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Lunchbox: Dieser Supermarkt hat keine Schlangen – und keine Mitarbeiter

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In ihrer Kolumne beschäftigt sich Marinela mit Entwicklungen in den USA.
geschrieben von Marinela Potor

Die USA sind eine der größten Tech-Nationen dieser Welt. Doch wie stehen eigentlich die Amerikaner selbst zu all dem? Welche Trends begeistern sie, welche gehen völlig an ihnen vorbei? Genau darüber berichtet Marinela Potor – direkt aus den USA – in regelmäßigen Abständen im BASIC thinking US-Update. Diesmal stellt sie dir Lunchbox vor, einen „Geistersupermarkt“ aus den USA, in dem es Ware, aber keine Mitarbeiter gibt.

Während in den Niederlanden gerade die Idee der „Plauderkasse“ voll im Trend liegt – eine spezielle Kasse, an der Einkäufer sich Zeit lassen dürfen und mit dem Personal plaudern können – passiert in den USA gerade das Gegenteil.

Nach dem Vorbild von Amazon Go probieren immer mehr Supermärkte das Konzept der „unbemannten Läden“. Das sind Geschäfte, in denen alles automatisch und automatisiert und vor allem komplett ohne Kassen-Angestellte läuft.

Lunchbox ist das neueste Beispiel dafür.

Lunchbox: Inspiriert von Amazon Go

Da es Amazon Go bislang nicht bis nach Cincinnati geschafft hat, ist das einzige automatisierte Einkaufssystem, das ich bislang in den USA genutzt habe, der Selbst-Check-Out. Dabei macht der Supermarkt dich quasi zum Kassierer.

Anstatt, dass du also normal zur Kasse gehst und ein Mitarbeiter deine Ware übers Band zieht, stehst du an einem „Check-Out-Counter“ und scannst selbst deine Produkte.

Deine Einkäufe erscheinen auf einem Computer-Bildschirm. Am Ende zahlst du mit deiner Kreditkarte. Vor allem nachts, wenn nur sehr wenig Personal arbeitet – es ist ein 24-Stunden-Supermarkt –, kommt man darum nicht wirklich herum.

Ich bin kein großer Fan von diesem System. Das liegt hauptsächlich daran, dass es fast jedes Mal mit einem Produkt ein Problem zu geben scheint. Und dann muss man warten, bis ein Mitarbeiter kommt und den Einkauf autorisiert.

Bei Alkohol- oder Tabakwaren wiederum schlägt das Terminal Alarm, weil auch hier ein Mitarbeiter den Ausweis kontrollieren muss. Doch Lunchbox geht über das hinaus und erinnert eher an das Konzept von Amazon Go.

Körper-Scanner ordnet Ware der Person zu

Zum einen kannst du bei Lunchbox, wie im normalen Supermarkt auch, Lebensmittel kaufen. Diese müssen weder vorab online bestellt noch bezahlt werden. Stattdessen läufst du einfach in den Laden, holst dir aus den Regalen, was du brauchst, und gehst einfach wieder heraus.

Das ist genauso faszinierend wie unheimlich, wird aber durch Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI) und digitale Bezahl-Methoden wie Apple Pay, Google Pay, Paypal und Venmo ermöglicht.

Lunchbox nutzt nämlich KI und spezifische Scanner, um zu registrieren, welche Produkte aus dem Regal genommen werden. Die entnommenen Produkte wiederum werden über ein Körper-Tracking-System dem jeweiligen Einkäufer zugeordnet.

So weiß Lunchbox am Ende ganz genau, was eine Person im Einkaufswagen hat und rechnet dies völlig kontaktlos über eine der registrierten Bezahl-Methoden ab.

„Lunchbox ist eine einfache, frische Einkaufsalternative“, sagt Paul Scorza, CIO von Retail Business Services. Retail Business Services ist wiederum das Service-Unternehmen für Ahold Delhaize, den niederländischen Konzern hinter Lunchbox.

Scorza ist natürlich begeistert von dem System: „Sobald sie registriert sind, können Einkäufer sich einfach in den Laden einscannen, einkaufen und wieder herausgehen. So einfach ist das!“ Noch dazu ist der Laden rund um die Uhr geöffnet und bietet laut Scorza auch viele gesunde Produkte.

Ahold Delhaize testet Roboter in Supermärkten

Die Idee zu dem unbemannten Supermarkt kam Scorza als Retail Business Services die eigene Cafeteria renovieren wollte und nach einem neuen kostengünstigen Modell suchte, um Mitarbeitern zu verschiedenen Uhrzeiten Mahlzeiten, Snacks und Getränke bieten zu können.

So kam man auf die Idee zu Lunchbox unter dem Banner von Ahold Delhaize. Tatsächlich experimentiert Ahold Delhaize auch in den Niederlanden in seiner Supermarktkette „Albert Heijn“ schon mit einem autonomen Check-Out.

Dabei scannen Einkäufer ihre Kreditkarte am Eingang und lassen hinterher ihre Einkäufe von einem Sensor lesen. Auch hier funktioniert alles ohne Kassen-Mitarbeiter. In einigen anderen Läden testet Ahold Delhaize wiederum autonome Roboter.

Doch der komplett unbemannte Supermarkt „Lunchbox“ in den USA ist bislang das ambitionierteste Projekt in diese Richtung.

Gefundenes Fressen für Marketer

Man kann sich natürlich vorstellen, wie das Konzept von Lunchbox nicht nur praktisch für Einkäufer und kosteneffizient für Supermärkte ist, sondern auch ein gefundenes Fressen für Marketer ist. Wo sonst – außer im Internet – hat man so einen genauen Einblick ins Einkaufsverhalten der Kunden?

Bislang ist Lunchbox aber noch ein Pilotprojekt und auch, wenn sich US-Amerikaner immer für neue Konzepte begeistern lassen, ist immer noch nicht klar, ob die unbemannten Supermärkte wirklich eine Zukunft haben.

Denn die ersten US-Städte und Staaten haben das Konzept schon verboten.

Nur für reiche Elite?

Das Problem sind nicht die fehlenden Mitarbeiter an der Kasse. Es geht vielmehr um das Bezahl-System. Denn wenn jemand zum Beispiel bei Amazon Go einkaufen will, braucht er ein Konto bei Amazon, eine Kreditkarte und ein Smartphone mit der entsprechenden App.

Das schließt automatisch Menschen aus, die sich kein Smartphone leisten können oder keine Kreditkarte haben. Auch muss man natürlich eine gewisse Internet-Affinität haben, um das System zu verstehen. Gerade einige ältere Menschen könnten hier überfordert sein.

Genau darum verbieten US-Bundesstaaten wie Massachusetts oder New Jersey grundsätzlich bargeldlose Läden, weil sie zu viele Kundengruppen ausschließen könnten – und damit diskriminierend sind.

Seit Oktober 2019 darf es darum auch in Philadelphia keine bargeldlosen Läden mehr geben und auch die Amazon-Go-Standorte New York City, San Fransciso und Chicago überlegen nun die Technologie zu verbieten.

Es wird also spanndend zu sehen, ob sich das Konzept dennoch verbreiten kann und vor allem, in welcher Form.

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor hat als klassische Radiojournalistin angefangen, und ist dann unklassisch (und nicht ganz freiwillig) zur digitalen Nomadin geworden. Seit 3 Jahren reist sie um die Welt und schreibt zu politischen, sozialen und digitalen Themen.

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