In München soll sich die größte Finanzierungsrunde in Deutschland bereits an der Front befinden. Um 1,2 Milliarden US-Dollar soll es gehen. Unicorn? Eigentlich bräuchte es einen neuen Begriff, weil die Firmenbewertung auf ein Rekordhoch steigen würde, das weit mehr als nur ein Investment-Highlight im Start-up-Kontext wäre. Denn Helsing entwickelt Künstliche Intelligenz für militärische Anwendungen. Das passt zur Weltlage. Eine kommentierende Analyse.
Wer steckt hinter Helsing – und wer investiert?
- Das KI- und Rüstungsunternehmen Helsing wurde 2021 in München gegründet – von Gundbert Scherf, der als früherer Partner bei McKinsey & Company die Bereiche Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung betreut hat, vom prämierten KI-Experten Niklas Köhler und von Torsten Reil, unter anderem als Tech- und Biotech-Investor sowie als Mitglied des Innovation Board der Münchener Sicherheitskonferenz aktiv.
- Laut Helsing ist Verteidigung zu einer Software-Herausforderung geworden. Genau hier will das software-native Unternehmen mit möglichst innovativen Architekturen und fortschrittlichen KI-Algorithmen für die Rüstungsbranche ansetzen. Dafür arbeitet es mit Streitkräften, Regierungen und industriellen Partnern zusammen. Und mit Investoren wie Spotify-CEO Daniel Ek.
- Wie die Financial Times zuerst berichtete (€), verhandelt Helsing über eine Finanzierungsrunde in Höhe von 1,2 Milliarden US-Dollar. Schon jetzt gehört Helsing zu den wertvollsten Start-ups in Deutschland. Kommt der neue Deal zustande, würde das Unternehmen bei einer Bewertung von 18 Milliarden US-Dollar in ganz neue Sphären aufsteigen. Federführend sei die Dragoneer Investment Group aus Kalifornien, die unter anderem in OpenAI und Uber investiert. Zudem soll erneut die Risikokapitalgesellschaft Lightspeed Venture Partners beteiligt sein.
Was Helsings Kampfdrohnen-Ästhetik über die Branche verrät
Wer die Unternehmenswebsite von Helsing aufruft, fühlt sich wie im Kino. Der überdimensionierte Header wirkt wie ein Trailer zu einem Actionfilm – modern, gut produziert, dynamisch. „Zum Schutz unserer Demokratien“, heißt es in großen Lettern. Doch die Bilder vermitteln wenig Schutz, auch aus nicht pazifistischem Blickwinkel. Was wir sehen: fliegende Kampfdrohnen, intelligente Unterwassergleiter, einen stilvoll inszenierten autonomen Kampfjet.
K(r)I(eg). Geschäfte lassen sich am besten mit dem machen, was aktuell ist. Künstliche Intelligenz ist omnipräsent – kein Thema der Stunde, sondern der Allgegenwart. KI ist überall, in Serviceagents, bei der heimischen Therapiestunde ohne Approbation, als Symbol für unternehmerische Heuchlerei in einem vielzitierten Artikel, in Personalgesprächen und eben in Military Tech.
Letzteres spiegelt die Brücke zwischen technologischer Entwicklung und gegenwärtigem Weltgeschehen mit am deutlichsten wider: der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, der von Trump initiierte Iran-Krieg, der Konflikt zwischen Israel und den palästinensischen Gruppen, der verheerende Bürgerkrieg im Sudan … logisch, dass der Verteidigungssektor für Investoren immer reizvoller wird.
Derzeit arbeitet Helsing am ersten unbemannten Kampfjet (CA-1) für den europäischen Luftraum. Das Geld käme demnach zur richtigen Zeit; zumal Airbus und Rheinmetall als Konkurrenten gelten. Allerdings bahnt sich ein Kurswechsel an. Zuletzt sprach Co-CEO Torsten Reil noch von „europäischer Souveränität“. Nach der Finanzrunde über 600 Millionen Euro im Juni 2025 waren auch noch 80 Prozent der Helsing-Anteile in europäischen Händen, heißt es. Das dürfte sich ändern, sollte die aktuelle Runde unter der Leitung von US-Investor Dragoneer erfolgreich sein.
Stimmen
- Im Rahmen der Finanzierungsrunde im Juni 2025 hat Spotify-Chef Daniel Ek, der 2021 mit seiner Investmentgesellschaft Prima Materia bei Helsing eingestiegen ist, die Entwicklungen in der technologischen Kriegsführung befürwortet in einem Statement zur europäischen Souveränität: „Europa stärkt seine Verteidigungskapazitäten als Reaktion auf die sich ändernden geopolitischen Herausforderungen rasch. Damit besteht ein dringender Bedarf an Investitionen in fortschrittliche Technologien, die die strategische Autonomie und Sicherheitsbereitschaft gewährleisten.“ Der investorgetriebene Tunnelblick skizziert eine Situation, die sich global noch mal verschärft hat.
- In einem Artikel der WirtschaftsWoche über Kritik an Helsing wird Oleksandr Yarmak, Stabsfeldwebel einer auf Drohnen spezialisierten Abteilung der ukrainischen Armee, hinsichtlich des Preis-Leistungs-Verhältnisses der in der Ukraine eingesetzten Helsing-Drohne HF-1 (inzwischen durch HX-2 ersetzt) zitiert: „Wir reden hier über ein Produkt, das aus billigen Komponenten besteht und als Spitzentechnologie vermarktet wird. […] Ich bezweifle, dass ein einziger Spezialist auf dem Schlachtfeld dieses Produkt zu diesem Preis verteidigen würde.“ Die Drohne kostete rund 16.700 Euro, sei der Einschätzung von Yarmak nach aber „höchstens 100.000 Griwna (2.200 Euro) wert.“
- Jens Hälterlein, Technik- und Wissenschaftsforscher an der Universität Paderborn, gegenüber netzpolitik.org zum Umgang mit KI-Kriegstechnologie: „Was aus meiner Perspektive definitiv keine ausreichende Lösung darstellt, ist die Ethik. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Militärstrategien – vor allem westlicher Staaten –, die ein freiwilliges Bekenntnis zum Leitbild eines verantwortungsvollen, erklärbaren und verlässlichen Einsatzes von KI vorsehen. Es ist aber weiterhin unklar, wie die ethischen Prinzipien im Kontext von LAWS eingehalten sowie umgesetzt und kontrolliert werden können. Vor allem aber sollte Ethik nicht an die Stelle des Rechts treten.“
Hält Helsings Ethik-Versprechen dem US-Geld stand?
Weder Helsing noch Dragoneer oder Lightspeed haben sich bislang zu der Finanzierung über 1,2 Milliarden Dollar geäußert. Das ist bei Geschäften dieser Größenordnung nicht überraschend. Die Financial Times beruft sich indes auf Personen, die mit der Angelegenheit vertraut sind, und spricht von weit fortgeschrittenen Verhandlungen. Es ist anzunehmen, dass offizielle Stellungnahmen nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen.
Dreht man den moralischen Kompass um, muss man einsehen, dass der Zeitpunkt für private Investitionen in militärische KI-Systeme optimal ist. Allein aufgrund des anhaltenden Krieges in der Ukraine werden EU-Regierungen ihre Militärausgaben vermutlich weiter erhöhen. Die Bundeswehr hat schon Drohnen von Helsing erworben – erneute Käufe von HX-2-Drohnen im Gesamtwert von bis zu 1,46 Milliarden Euro sollen bereits feststehen.
So oder so wird Helsing die Debatte um die Militarisierung von KI weiter anheizen. Zumal der unternehmensinterne EU-Fokus interkontinental aufzuweichen droht, was angesichts der militärischen Motivation von US-Präsident Donald Trump einen besonders bitteren Beigeschmack hat. Andererseits sei es Helsing wichtig, mit wem sie zusammenarbeiten und welche ethischen Leitlinien gelten sollen, denn man wolle „ethische Überzeugungen in den Mittelpunkt der Entwicklung von Verteidigungstechnologie stellen“.
Hier kommt die Aussage von Jens Hälterlein ins Spiel. Und ja, im hiesigen Zusammenhang erscheint seine Kritik durchaus stimmig. Denn bestimmte Sätze auf der Helsing-Website lesen sich wie ein Hintertürchen: „Einige Entscheidungen sind dabei komplexer als andere – wie nahezu überall helfen mehr Kontext und Informationen“.
Helsing will die eigenen demokratischen Grundwerte strikt einhalten. Das ist prinzipiell löblich. Allerdings zeigt das ChatGPT-Beispiel aus der Zusammenarbeit von OpenAI mit dem US-Militär, wie schnell die Techbranche schwach werden kann – natürlich gilt das auch für andere Industrien, wenn Geld und Macht im Spiel sind. Deshalb wird die nahe Zukunft zeigen, wie sich das Ethik-Versprechen von Helsing beispielsweise mit scheindemokratischen Ländern wie der USA unter der Trump-Führung verträgt.
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