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Tötet Corona die Sharing-Economy?

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Welchen Effekt hat Corona auf Sharing-Anbieter? (Foto: Pixabay / heinzremyschindler)
geschrieben von Marinela Potor

Von Carsharing bis E-Scooter: Shared Mobility entwickelte sich in den letzten Jahren zum Riesen-Erfolg. Klar, die Modelle waren unkompliziert, günstig und nachhaltig und überzeugen damit viele Nutzer. Dann kam die Pandemie. Jetzt will keiner mehr etwas mit anderen teilen. Tötet Corona die Sharing-Economy? Ein Lagebericht. 

2020 ist kein leichtes Jahr für die Mobilitätsbranche. Autobauer verzeichnen starke Umsatzverluste. Die Flugindustrie ist (sprichwörtlich) am Boden. Selbst die Deutsche Bahn kämpft mit immer neuen und verschärften Sicherheitsauflagen um mehr Kunden.

Eins ist klar: Corona hat unser Mobilitäts- und Reiseverhalten durch Lockdowns, Home Office und sozialem Abstand stark verändert.


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Corona: Sharing ist nicht caring, sondern ein Risiko

Wir sind seltener unterwegs – und das häufiger auf kürzeren Strecken. Wer noch verreist ist, hat das meist eher im eigenen PKW als im Flugzeug getan und dann vorzugsweise in isolierten Ferienhäusern statt in vollen Hotels übernachtet.

Gleichzeitig hat die Pandemie die Wahl der Transportmittel stark verändert. Es gilt: Mit dem Fahrrad statt im ÖPNV zur Arbeit und im eigenen Auto statt im Zug, Fernbus oder Flugzeug in den Urlaub.

Wer will derzeit schon freiwillig stundenlang mit anderen Menschen ein Fahrzeug teilen? Doch was passiert mit den Unternehmen, die genau die Idee des Teilens als Geschäftsmodell anbieten? Wie wirkt sich die Pandemie auf sie aus? Tötet Corona die Sharing-Economy?

Carsharing-Anbieter Turo muss in Deutschland aufgeben

Wenn man Carsharing-Anbieter Turo fragt, ja. Turo galt lange als eins der heißesten Shared-Mobility-Start-ups. Die Plattform startete mit einem privaten Carsharing-Modell in den USA.

Dabei konnten private Autobesitzer anderen Autofahrern ihre Fahrzeuge leihweise zur Verfügung stellen. Die Autos standen damit nicht sinnlos herum, die Mieter konnten ein günstiges Fahrzeug ausleihen und die Autobesitzer verdienten damit auch noch Geld.

Das Konzept war so erfolgreich, dass Turo im Jahr 2018 aus den USA nach Deutschland expandierte.

Die Plattform erweiterte ihr Modell und erlaubte nun auch kommerziellen Anbietern ihre Fahrzeuge zu verleihen. Der damalige Deutschland-Manager Marcus Riecke sprach sogar davon, Marktführer in Deutschland zu werden.

Nun, zwei Jahre später, sieht die Lage komplett anders aus. Corona hat das Unternehmen stark getroffen.  Mittlerweile hat das Unternehmen seine Koffer gepackt und musste sein Angebot in Deutschland einstellen.

Auf Nachfrage von Mobility Mag wollte Turo-Sprecher Xavier Collins aus San Francisco nur so viel sagen: „Ich war traurig, als ich zusehen musste, wie Turo sein Deutschland-Geschäft in diesem Frühling beenden musste.“ Zu den Gründen sagte Collins nur so viel: Corona war der Grund.

Blacklane mit 99 Prozent Umsatzverlust

Auch der Limousinen-Anbieter und Uber-Konkurrent Blacklane aus München spürte im Frühjahr den Corona-Effekt schnell und scharf. „Wir hatten anfangs 99 Prozent Umsatzverlust“, berichtet Blacklane-Mitgründer Jens Wohltorf im Gespräch mit Mobility Mag.

Das liegt auch daran, dass Blacklanes Hauptgeschäft vor allem Flugtransfers sind. Insbesondere Geschäftsreisende, aber auch Flugreisende, die etwas luxuriöser und bequemer vom und zum Flughafen reisen wollen, buchen den Limousinen-Dienst mit Chauffeur. Blacklane operiert zudem weltweit.

Blacklane hatte also gleich zwei Probleme: Niemand wollte mit fremden Personen im Auto sitzen und der Flugverkehr war im globalen Lockdown fast gleich null.

Doch anders als Turo hat Blacklane seinen Dienst nicht eingestellt, sondern kreativ umgestaltet. Besonders wichtig war dem Unternehmen nämlich keine Mitarbeiter zu entlassen, sagt Wohltorf.

So musste Blacklane also drastisch seine Betriebskosten senken. Das Unternehmen schickte alle Mitarbeiter ins Home Office und stornierte das komplette Marketing-Budget. Mit weiteren Maßnahmen wie Kurzarbeit, war es möglich, die Kosten um 50 Prozent zu senken, keine Mitarbeiter zu entlassen und immerhin die Finanzsituation zu stabilisieren.

Doch mehr Fahrten wurden dadurch immer noch nicht gebucht.

Neue Geschäftsfelder erschließen

So wurden zum Einen die Reinigungs- und Hygieneprozesse der Limousinen noch strikter ausgeführt. Gleichzeitig fiel dem Unternehmen in seiner Fahrtenbilanz auf, dass plötzlich Streckenbuchungen mit Mittelstrecken-Entfernungen um die 350 Kilometer stark zugenommen hatten.

„Das sind Strecken, die Reisende vor Corona traditionell mit dem Fernbus oder der Bahn absolvierten“, sagt Wohltorf. Doch auf der Suche nach Alternativen mit geringerem Ansteckungsrisiko fanden Reisende plötzlich Blacklane.

Hier teilte man sich das Fahrzeug lediglich mit einer fremden Person, dem Chauffeur, der zudem mit Maske unterwegs war, was man von anderen Fahrgästen in der Bahn nicht immer sagen kann.

Blacklane rollte also kurzerhand ein preislich attraktives Intercity-Angebot aus, bei dem eine Mittelstrecken-Fahrt rund 180 Euro pro Fahrzeug kostet.

Schon bei einer Fahrt von zwei Insassen, ist Blacklane damit im Vergleich zur Bahn konkurrenzfähig und bietet zudem einen geschützteren Innenraum.

Auch im Vergleich zu Taxis schien das Blacklane-Angebot vielen Kunden attraktiver, da die Limousinen im Schnitt weniger Menschen pro Tag transportieren und somit zumindest „virenärmer“ erscheinen.

Mit diesem Konzept konnte Blacklane seinen Umsatz wieder erhöhen, wenn auch nicht ganz auf Vor-Corona-Niveau. Doch Blacklane ist überzeugt, dass sie mit ihrem neuen Angebot eine spannende neue Marktnische entdeckt haben, die sie auch nach der Pandemie weiter ausbauen wollen.

„Irgendwann wird sich auch unser Flughafen-Geschäft wieder erholen, aber nicht von heute auf morgen“, sagt Wohltorf. Bis dahin scheint Blacklane aber gut gerüstet zu sein.

Blablacar: Mitfahrgelegenheiten stabil, Fernbusse zeitweise eingestellt

So wie Blacklane hat auch das Mitfahrangebot von Blablacar von der erhöhten Nachfrage nach Intercity-Fahrten profitiert.

„Wir beobachten, dass sich die durchschnittliche mit Blablacar zurückgelegte Strecke (366 Kilometer im November 2020) der Länge der durchschnittlichen Länge einer Blablabus-Fahrt (ca. 400 Kilometer) angenähert hat“, sagt Christian Rahn, Deutschlandchef von Blablacar gegenüber Mobility Mag.

Auch hier bevorzugen Reisende den Kontakt zu weniger Personen im Auto. Gleichzeitig sind die Identitäten aller Fahrer bekannt, sodass sich eine Ansteckung gegebenenfalls einfacher nachvollziehen lässt. Insgesamt habe sich das Mitfahrangebot dynamisch der Situation angepasst, sagt Rahn.

Doch insgesamt habe die Pandemie Blablacar „hart getroffen“, gibt Rahn zu. Vor allem zum ersten Lockdown, aber auch aktuell im Lockdown Light hat das Unternehmen den Rückgang der Fahrtenbuchungen gespürt.

Insbesondere das Fernbus-Angebot mit Blablabus hat gelitten. Nachdem die Fernbusse im Sommer kurzzeitig wieder fuhren, hat Blablabus seine Fahrten am 26. Oktober wieder eingestellt. Ein Neustart ist für Frühjahr 2021 geplant.

Pinkbus mit Winterpause

So ähnlich sind auch die Pläne von Fernbus-Konkurrent Pinkbus.

Auch hier stehen die Busse seit dem 26. Oktober wieder still, nachdem es im Sommer kurzfristig mit neuem Hygiene-Konzept wieder durchaus bergauf ging, berichtet Johanna Meadows, Head of Communications bei Pinkbus Mobility Mag.

„Wir gehen davon aus, dass das Reiseverhalten der Menschen über den Winter und bis ins Frühjahr hinein weiterhin sehr eingeschränkt stattfinden wird, weshalb wir voraussichtlich nicht vor April wieder starten werden“, sagt Meadows.

Gleichzeitig prüfe Pinkbus im Moment, ob es Sinn ergeben könnte, die Busse fürs kommende Jahr umzubauen, damit Reisende abgeschirmt von anderen reisen könnten.

Doch nicht alle geteilten Mobilitäts- und Reiseangebote haben während der Pandemie gelitten. Es gibt auch durchaus Gewinner von Corona unter Sharing-Anbietern.

Campersharing mit erhöhter Nachfrage

Einer davon ist die Unterkunft-Sharing-Plattform Airbnb.

Während im Frühjahr die Buchungen drastisch einbrachen, erholte sich die Situation seit Sommer wieder, sodass im dritten Quartal 2020 nach Verlusten erstmals wieder ein Gewinn erwirtschaftet wurde. In der angeschlagenen Tourismus-Branche können das in diesem Jahr nicht viele Anbieter vermelden.

Airbnb hat dabei das Glück, ein vielseitiges Angebot zu haben. Denn wenn Nutzer auch sicherlich kaum noch die geteilten Unterkünfte buchen, liegen nun alleinstehende Ferienhäuser oder isolierte Unterkünfte, wie etwa eine Holzhütte im Wald, voll im Trend.

Denn die Menschen wollen immer noch verreisen oder zumindest etwas Abstand von dem Corona-Stress haben, buchen jetzt aber natürlich bewusst Unterkünfte, die sie sich nicht mit anderen Gästen teilen müssen.

Genau dieser Effekt hat auch den Campersharing-Plattformen in diesem Jahr geholfen. Denn was gibt es Isoliertieres, als mit dem eigenen Campervan komplett unabhängig zu reisen? Gleichzeitig ist ein gemietetes Wohnmobil deutlich günstiger als ein Urlaub auf den Malediven.

Da viele Menschen in diesem Jahr mit schwierigen Arbeitssituationen zu kämpfen hatten, war beim Urlaub sparen angesagt – und das erhöhte die Nachfrage nach Miet-Campern. Campersharing-Anbieter Yescapa verzeichnete im Sommer zum Beispiel einen Anfrage-Anstieg von 88 Prozent.

Ein weiterer überraschender Gewinner der Corona-Krise sind die Leihscooter-Anbieter.

E-Scooter im Aufwind

Wie alle Shared-Mobility-Anbieter war auch hier die Situation besonders im Frühjahr dramatisch. Bis auf wenige Ausnahmen stellten die meisten E-Scooter-Verleiher ihr Angebot komplett ein. Im Sommer kam dann die Kehrtwende.

Beim Anbieter Voi überstieg die Nachfrage teilweise sogar noch das Niveau vom Vorjahr, sagt Voi-DACH-Sprecher Caspar Spinnen gegenüber Mobility Mag.

Das gelte tatsächlich sogar aktuell für die kälteren Monate. „Trotz des kälter werdenden Wetters und der anhaltenden Corona-Maßnahmen sind unsere Erwartungen an die Herbst- und Wintermonate bis jetzt übertroffen worden“, sagt Spinnen.

Grund dafür ist, wie bei vielen anderen Sharing-Anbietern auch, dass Nutzer nicht immer weniger unterwegs sind, sondern anders.

Das bestätigt auch Caspar Spinnen.

„Innerhalb der letzten vier Wochen hat sich das Nutzungsverhalten bei unseren Kunden stark lokalisiert. Viele Fahrten bewegen sich inzwischen innerhalb der Außen- und Wohnbezirke, was unserer Einschätzung nach wahrscheinlich daran liegt, dass eine große Anzahl an Menschen ins Home Office gegangen ist und dass die dort Ansässigen weniger lange Strecken zurücklegen – dafür allerdings sehr viel häufiger einen Scooter verwenden.“

Letztlich sind E-Scooter, obwohl geteilt, auch Individualmobilität. Zudem findet dieser noch an der frischen Luft statt, wo das Ansteckungsrisiko besonders gering ist. Der Aufwärtstrend der Leihscooter zeichnet sich derzeit deutlich am gestiegenen Investoreninteresse ab.

Voi selbst hat gerade eine Finanzspritze in Höhe von 160 Millionen US-Dollar erhalten, um seine Deutschlandposition weiter auszubauen. Tier sammelte jüngst 250 Millionen US-Dollar ein und Bolt, ein von Daimler unterstütztes E-Scooter-Start-up aus Estland beschaffte sich im Mai 100 Millionen US-Dollar.

Corona: Sharing-Economy am Ende? Nicht ganz!

Das Fazit zu Corona der Sharing-Anbieter fällt also durchaus gemischt aus, auch wenn alle Anbieter unter den Lockdowns und Reisewarnungen gelitten haben.

Natürlich tötet Corona die Sharing-Economy im Mobilitäts- und Reisebereich nicht, zumindest nicht völlig. Die Branche wird sich aber sicherlich weiter konsolidieren. Turo wird wahrscheinlich nicht das einzige Unternehmen bleiben, dass sein Angebot einstellen oder reduzieren wird.

Gleichzeitig zeigt die Situation der verschiedenen Unternehmen aber auch: Wer clever ist und sich in Krisenzeiten neu erfinden kann, der kann auch als Sharing-Anbieter eine Pandemie überleben.

Langfristig, davon sind in der Tat alle Anbieter überzeugt, hat Corona das Mobilitätsverhalten der Nutzer nachhaltig geändert. Auch wenn die Situaiton sich irgendwann wieder entspannen sollte, werden gewisse Trends bleiben.

Menschen sind lokaler, bewusster, aber auch digitaler unterwegs. Einige Geschäftsmodelle werden damit nicht überleben können, während sich gleichzeitig andere – neue Ideen – durchsetzen können.

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin mit einer Leidenschaft für alles, was mobil ist. Sie selbst pendelt regelmäßig vorwiegend zwischen Europa, Südamerika und den USA hin und her und berichtet über Mobilitäts- und Technologietrends aus der ganzen Welt. Seit 2016 ist sie Chefredakteurin von Mobility Mag.

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