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Kapitol-Krawalle: Facebook erklärt Notstand, Twitter sperrt Trumps Konto

Kapitol, USA, Washington DC, Parlament
So reagierten Facebook & Co. auf Livevideos von den Kapitol-Krawallen. (Foto: Unsplash.com / Louis Velazquez)
geschrieben von Marinela Potor

Während am gestrigen Mittwoch das US-Kapitol durch einen Angriff von gewaltbereiten Trump-Anhängern mehrere Stunden lang in den Ausnahmezustand versetzt worden war, versuchten einige Streamer mit den Krawallen Geld zu verdienen. So reagierten Facebook, YouTube und Twitch auf die Live-Videos. 

Eine wütende und gewaltbereite Meute stürmte am gestrigen Mittwoch das US-Kapitol und sorgte stundenlang für Chaos. In dem Parlamentsgebäude der USA hatte gerade die Auswertung der Stimmen aus dem Wahlkollegium begonnen, um Joe Biden als neuen US-Präsidenten zu bestätigen.

Während der Mob das Kapitol stürmte, konnte man die Ereignisse per Livestream auf zahlreichen Social-Media-Kanälen in Echtzeit mitverfolgen. Für Facebook, YouTube & Co. bedeutete das gleichzeitig: Sie mussten ebenfalls in Echtzeit entscheiden, ob, wie und in welcher Form sie diese Livestreams zulassen wollten.


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Livestreams rufen zu Gewalt auf

Die Livestreams zeigten die Geschehnisse meist aus der Perspektive der Randalierer und ließen sich über Stichworte wie „Stop the Steal“ leicht finden.

Der Ausdruck bezieht sich auf die fehlerhafte Annahme, dass Joe Biden und die Demokratische Partei in den USA die Wahlen von Präsident Donald Trump „gestohlen“ haben sollen. Eine Annahme, die zwar nicht haltbar ist, aber von Trump mehrfach wiederholt wurde und wohl auch zu den Krawallen im Kapitol geführt hat.

Die Streamer übertrugen die Ereignisse am Kapitol aber nicht nur. Die meisten von ihnen wollten ihre Videos mit Bitten um Spenden und Hinweisen zu Crowdfunding-Seiten oder PayPal-Konten monetarisieren.

In den Kommentarspalten unter den Videos ging es zwischenzeitlich heiß her und es wurde teilweise auch zu weiterer Gewalt aufgerufen.

YouTube ändert Algorithmus für Kapitol-Videos

YouTube bemühte sich entsprechend, so schnell wie möglich stattdessen Videos von seriösen Nachrichtenquellen oben im Feed zu platzieren. Die Plattform änderte angeblich auch ihren Algorithmus, damit man unter einschlägigen Suchbegriffen nicht mehr die Videos der Randalierer finden konnte.

Das hat aber nur mäßig funktioniert. Eine sehr einfache Suche von BASIC thinking hat gezeigt, dass man immer noch sehr schnell zu den einschlägigen Livestreams gelangt.

Solange YouTube die Videos in einem Nachrichtenkontext einordnet, dürfen diese Nutzer auch weiterhin live streamen. YouTube hat aber die Kommentare gelöscht und die Kommentarfunktion unter diesen Videos abgestellt.

Stattdessen findet sich nun ein Hinweis darauf, dass das Wahlkollegium Joe Biden als nächsten US-Präsidenten bestätigt hat.

YouTube, Kapitol, USA

YouTube hat die Livestream-Videos mit Warnkommentaren versehen. (Foto: Screenshot / YouTube)

Gleichzeitig arbeite man mit einem Team von Moderatoren daran die Monetarisierung einzustellen, da laut YouTube-AGB die Monetarisierung von Videos, die Gewalt verherrlichen oder dazu aufrufen, verboten ist.

Twitch: Nur Berichte aus der Ferne

Auch auf Twitch waren Live-Videos zu den Kapitol-Ereignissen sehr schnell sehr populär. Auf dieser Plattform gab es aber kaum Livestreams direkt vom Ort des Geschehens. Das berichtet das Magazin The Verge. Die meisten Nutzer kommentierten die Ereignisse von Zuhause, während sie sich dabei auf Videos von Nachrichtensendern wie CNN bezogen.

Einige wenige Twitcher waren zwar vor Ort, berichteten aber aus der Ferne und zeigten sich eher erstaunt und erschüttert.

Es mag aber durchaus auch andere Liveberichte auf Twitch gegeben haben. Diese lassen sich aber schwerer finden, weil man hier Videos nicht über Schlüsselbegriffe oder Hashtags findet, sondern nach Kategorien.

Sollten sich hier nachträglich problematische Videos finden, kann man aber davon ausgehen, dass die Plattform diese umgehend entfernen wird, so wie sie es in der Vergangenheit auch getan hat. So war zeitweilig auf Twitch auch der Account von Donald Trump gesperrt.

Facebook erklärt den Notfall

Sehr viel einfacher war es zunächst auf Instagram und Facebook Videos zu den Ereignissen zu finden. Auch hier waren viele Livestreamer darauf aus, Gewalt und Aggressionen weiter zu schüren.

Instagram sperrte aber irgendwann bei einschlägigen Hashtags wie #StopTheSteal die Anzeige von neuen Posts. Nutzer können jetzt nur noch die Top-Posts sehen.

Facebook zeigte die Livestreams relativ unverblümt, begann aber auch hier die Videos zu löschen oder schwerer auffindbar zu machen, als sich die Randalierer ins Kapitol gekämpft hatten.

Gleichzeitig musste Facebook auch entscheiden, wie man mit einem neuen Video von Donald Trump umgehen wollte, das dieser am Mittwoch gegen 16 Uhr Washington-Zeit postete. Darin forderte er die Protestler zwar auf, nach Hause zu gehen, sagte dann aber auch wieder, dass man die Wahlen von ihm „gestohlen“ habe.

Facebook versuchte zunächst das Video mit verschiedenen Warnungen zu versehen, löschte es aber schließlich und erklärte den Notfall.

Auch Twitter sperrte zunächst die Kommentarfunktion unter dem Video und die Möglichkeit zum Retweet. Mittlerweile hat aber auch Twitter das Video heruntergenommen. Auch YouTube löschte das Video relativ zügig und auch einige weitere Tweets von Donald Trump.

Daraufhin erklärte die Sicherheitsabteilung von Twitter, dass das Konto von Trump zwölf Stunden lang gesperrt werde, bis Trump die Tweets selbst entferne. Andernfalls bleibe das Konto weiterhin gesperrt. Als Grund gibt Twitter „grobe Verletzung unserer zivilen Integritätsstands“ an.

Offenbar waren sich hier alle Social-Media-Plattformen einig, dass das Video und die Posts von Trump eher zur Gewalt anstifteten als sie die Gemüter beschwichtigten.

Plattformen brauchen klare Regeln

Der Kapitol-Fall ist sicher ein extremes Ereignis. Doch der Fall zeigt auch, dass solche Situationen wahrscheinlich öfter geschehen können als man erwartet und oftmals aus dem Nichts heraus entstehen – häufig noch weiter angetrieben durch Social Media.

Dann müssen die Plattformen aber sehr schnell reagieren können. Entsprechend müssen die Plattformen vorab klare Vorgehensweisen für sich und die Moderatorenteams festlegen, damit sie in solchen Ausnahmefällen schnell und entschlossen eingreifen können.

Andernfalls besteht die Gefahr, dass die Situationen, angestiftet durch die sozialen Medien, dann auch im echten Leben eskalieren.

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin mit einer Leidenschaft für alles, was mobil ist. Sie selbst pendelt regelmäßig vorwiegend zwischen Europa, Südamerika und den USA hin und her und berichtet über Mobilitäts- und Technologietrends aus der ganzen Welt. Seit 2016 ist sie Chefredakteurin von Mobility Mag.

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