheit der Verbraucher zurück.

Diese werfen häufig Lebensmittel, die vollkommen in Ordnung sind, weg, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist. Zwar wurde hier in letzter Zeit viel Aufklärung betrieben. Aber das Problem ist nicht aus der Welt geschafft.

Wenn jetzt jeder Verbraucher ein Mini-Labor in der Hosentasche trägt und sich daran gewöhnt, erstmal zu testen, landet weniger Essen im Müll.

Außerdem sind da noch die Sorgen um die Sicherheit der Kinder. Während sich frühere Generationen noch wenig Gedanken um Giftstoffe in Spielzeugen machten, achten Eltern heute viel mehr darauf.

Zwar fehlt dabei manchen das rechte Maß. Aber dieses Grundbedürfnis nach selbstständiger Kontrolle ist nun mal da. Wenn es nun auch die passende technische Lösung dafür gibt, wird im Grunde eine Lücke geschlossen.

Das macht die Mini-Labore auch zu einem so spannenden Zukunftsprodukt. Das ist auch keine Spielerei mehr, sondern Labortechnologie für Jedermann. Elon Musk hat einmal gesagt, dass die Menschen durch Smartphones schon längst zu Cyborgs geworden sind, nur dass es den wenigsten bewusst ist.

Doch während die Smartphones bislang hauptsächlich unsere Erinnerungsleistung mit ihren Speichern erweitern, erhalten wir mit den Mini-Laboren Fähigkeiten, die keiner unserer Vorfahren je auch nur im Ansatz besessen hat. Das hört sich schon sehr nach Science-Fiction an und ist deswegen auch so aufregend.

Gibt es Kritikpunkte?

Schwierig zu sagen. Von außen zumindest sieht alles gut aus. Die angesprochene kluge Unternehmensführung und der Fakt, dass Trinamix schon zwei Standbeine hat – einmal die 3D-Sensoren und dann Hertzstück und seine Infrarottechnologie – ist schon mehr als die meisten Start-ups haben.

Wirtschaftlichen Erfolg hat allerdings bis jetzt nur Hertzstück als Sensor in der Industrie. Der ist zwar durch seine Größe alleine schon auch innovativ, aber im Grunde nur eine Verbesserung der altbekannten Infrarottechnologie. Es bleibt also spannend, ob sich die echten Innovationen von Trinamix etablieren können.

Fazit

Trinamix macht schon vieles richtig. Das ist aber eher erwartbar, wenn man aus einem Konzern kommt. Dennoch müssen sich seine Anwendungen erst auf dem Markt etablieren.

Allerdings ist Trinamix als Unternehmen auch noch jung. Und nur weil es aus dem BASF-Konzern kommt, kann man nicht erwarten, dass es über Nacht erfolgreich wird.

Daumen drücken ist angesagt, dann können wir bald unsere Umwelt analysieren wie ein Wissenschaftler im Labor.

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Über den Autor

Christoph Hausel

Co-Owner & Managing Director von ELEMENT C

Christoph Hausel, studierter Jurist und erfahrener Kommunikationsprofi, steht zahlreichen Acceleratoren / Inkubatoren und VCs als Mentor und Experte zur Seite: next media accelerator, initiiert von der dpa, MediaLab Bayern, Münchner Ideen-Inkubator für den digitalen Journalismus, Wayra, der Startup-Track von Telefónica und den STARTUP TEENS.

2002 gründete er die Kommunikationsagentur ELEMENT C. Damals als reine PR-Agentur konzipiert, fokussiert sich ELEMENT C seit 2005 auf die interdisziplinäre Verknüpfung von PR und Design, um ein langfristiges Markenbewusstsein zu schaffen.

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