Social Media Unternehmen

Von Trump bis Brexit: Dieses Start-up entwickelt die Apps der Konservativen

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U-Campaign war auch für die Brexit-Kampagne verantwortlich. (Foto: Pixabay.com / Foto-Rabe)
geschrieben von Marinela Potor

Wer sich fragt, wo sich der konservative Aktivismus organisiert, stößt früher oder später auf U-Campaign. Das kleine Vier-Mann-Start-up aus dem US-Bundesstaat Virginia entwickelt Apps für konservative politische Kampagnen auf der ganzen Welt. Die Methoden des Unternehmens sind so simpel wie erfolgreich.

Sie heißen „America First“, „Great America“, „N.R.A.-ILA“, „Freedom Team“, „Vote Leave“ oder „France Renaissance“. Das sind nur einige der Apps, die U-Campaign für konservative Politiker und Lobby-Gruppen erstellt hat. Dieses scheinbar simple Konzept ist aber sehr erfolgreich und einflussreich.

Apps bieten sicheren Raum für konservative Meinungen

Great America ist zum Beispiel eine App für Trump-Fans und N.R.A.-ILA bringt Unterstützter der US-Waffenlobby zusammen. Es scheint keine konservative Kampagne zu geben, die U-Campaign nicht mit einer App unterstützt.

Die Apps von U-Campaign kopieren das Prinzip beliebter Social-Media-Plattformen wie Facebook oder Twitter. So gibt es zum Beispiel einen Newsfeed, Kommentar-Funktionen und man kann auch Inhalte auf sozialen Netzwerken teilen.

Doch das, was all diese Apps von Facebook, Twitter und Co. unterscheidet, ist die konservative Filterblase, die sie ihren Nutzern bieten. Abseits der von einigen als zu liberal empfundenen Netzwerke können sie sich über diese Apps mit Gleichgesinnten austauschen.

Great America App Kommentare U-Campaign

Auf Apps wie „Great America“ fühlen sich Nutzer auch extremere konservative Meinungen zu äußern. (Foto: Screenshot / U-Campaign)

Konservative „haben das Gefühl, dass die großen sozialen Plattformen, Facebook und Twitter, kein Verständnis für ihre Ansichten haben“, sagt Thomas Peters, katholischer Blogger, CEO und Gründer von U-Campaign.

Genau deshalb möchte Peters mit seinen Apps diesen (rechts-)konservativen Nutzern einen sicheren Raum für ihre Meinungen bieten.

U-Campaign führt konservative Kampagnen zum Erfolg

Damit hat U-Campaign ein gleichzeitig sehr simples wie auch geniales Geschäftsmodell entwickelt. Denn die Apps von U-Campaign sind sehr viel mehr als nur ein Forum für konservative Menschen. Sie verhelfen konservativen politischen Kampagnen auf der ganzen Welt zum Erfolg.

In Australien entwickelte U-Campaign 2017 zum Beispiel die App „Freedom Team“ für Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe. In Frankreich launchte das Start-up im gleichen Jahr mit „France Renaissance“ eine App, die die Unterstützer der rechten Parteien mobilisieren sollte.

Eine der erfolgreichsten Apps von U-Campaign war aber „Vote Leave“, die App zur „Vote-Leave-Kampagne“ zum Brexit. Sie wurde von 30.000 Nutzern heruntergeladen und hat wahrscheinlich einen wichtigen Beitrag zum Erfolg der EU-Gegner geleistet.

Vote Leave App U-Campaign

Vote Leave war eine der erfolgreichsten Apps von U-Campaign. (Foto: Screenshot / U-Campaign)

Der Erfolg liegt im User-Engagement

Wer jedoch hinter all diesen Apps eine ausgefeilte Technologie vermutet, irrt. Tatsächlich sind die Apps sowohl im Aufbau als auch in ihren Funktionen denkbar einfach gehalten. Das ist Absicht. So sollen auch ältere und weniger technikaffine User die Apps problemlos nutzen können.

Die wahre Stärke dieser Apps liegt in ihrem Vermögen, organisches Engagement unter Nutzern zu schaffen. Das erfolgt auf zwei Ebenen: durch eine hochpersönliche Ansprache der Nutzer und durch spielerische Elemente.

Eine SMS an Mutti

Nutzer werden zunächst dazu angeregt, ihre persönlichen Daten zur Anmeldung zu nutzen. Erst dadurch werden viele der Funktionen der Apps überhaupt freigeschaltet.

Im nächsten Schritt wird man ermuntert, seine Freunde einzuladen. Diese erhalten eine sehr persönliche Einladung eines Bekannten, die Kampagnen zu unterstützen.

Diese Einladungen werden per E-Mail oder Textnachricht verschickt. Die Nutzer stimmen dem natürlich vorher zu. Die Texte kommen aber von den Apps. So bauen die Apps zum Beispiel oft einen regionalen Bezug in die Nachrichten mit ein.

Massen-Einladungen werden aber nicht verschickt. Stattdessen filtern die Apps sehr genau heraus, welche Kontakte an den konservativen Themen interessiert sein könnten.

Gründer Thomas Peters berichtet zum Beispiel, wie seine App während der US-Präsidentschaftswahlen 2016 gezielt seine Freunde und Familie ansprach.

Eine SMS an seine Mutter in Michigan erwähnte die dort unbeliebte Gesundheitsreform von Obama. Eine E-Mail an einen Freund in Florida sprach wiederum über die von Trump geplante Mauer zu Mexiko.

Die Logik dahinter: Wer eine persönliche Einladung von einem Bekannten erhält, reagiert viel eher darauf als auf eine anonyme Einladung einer Kampagne. Bei „Vote Leave“ führte dieses System zu einer Öffnungsrate von 98 Prozent der Einladungen, wie Thomas Peters berichtet.

Für politischen Aktivismus gibt es Punkte

Gleichzeitig wird dies an ein Punktesystem gekoppelt. Hier setzt das Spielerische dieser Apps an.

Wer seine Freunde einlädt, bekommt Punkte. Wer einen Kampagnen-Slogan über Social Media teilt, bekommt Punkte. Und wer von Haus zu Haus geht und Flyer verteilt, bekommt noch mehr Punkte. Am Ende winkt das Leaderboard oder ein Sachpreis.

N.R.A. App Punktesystem U-Campaign

Die App N.R.A.-ILA animiert die Nutzer sogar mit einem Quiz zum Punktesammeln. (Foto: Screenshot / U-Campaign)

Diese Gamifizierung von politischem Aktivismus hat sich als unglaublich erfolgreich erwiesen. Nutzer springen darauf an und engagieren sich – sowohl virtuell als auch im echten Leben sowie an den Wahlurnen.

Sie haben offensichtlich Spaß am Punktesammeln und es regt wahrscheinlich auch den spielerischen Ehrgeiz an, wenn man für eine politische Sache öffentlich wirksam kämpfen kann.

Gefahr der Radikalisierung

Doch natürlich sind nicht alle von den Apps von U-Campaign begeistert. Denn der „sichere Raum“ der Apps und der politische Aktivismus dahinter führt auch zum Austausch von falschen, ungeprüften Informationen sowie zu einer Polarisierung und Radikalisierung von rechtskonservativen Meinungen.

Dabei ist das natürlich nichts, was man U-Campaign oder den Konservativen alleine vorwerfen kann. Das ist der Effekt jeder Filterblase und auch linksliberale Politiker und Parteien machen sich dies auf sozialen Netzwerken oder mit eigenen Apps zu Nutze.

Ein anderes Problem scheint es jedoch möglicherweise mit dem Datenschutz solcher Apps zu geben.

Möglicher Datenmissbrauch: auch deutsche Nutzer betroffen?

Wie die New York Times berichtet, hat Aggregate IQ, ein politisches Tech-Unternehmen aus Kanada, U-Campaign für die Entwicklung der Brexit-App „Vote Leave“ bezahlt.

Aktuell ermittelt die britische Regierung gegen Aggregate IQ im Zusammenhang mit dem Datenmissbrauch bei Facebook und Cambridge Analytica. Aggregate IQ ist ein Tochter-Unternehmen von Cambridge Analytica.

Das britische Parlament hegt ebenfalls den Verdacht, dass auch U-Campaign unberechtigt persönliche Nutzerdaten weitergegeben hat. Könnten auch deutsche Nutzer betroffen sein? Immerhin war U-Campaign auch mit deutschen Parteien im Gespräch.

Dieser Verdacht konnte von BASIC thinking nicht bestätigt werden. Zunächst einmal ist keine der US-Apps von U-Campaign in Deutschland verfügbar und auch eine vergleichbare deutsche App scheint nicht zu existieren.

Dennoch sieht es auf der Webseite des Unternehmens so aus, als hätte U-Campaign sogar eine App für deutsche Nutzer entwickelt.

U-Campaign globales Geschäft Landkarte

Auf der Webseite nennt U-Campaign auch Aktivitäten in Deutschland. (Foto: Screenshot / U-Campaign)

Auf Nachfrage von BASIC thinking heißt es dazu von Thomas Peters: „Wir haben aktuell keine Kunden in Deutschland und haben in der Tat all unsere Tätigkeiten in der Europäischen Union aufgrund der übermäßigen regulatorischen Vorschriften der DSGVO fürs Erste eingestellt.“

Eine kurze Prüfung aller vormals in Europa aktiven Apps bestätigt dies.

U-Campaign zieht sich (vorerst) aus Europa zurück

Doch das Abstellen der Apps habe nichts mit den Anforderungen zum Datenschutz zu tun, behauptet Peters. „Unsere Apps entsprechen den Anforderungen der DSGVO. Das Problem sind die zusätzlichen bürokratischen Hürden. Für ein kleines bis mittelständisches Unternehmen wie unseres kostet es sehr viel Geld, Mitarbeiter in der EU einzustellen. Unsere Gewinnmarge in der EU ist daher sehr viel geringer als anderswo auf der Welt. Deshalb verlagern wir unseren geografischen Fokus dorthin, wo wir einfacher Geschäfte machen können.“

Das sollte nicht so schwierig sein. Konservative politische Kampagnen liegen im Trend und für U-Campaign gibt es noch viele weiße Flecken auf der Landkarte abzudecken.

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor hat als klassische Radiojournalistin angefangen, und ist dann unklassisch (und nicht ganz freiwillig) zur digitalen Nomadin geworden. Seit 3 Jahren reist sie um die Welt und schreibt zu politischen, sozialen und digitalen Themen.

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