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Telegram-Kritik: Wie gefährlich ist der Messenger-Dienst wirklich?

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Wie berechtigt ist die Telegram-Kritik? (Foto: Unsplash.com / Christian Wiediger)
geschrieben von Marinela Potor

Ein Sammelbecken für Rechtsextreme, Verschwörungstheoretiker und Terroristen: So heftig wird derzeit der Messenger-Dienst Telegram kritisiert. Was steckt hinter der Telegram-Kritik und ist sie wirklich berechtigt?

Er scheint das neue Enfant terrible der Netzwelt zu sein: der Messenger-Dienst Telegram. Jahrelang galt die Nachrichten-App als sichere Alternative zu WhatsApp. Nun mehren sich aber Vorwürfe gegen Telegram.

Der Messenger-Dienst sei angeblich eine Gefahr für unsere Gesellschaft und ein Sammelbecken für Extremisten. Was steckt hinter dieser Telegram-Kritik und wie gefährlich ist die App wirklich?


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Telegram galt lange als Freiheits-App

Noch vor einigen Jahren galt Telegram in Deutschland als harmloser Messenger. Viele nutzten die App als Alternative zu WhatsApp. Insbesondere die hohe Anonymität und Datensicherheit überzeugte viele User.

International hatte die App sogar teilweise den Ruf einer Protest-App. Über Telegram organisierten sich nämlich weltweit Oppositionelle in Ländern mit autoritären Regimes.

Demonstranten im Iran nutzten die App, genauso wie die Freiheitsbewegung in Hongkong und auch in Weißrussland ist Telegram die App der Wahl für die Oppositionsbewegung.

Es ist kein Zufall, dass all diese Protestbewegungen ausgerechnet Telegram nutzen. Der Dienst bietet nicht nur eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und lässt sich auch mit langsamen Internetverbindungen zuverlässig nutzen. Er lässt sich ebenfalls unglaublich schwer blockieren.

Selbst in Ländern wie Iran oder Russland, in denen Telegram offiziell verboten ist, gibt es mit Apps wie Psiphon und VPN-Servern die Möglichkeit, mit Telegram die meisten Firewalls zu umgehen und die App trotz Verbot zu nutzen. Das schaffen wenige andere Messenger.

Darüber hinaus bietet Telegram einige Sicherheitsfunktionen, die für Gegner von gewalttätigen Regimes elementar wichtig sind. Man kann Chatverläufe schnell und unkompliziert löschen. Sollten beispielsweise Demonstranten verhaftet und ihre Smartphones beschlagnahmt werden, ist es einfach, belastende Informationen zu löschen.

In den Chatgruppen wiederum werden die Telefonnummern der Mitglieder geblockt – anders als etwa bei WhatsApp. So ist es fast unmöglich einzelne Nutzer zu identifizieren. Die Chatgruppen wiederum sind ein weiterer Grund, warum so viele Regime-Kritiker Telegram wählen.

Die Chatgruppen können sehr viele Nutzer sehr übersichtlich miteinander verbinden. Große Gruppen können so schnell informiert und mobilisiert werden – etwa zu Protestmärschen.

Doch – und hier beginnt die Telegram-Kritik – genau so wie Regimekritiker die App nutzen, um der Strafverfolgung zu entgehen, genauso nutzen sie auch Kriminelle und Terroristen.

Telegram-Kritik: Propagandakanal für Extremisten?

In Großbritannien beispielsweise ist Telegram die App der Wahl für Drogendealer. In Indien wird illegal Musik über die App vertrieben. Und auch die Terrororganisation „Islamischer Staat“ nutzt bekanntermaßen überwiegend Telegram.

Auch in Deutschland schätzen Kriminelle die Anonymität von Telegram. Das Magazin „Vice“ hat Telegram deshalb als „Darknet-Alternative“ bezeichnet.

In Corona-Zeiten kommen nun weitere Vorwürfe hinzu. Die größte Telegram-Kritik dreht sich um die Chatgruppen. Denn so wie sich Demonstranten für Friedensbewegungen in den Gruppen organisieren, finden sich in Deutschland Rechtsextreme, Verschwörungstheoretiker und Corona-Leugner in Telegram-Gruppen.

Über solche Gruppen organisieren die Nutzer dann auch Groß-Demonstrationen wie die „Hygiene-Demo“. Es ist somit nicht überraschend, dass Schlagersänger Michael Wendler nach seinem Corona-Skandal seine Fans dazu einlud, ihm auf Telegram zu folgen.

Denn Nutzer können nahezu ungestört ihre Meinung in den Telegram-Gruppen austauschen, egal wie extrem oder absurd oder auch gefährlich diese sein mag. Anders als auf Social-Media-Kanälen wie Facebook oder Twitter gibt es hier auch keinen äußeren Faktencheck oder das Löschen von Hassbotschaften.

Das liegt vor allem an der Einstellung der Telegram-Gründer.

Telegram-Kritik richtet sich auch an dubiose Gründer

Hinter dem Messenger-Dienst stecken die russischen Brüder Nikolai und Pawel Durov. Insbesondere Pawel Durov ist für seine exzentrische Persönlichkeit bekannt. Man könnte ihn als russische Kreuzung zwischen Mark Zuckerberg und Elon Musk bezeichnen.

Als Student startete er, ähnlich wie Zuckerberg, die mittlerweile sehr erfolgreiche Kommunikationsplattform VKontakte. Er selbst ist vom Film „Die Matrix“ besessen und sieht sich, ähnlich wie der Protagonist Neo, als ein Programmierer mit einer gesellschaftlichen Mission.

Wie The Guardian berichtet, lebt Durov sehr zurückgezogen. Genau genommen ziehen er und sein Team von Land zu Land und sind schwer auffindbar. Es stehen deshalb auch Vorwürfe zu dubiosen Geschäftspraktiken im Raum.

Interviews gibt Durov nur selten, weil die meisten Journalisten nicht seinen hohen Standards entsprechen würden.

Hin und wieder macht er dann mit medienwirksamen Aktionen von sich reden. So warf er beispielsweise einmal 5.000 Rubel-Banknoten (etwa: 55 Euro) aus einem Fenster, nur um sich darüber lustig zu machen, wie die Menschen auf der Straße diese aufsammelten.

Er hat auch kein Problem damit, Autoritätspersonen wie etwa Russlands Präsident Vladimir Putin, den virtuellen Stinkefinger zu zeigen. Als die russische Regierung ihn dazu aufforderte Oppositionsgruppen auf Telegram zu löschen, postete Durov ein Foto mit einem Hund in einem Kapuzenpulli auf Twitter. „Das ist meine offizielle Antwort für die Sicherheitsdienste“, schrieb er dazu.

Genauso strikt weigern sich die Durov-Brüder aber auch extremistische oder illegale Inhalte auf Telegram zu löschen oder zu zensieren. Und daran stören sich wiederum verschiedene Regierungen und Sicherheitsbehörden.

Regierungen wünschen sich in dieser Hinsicht nämlich mehr Kooperation zur Bekämpfung von Straftaten und zur Auffindung Krimineller und Terroristen.

Bislang haben sich die Telegram-Gründer geweigert mit Regierungen zusammenzuarbeiten. Es gab aber jüngst eine Kooperation mit Europol, um zahlreiche Bot-Kanäle des IS auf Telegram lahmzulegen.

Ist Telegram-Kritik berechtigt?

Die Telegram-Kritik lässt sich nachvollziehen. Schließlich fördern die privaten Chatkanäle der App die Bildung von Filterblasen und Echokammern, in denen Meinungen von Andersdenkenden nicht mehr durchdringen.

Insbesondere im Kontext von Verschwörungstheoretikern ist dies gefährlich, da sich Menschen so schnell radikalisieren können.

Daher stellt sich die durchaus berechtigte Frage, inwiefern nicht auch die Telegram-Gründer in der gesellschaftlichen Verantwortung für ihre Plattform und darauf verbreitete Inhalte stehen.

Dafür spricht auch die massive Ausbreitung der App. 2015 zählte Telegram noch 60 Millionen Nutzer weltweit. Im April 2020 waren es mehr als 400 Millionen. Angeblich kommen 1,5 Millionen neue Nutzer pro Tag hinzu.

Dennoch ist es auch problematisch, Telegram-Gruppen zu löschen oder die App zu verbieten.

Insbesondere in einer Demokratie muss Meinungsfreiheit geschützt werden. Eine gesunde Demokratie sollte eigentlich auch extreme Meinungsunterschiede aushalten können und freie Räume zur unzensierten Diskussion bieten. Genau das unterscheidet eine Demokratie schließlich von einem autoritären Regime.

Gleichzeitig würden die radikalisierten Telegram-Nutzer eine solche Aktion auch als Bestätigung ihrer Verschwörungstheorien sehen.

Experten halten es daher für sinnvoller, Nutzern alternative Kanäle auf Telegram anzubieten, wie es etwa das Bundesgesundheitsministerium getan hat. Davon gibt es bislang aber noch sehr wenige.

Denn das Problem ist nicht zwingend Telegram selbst, sondern vielmehr die isolierte Debatte der Nutzer. Wichtig wäre daher, mit den Nutzern offen und öffentlich zu diskutieren und ihnen dabei auch auf Augenhöhe zu begegnen, um so wieder einen Dialog zu starten.

Denn andernfalls ziehen sich diese Nutzer nur weiter zurück und suchen sich notfalls neue Alternativen zu Telegram.

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin mit einer Leidenschaft für alles, was mobil ist. Sie selbst pendelt regelmäßig vorwiegend zwischen Europa, Südamerika und den USA hin und her und berichtet über Mobilitäts- und Technologietrends aus der ganzen Welt. Seit 2016 ist sie Chefredakteurin von Mobility Mag.

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