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Faceapp: Scheiß auf Datenschutz! Die App macht mich 30 Jahre älter

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Auch die Jonas Brothers sind mittels Faceapp um ein paar Jahrzehnte gealtert. (Foto: Screenshot / Instagram)
geschrieben von Christian Erxleben

Ein Klick genügt und du siehst, wie du mit 60 Jahren aussiehst. Dieses einfache Modell der viralen Anwendung „Faceapp“ zeigt wieder einmal, wie leichtsinnig und dumm Nutzer agieren, wenn es eine spaßige Funktion kostenlos gibt. Datenschutz? Egal! Ein Kommentar.

Es ist mal wieder soweit: Ein viraler Trend erobert die sozialen Netzwerke im Sturm. Ob nun Facebook, Instagram oder Twitter: Überall begegnen uns derzeit Bilder von Menschen, die durch die App mit dem Namen „Faceapp“ in wenigen Sekunden um etliche Jahre gealtert sind.

 

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When you take a trip to the Year 3000.

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Auch und vor allem, weil Stars und Sternchen wie die Jonas Brothers oder einige Tennis-Legenden wie Rafael Nadal auf ihren Kanälen die gealterten Bilder geteilt haben, erklimmt die Faceapp derzeit die App Stores in atemberaubender Geschwindigkeit.

Sowohl in Apples App Store als auch im Google Play Store rangiert die Anwendung in den meisten Ländern der Welt auf dem ersten Platz. Auf über 100 Millionen Downloads kommt die Foto-App in den letzten Tagen.

Die Faceapp verdeutlicht die Leichtsinnigkeit der Internet-Nutzer

Doch so spaßig die Anwendung auch wirken mag, so macht die Faceapp auch wieder einmal deutlich, wie leichtsinnig wir mit unseren Daten umgehen. Das gilt natürlich vor allem dann, wenn wir – wie auch in diesem Fall – eine lustige Funktion kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen.

Natürlich wollen wir alle wissen, wie wir im Alter aussehen. Und wenn dafür der Download einer App genügt, ist doch alles wunderbar. Pustekuchen! Denn der Preis, den wir für die Bilder und lustigen Momente mit Freunden zahlen, ist enorm hoch – und den meisten Nutzern ist das nicht einmal bewusst.

Einerseits schreien viele Menschen nach mehr Datenschutz und Privatsphäre. Andererseits stellen sie russischen Unternehmen persönliche Bilder und private Informationen quasi kostenlos zur Verfügung. Das ist Irrsinn.

Wer steckt eigentlich hinter der Faceapp?

Diese Frage stellt sich wohl kaum jemand. Vor allem dann nicht, wenn er in Erwartung einer plötzlichen Wunderalterung ist. Im Fall der Faceapp ist die Frage nach der Herkunft allerdings sehr spannend.

Die Entwickler der viralen Anwendung sitzen im russischen Sankt Petersburg. Dort steht die Zentrale von Wireless Lab, dem Unternehmen hinter der gefragten App. Doch außer einer Anschrift und einer E-Mail-Adresse gibt es de facto keine Informationen. Nicht einmal eine Website existiert.

Was die Faceapp mit unseren Bildern und Daten anstellen darf

Trotzdem vertrauen Millionen von Menschen dieser Firma ihre persönlichsten Daten und privaten Fotos an. Was damit geschieht? Auch das dürften sich nur die wenigsten Nutzer ernsthaft fragen. Dabei wäre es doch so einfach. Ein Blick in die AGB genügt.

Dort steht:

You grant FaceApp a perpetual, irrevocable, nonexclusive, royalty-free, worldwide, fully-paid, transferable sub-licensable license to use, reproduce, modify, adapt, publish, translate, create derivative works from, distribute, publicly perform and display your User Content and any name, username or likeness provided in connection with your User Content in all media formats and channels now known or later developed, without compensation to you. When you post or otherwise share User Content on or through our Services, you understand that your User Content and any associated information (such as your [username], location or profile photo) will be visible to the public.

Oder in Kurzform: Jeder Nutzer der Faceapp verkauft sich und seine Daten komplett an eine unbekannte russische Firma.

Es ist beispielsweise legitim, wenn die Entwickler deine Bilder dafür nutzen, um eine Künstliche Intelligenz zu trainieren. Ebenso könnten sie jedoch deine Motive dafür nutzen, um großflächig mit deinem Gesicht in Moskau zu werben. Da hast du nicht daran gedacht, oder?

Und damit geben sich die Entwickler noch nicht zufrieden. Sie haben außerdem – unter anderem – Zugriff auf:

  • Deine IP-Adresse
  • Deine Gerätekennung
  • All deine Bilder
  • Dein Mikrofon und deine Kamera
  • Dein Suchverhalten

Achja: Und die Faceapp kann ihren Datenstrom auch im Hintergrund ziehen. Das heißt: Die Anwendung generiert selbst dann Informationen, wenn du sie nicht einmal geöffnet hast.

Schaltet euer Gehirn endlich an oder redet nicht mehr von Privatsphäre!

Jeder Nutzer, der sich die Faceapp aufs Smartphone geladen und den Nutzungsbestimmungen zugestimmt hat, hätte seine Informationen also eigentlich auch gleich kostenlos verschenken können.

Denn selbst wenn du die App löschst, dürfen die Entwickler deine Daten weiterhin verwenden. Und sollte Wireless Lab verkauft werden, stehen deine Daten auch dem neuen Eigentümer zur Verfügung.

Wer sich also weiterhin glaubhaft für seine Privatsphäre einsetzen will, darf die Faceapp keinesfalls nutzen. Und wer seine intimsten Informationen für ein kleines Gadget freiwillig weggibt, darf dies natürlich auch weiterhin tun.

Doch bitte hört dann damit auf, euch zwei Tage später wieder über den nächsten Datenskandal bei Facebook aufzuregen. Das ist nichts anderes als Heuchelei.

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Über den Autor

Christian Erxleben

Christian Erxleben ist seit Ende 2017 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Ressortleiter Social Media und Head of Social Media bei BASIC thinking tätig. Sein Weg zu BASIC thinking führte über die Nürnberger Nachrichten, Focus Online und die INTERNET WORLD Business. Beruflich und privat liebt und lebt er Social Media.

9 Kommentare

    • Hi Uli,

      ich kann nur für mich sprechen: Aber meine Meinung würde ich auch genauso vertreten, wenn es sich um eine deutsche, US-amerikanische oder indische App handelt. Das macht in meinen Augen keinen Unterschied.

      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
      Christian

      • Nun ja, bei einem deutschen Anbieter würde ich die AGB erst mal gründlich lesen und dann entscheiden. Bei nicht-europäischen Anbietern würde ich eher gleich abwinken. Bei dieser AGB würde ich aber auch bei einem europäischen Anbieter sofort abwinken.
        Ein Glück, dass ich keinen Google Account habe und mir daher nicht so einfach Apps ziehen kann 🙂
        Abgesehen davon weiss ich, wie ich mit 60 aussehe. Dazu muss ich nur in den Spiegel schauen.

      • Echt, cool, dass der Artikel hier bei Facebook geshared werden kann, die machen nichts weiter mit euren Daten. Twitter, Instagram usw. natürlich auch nicht. Die sind alle sauber, aber die Russen, vor denen sollten alle übertrieben Angst haben. Wir nennt man noch Leute die für die gleiche Sache den einen schelten und den anderen gewähren lassen… Ach ja, Heuchler.

        • Hallo Falko,

          schön, dass du meinen Artikel gelesen hast. Wie du sicher auch schon hier gelesen hast, würde ich den gleichen Kommentar auch zu deutschen oder US-amerikanischen Unternehmen schreiben. Und wenn du auf der Seite die Such-Funktion verwendest, siehst du auch sehr schnell, dass wir im gleichen Ton auch über Facebook, Google, Tik Tok und Co. berichten. Die sind also nicht „alle sauber“, um dich zu zitieren.

          Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
          Christian

  • Sehr gut auf den Punkt gebracht. Der erste Kommentar zeigt aber wohin die Reise geht.

    Treffen sich 2 Planeten. Der eine zum anderen. OMG Du siehst aber echt Shirt aus. Ich habe Homo sapiens. Hatte ich auch mal, das geht vorbei.

  • Hmm. Und was ist nun der Unterschied zwischen faceapp und beispielsweise snapchat? Ist dich das Gleiche in grün. Oder ist es nicht doch so, dass einfach der Server im falschen Land steht?

    LG Anja

  • Ist schon irre wie leicht Menschen sich manipulieren lassen. Schreib „kostenlos“ drauf und „Lecker“ und verpack es bunt und schon isst der Mensch sogar Zyankalikapseln. Auf die Inhaltstoffe schaut doch kaum einer.

    Das gleiche mit diesen dusseligen Apps. Es muss nur ein Initialzünder her (Promis machen das ja auch, dann will ich das auch haben).

    Der Trick ist alt wie die Welt. Stell dich irgendwo hin und schau stur nach oben. Irgendwann kommt einer der wissen will was es da zu sehen gibt, bleibt stehen und schaut auch nach oben. Etwas später kann man sich unbemerkt zurück ziehen und die ganzen Deppen fotografieren die alle nach oben schauen und keiner weiß letztendlich warum oder nach was man Ausschau hält 😀

    Gruß
    Webworker

  • Ja der Datenschutz ist heute sehr wichtig. Es gibt zahlreiche Apps im Playstore/Appstore die mit einer kostenlosen App werben und im Hintergrund werden dann die Daten verkauft.

    Und wie im Artikel erwähnt würden Sie einem Unternehmen vertrauen die nur eine Postanschrift und eine Kontaktmail zur Verfügung stellt?

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