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SOCIALTECH

Trump, Parler und Co.: Die Chancen und Risiken von Deplatforming

Christian Erxleben
Aktualisiert: 16. Februar 2023
von Christian Erxleben
Das Deplatforming von Personen und Netzwerken birgt auch Risiken. (Foto: Pixabay.com / geralt)
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Wenn (prominente) Accounts auf sozialen Medien aufmerksamkeitswirksam Fake News verbreiten, greifen Facebook, Amazon und Co. zum sogenannten Deplatforming. Dadurch verlieren Verschwörungstheoretiker und Radikale ihre Plattformen. Ungefährlich ist dieser Vorgang trotzdem nicht.

Was ist Deplatforming?

Per Definition meint Deplatforming „eine Strategie zum dauerhaften Ausschluss einzelner Personen oder Gruppen von (zumeist digitalen) Plattformen wie sozialen Netzwerken, Online-Dienstleistern oder Providern.“

Mit dem Social-Media-Bann einher geht zugleich die Löschung oder Sperrung aller Kanäle der betroffenen Person oder Gruppe. In der Regel sind per Definition dabei alle Plattformen gemeint, „die eine Person oder Gruppe braucht, um berühmt und damit relevant zu bleiben.“

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Trump, Parler und Co.: Prominente Beispiele für das Deplatforming

In den letzten Wochen und Monaten ist das Deplatforming in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Schließlich mussten Facebook, Twitter und Co. mehrfach zu dieser Methode greifen, um die gezielte Verbreitung von Falsch-Informationen zu unterbinden.

Das prominenteste Beispiel für Deplatforming ist dabei mit Sicherheit der ehemalige US-Präsident Donald Trump. Nach dem gewaltsamen Sturm auf das US-Kapitol Anfang Januar 2021 zogen alle sozialen Netzwerke die Reißleine und löschten beziehungsweise sperrten die Accounts.

Doch das Deplatforming bezieht sich explizit eben nicht nur auf einzelne Personen oder Gruppierungen. Auch ganze Netzwerke können sprichwörtlich vom Netz genommen werden, indem die notwendige technische Struktur eingestellt wird.

Auch diesen Fall haben wir im Januar 2021 erlebt. Die von Radikalen, Konservativen und Trump-Anhängern genutzte Plattform Parler verschwand innerhalb weniger Tage aus dem Netz. Der Grund: Hoster Amazon hatte den Support der Plattform aufgrund der Inhalte eingestellt.

Deplatforming entradikalisiert die Plattformen

Doch wie wirken sich Social-Media-Banne auf die Netzwerke und Plattformen selbst aus? Dazu gibt es zahlreiche Untersuchungen – und die meisten Ergebnisse fallen sehr positiv aus.

So zeigte eine Studie der George Washington University schon im Jahr 2015, dass Account-Betreiber durch die Sperrung deutlich an Reichweite verlieren. So eröffnen die Betroffenen zwar meist neue Accounts unter einem Pseudonym. Die ursprüngliche Schlagkraft entwickeln sie jedoch meist nicht mehr.

Eine weitere Untersuchung aus dem Jahr 2017 kommt zudem zum Ergebnis, dass das Löschen von einzelnen Foren und Gruppen positive Auswirkungen hat. Nachdem Reddit zwei radikale Subreddits gesperrt hatte, hatten die Nutzerinnen und Nutzer die Plattform oft verlassen. Dadurch gingen Hass und Fake News spürbar zurück.

Und auch das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) in Jena kommt in ihrer Studie „Hate not found?!“ zu einem positiven Fazit. So schreiben die Studienautoren dort:

Das Deplatforming zentraler rechtsextremer Akteure schränkt deren Mobilisierungskraft deutlich ein und nimmt ihnen eine zentrale Ressource, auf die ihre Inszenierungen abzielen: Aufmerksamkeit. In dieser Hinsicht lässt sich eindeutig sagen: Deplatforming wirkt.

Deplatforming sorgt für die Radikalisierung der Anhänger

Eigentlich klingt demnach alles so, als wäre ein Social-Media-Bann eine gute Option. Dem ist auch so. Allerdings gibt es trotzdem auch einen großen und nicht zu unterschätzenden Nachteil beim Deplatforming: die Radikalisierung auf anderen Plattformen.

Wie ist das gemeint? Selbst wenn Facebook, Google, Amazon und Co. Personen, Gruppen und komplette Netzwerke stilllegen, finden Anhänger immer neue Möglichkeiten und Plattformen sich auszutauschen.

Das Problem dabei: Die neuen Orte des Austauschs entziehen sich in vielen Fällen sowohl der Öffentlichkeit als auch dem Staat. Das heißt, dass Polizei und Verfassungsbehörden aufgrund der Anonymität der entsprechenden Plattformen ihre Arbeit nur erschwert erledigen können.

Zudem sorgen die weitestgehend unmoderierten Plattformen, zu denen bis zu einem gewissen Grad sicherlich auch der gehypte Messenger Telegram gehört, dazu, dass sich die Nutzer noch stärker radikalisieren, da moderierende Beiträge und Contra-Meinungen von neutralen Nutzern fehlen.

So schreibt auch das IDZ:

Telegram hat sich zum zentralen Medium unter Hassakteuren entwickelt: 96 Prozent aller von uns untersuchten Hassakteure haben hier (hyper-)aktive Kanäle. Die meisten verstehen Telegram als ihre kommunikative Basis. Was dieses hybride Medium besonders macht: Es gibt so gut wie keine Moderation der Betreiber, Push-Nachrichten auf das Handydisplay wirken unmittelbarer und es kann leicht zwischen privater Messenger-Funktion und öffentlicher Kanalfunktion gewechselt werden.

Die Spaltung der Gesellschaft

„Der Rückzug auf Alternativplattformen kann die Löschung aus dem digitalen Mainstream nicht ausgleichen“, resümieren die Forscher des IDZ. Allerdings ist der Reichweitenverlust alleine kein Trostpflaster, wenn im Gegenzug eine Radikalisierung der Personen einhergeht.

Letztendlich sorgt das Deplatforming also in manchen Fällen auch dazu, dass sich die gesellschaftliche Spaltung verstärkt. Auf der einen Seite steht der große friedliche und ausgeschlossene Teil, der offen über Facebook und Co. kommuniziert.

Auf der anderen Seite steht eine kleine, radikale und womöglich sogar gewaltbereite Minderheit, die sich weitestgehend unbemerkt koordiniert und radikalisiert.

Diesen Bruch der Gesellschaft müssen Politiker und Plattformen dringend vermeiden. Dafür sind in erster Linie deutliche und nachvollziehbare Absprachen und Entscheidungen von Bedeutung. Sie sorgen dafür, dass Chaos und Unverständnis ausbleiben und weniger Menschen in alternative Netzwerke und Systeme abrutschen.

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vonChristian Erxleben
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Christian Erxleben arbeitet als freier Redakteur für BASIC thinking. Von Ende 2017 bis Ende 2021 war er Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Ressortleiter Social Media und Head of Social Media bei BASIC thinking tätig.
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