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Warum weiß eigentlich niemand mehr, was ein Kommentar ist?

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Gerade in sozialen Netzwerken scheint das Wissen über den Kommentar besonders gering zu sein. (Foto: Pixabay.com / kalhh)
geschrieben von Christian Erxleben

Der Kommentar gehört neben Nachricht und Bericht zu den zentralen journalistischen Darstellungsformen. Seine Bedeutung und seine Eigenheiten lernen wir eigentlich schon in der Schule kennen. Doch trotzdem scheint kaum ein Internet-Nutzer diese Stilform zu kennen. Ein Appell.

Im Laufe unserer Schullaufbahn erlernen wir im Deutsch-Unterricht den Umgang mit Sprache, Stilmitteln und Grammatik. Manches davon – zum Beispiel die Analyse des Versmaßes eines Gedichtes – ist für das spätere Leben irrelevant.

Andere Themengebiete haben jedoch auch nach dem Ende unserer Schulzeit eine gewisse Relevanz. Ein Punkt, der sicherlich in diese Reihe gehört, ist die Unterscheidung verschiedener journalistischer Stilformen. Das gilt nicht nur für Kommunikatoren, sondern auch für Leser.

Ohne allzu tief in die Materie einzusteigen, ist grundsätzlich die Unterscheidung zwischen sachlichen (objektiven) und meinungsbildenden (subjektiven) Stilformen essenziell. In die erste Kategorie fallen klassische Nachrichten und Berichte. Diese transportieren Informationen und ordnen diese neutral ein.

In die zweite Kategorie fallen beispielsweise die Glosse oder der Kommentar. Diese Stilformen erlauben es dem Journalisten explizit, persönlich Stellung zu bestimmten Themen zu beziehen.

Der Kommentar: Wenn Meinung im Journalismus erlaubt ist

Doch obwohl wir die meinungsbildenden Stilformen bereits in der Mittelstufe kennenlernen, haben viele Nutzer oder Leser dies offensichtlich wieder vergessen. Anders lässt es sich nicht erklären, dass – gerade auf Facebook und Co. – immer wieder Redakteure und Journalisten angefeindet werden, weil sie in einem Kommentar ihre Meinung zum Ausdruck bringen.

„Das ist verboten!“, schreit der wütende Mob gerne. „Journalisten müssen neutral berichten“, heißt es hinterher. Im gleichen Atemzug werden die Redakteure dann aufgrund ihrer (unangenehmen) Meinung als „Lügenpresse“ oder „gekauft“ beschimpft. Auch bei BASIC thinking ist dies schon häufiger passiert.

Was ist eigentlich ein Kommentar?

Da der Kommentar eine zentrale Säule der Journalismus ist, ist es entscheidend, eventuelle Wissenslücken zu schließen. Der Begriff „Kommentar“ leitet sich vom lateinischen Wort „commentarius“ ab. Das lässt sich mit Notizen, Tagebuch oder Denkschrift übersetzen.

Die Übersetzung liefert schon einen zentralen Anhaltspunkt. Ein Autor schreibt seine Gedanken zu einem bestimmten Thema nieder. Das spiegelt sich auch noch in der heutigen Definition des Kommentars wider:

Journalistische Kommentare sind immer meinungsbetonte Texte. Das heißt: Sie äußern eine Meinung, um bei den Leserinnen und Lesern Meinungen zu bilden. Sie üben Einfluss aus und gehören deshalb zum Typ der „Appelltexte“. Sie wollen Einfluss nehmen und den Leser zu etwas auffordern, sei es zum Nachdenken, zu einem bestimmten Urteil, Handeln oder Verhalten.

Der Aufbau und die Sprache eines Kommentars

Zum Beginn seines Textes ordnet der Kommentar die Situation oder das Problem, das er kommentiert, in der Regel kurz ein. Dabei werden die zentralen Fakten kurz zusammengefasst, sodass der Leser weiß, worum es geht.

Im Anschluss präsentiert der Kommentator die Argumente, die seine zu Beginn aufgestellte und häufig in der Überschrift wiederkehrende These unterstützen. Bei der Argumentation selbst gibt es verschiedene Stile. Vom klassischen „Geradeheraus-Kommentar“ bis zum „Einerseits-andererseits-Kommentar“ gibt es eine große Bandbreite.

Den allermeisten Kommentarformen gemein ist jedoch, dass die Meinung durch sprachliche Stilmittel verstärkt wird. Dazu gehören unter anderem wertende Verben und Adjektive (zum Beispiel verlogen) sowie Negativierungen und Verstärkungen (zum Beispiel sinnlos).

Ergänzend kommt häufig eine schneller Schreibstil mit kurzen Wörtern und Sätzen, Fragen und Ausrufen zum Einsatz, der Geschwindigkeit erzeugt und somit den Lesefluss verbessert.

Für eine bessere Kommunikation im Social Web

Wenn sowohl Journalisten als auch Leser und Kommentatoren in den sozialen Medien diese Grundlagen beachten und sauber arbeiten und argumentieren, könnte der Hass gegenüber Redakteuren deutlich abnehmen. Außerdem würde die Qualität der Konversationen steigen.

Deshalb ist es wichtig zu verstehen, dass Meinungen im Journalismus durchaus erlaubt sind. Damit es zu keiner Vermischung von objektiven Berichten und subjektiven Meinungen kommt, sind Glossen, Kommentare und Co. immer als Meinungstexte gekennzeichnet – in der Regel in Wort und Bild.

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Über den Autor

Christian Erxleben

Christian Erxleben ist seit Ende 2017 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Ressortleiter Social Media und Head of Social Media bei BASIC thinking tätig. Sein Weg zu BASIC thinking führte über die Nürnberger Nachrichten, Focus Online und die INTERNET WORLD Business. Beruflich und privat liebt und lebt er Social Media.

8 Kommentare

  • Einerseits hast Du recht – andererseits… Das grundlegende Problem ist für mich, dass jene klare Einteilung journalistischer Stilformen von Seiten der Redaktionen ignoriert wird. Quer durch Medienarten und Medienhäuser ist das Einflechten kommentarartiger Elemente heute eher die Norm denn die Ausnahme. Wenn zum Beispiel heute das „Handelsblatt“ seine Geschichte über die geplatzte Fusion von Deutscher und Commerzbank überschreibt mit „Sewings riskante Wette“ so enthält dies schon eine Kommentierung, denn Risiko ist eben nicht positiv behaftet – erst recht nicht im Bankgewerbe. Die rasant gestiegene Verwendung von Superlativen hilft dabei nicht gerade.

    Offensichtlich wünschen sich sehr viele Menschen aber eine nüchterne, ausgewogene Berichterstattung. Nur: Die kriegen sie praktisch nirgends mehr.

  • Ich glaube auch, dass das Grundproblem das immer größere Aufweichen von Kommentar und Nachricht in den Medien ist. Überall wird derzeit nach „Haltung“ bei Journalisten gerufen. Aber ehrlich gesagt interessiert mich die Haltung irgendeines Journalisten nicht, ich möchte informiert werden, nicht belehrt. Um Haltung zu zeigen gibt es eben genau die Kommentarspalten, dort kann der Redakteur nach Herzenslust rummeinen. Aber auch hier gilt: Wer austeilt muss auch einstecken können. Wer pointierte Meinungen in einem Kommentar vertritt, „darf“ das natürlich, aber darf dann auch erwarten, dass sich Widerspruch regt.

  • Hallo Christian, du hast das Zauberwort ja schon selbst rausgefunden: „Wütender Mob“

    Ein recht großer Teil der Bevölkerung lässt sich nicht in seiner Haltung durch Fakten oder Argumente leiten, sondern glaubt das, was er glauben will. Positive Reaktionen auf eine Meinungsäußerung erntet der Journalist deshalb vor allem dann, wenn der von ihm eingenommene Standpunkt mit der vorgefassten Meinung des Lesers übereinstimmt. Dann ist es ein „objektiver Bericht“. Anderenfalls hat der Journalist seine Grenzen überschritten, ist gekauft oder inkompetent (Mehrfachnennungen möglich)

    Ansonsten hat Thomas Knüwer natürlich recht, wenn er sagt, dass die Trennung zwischen Bericht und Meinung häufig nicht eingehalten wird. Das ist ja bei Formaten wie „Bento“ schon fast Standard.

    Schwierig ist es mit branchenweiten Narrativen, die oft allzu leichtgläubig wiederholt werden: Tesla wird die deutsche Autoindustrie zerstören, Deutschland bekommt wegen allgemeiner Inkompetenz die Digitalisierung nicht hin, Veganismus ist gut, Fahrradfahrer brauchen mehr Rechte. Das sind bei Licht betrachtet alles Meinungen, keine Tatsachen. Sie werden aber oft wie Tatsachen behandelt.

    Dass der gemeinen DSDS-Gucker von journalistischen Stilformen keine Ahnung hat, nehme ich ihm nicht krumm. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist Journalismus ja auch nichts, was jeder kann – genau so wie Fußballnationaltrainer.

  • Es ist richtig, das in einer Demokratie wie unserer sich jeder eine Meinung bilden kann und diese auch kundtut. Auch und gerade Journalisten. Journalistische Meinungs- und Redefreiheit ist eines unserer höchsten Güter.
    Anderseits war gerade in den letzten Tagen in der Diskussion um das Video des Youtubers Rezo zu beobachten, das einige Journalisten in ihrer Meinung übers Ziel hinausschossen. Wenn ein Journalist seine Meinung öffentlich macht, obliegt ihm eine gewisse intellektuelle Verantwortung, die ich bei einem Vertreter seiner Berufssparte voraussetze. Eine Meinung oder ein Kommentar in den Medien hat eine gewisse Reichweite und ist kein Stammtisch in der Dorfkneipe.
    Wenn den Kommentaren dann zynische, überhebliche Satzkonstruktionen und verklausulierte Beleidigungen auftauchen, zweifle ich manchmal an der handwerklichen Ausbildung einiger ihrer Kollegen.
    Wenn dieses dann passiert, muss sich niemand wundern, wenn dann genauso scharf zurück geschossen wird und der Intellekt und die Kompetenz dieses Journalisten in Frage gestellt wird.
    Wie gesagt, es herrscht Meinungsfreiheit und zwar auf beiden Seiten.

    • Hallo Herr Sturm,

      vielen Dank für Ihren Kommentar, dem ich in sehr weiten Teilen zustimmen kann. Es ist absolut legitim auch zynisch zu werden in einem Kommentar. Aber – wie sie auch selbst sagen – ist es dann absolut in Ordnung in ähnlicher Schärfe die Diskussion zu suchen. Darauf muss sich jeder Kommentator einstellen.

      Liebe Grüße
      Christian Erxleben

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