Wer im Altbau, Büro oder Klassenzimmer schwitzt, kennt das Dilemma: Split-Klimaanlagen brauchen ein Außengerät, während mobile Geräte mit Schlauch relativ ineffizient sind. Das Wiener Start-up so.cool will beides überflüssig machen – mit einer Plug-and-Play-Klimaanlage, die Wärme im Gerät speichert statt sie nach außen zu leiten. Ob die Technologie hält, was sie verspricht und wo die Risiken liegen, zeigt unser Start-up-Check.
Start-ups: Das klingt nach Erfindergeist, Zukunftstechnologien, neuen Märkten. Doch in der Realität erweisen sich viele der Neugründungen leider oft als eine Mischung aus einer E-Commerce-Idee, planlosen Gründern und wackeligen Zukunftsaussichten.
Dabei gibt es sie durchaus: die Vordenker, die an den großen Problemen tüfteln und Geschäftsmodelle revolutionieren. Sie zu finden und vorzustellen, ist die Aufgabe des Formats „Start-up-Check“. Heute: so.cool, ein DeepTech-Start-up aus dem Bereich Klimatechnik.
Was steckt hinter so.cool?
- Branche: CleanTech / DeepTech / Gebäudetechnik
- Gründer: Philippe Schmit
- Gründungsjahr: erster Prototyp 2024, Launch 2026 geplant
- Geschäftsmodell: Entwicklung einer installationsfreien Plug-and-Play-Klimaanlage ohne Außengerät
- Ziel: Energieeffiziente Kühlung für Büros, Gemeinden und öffentliche Einrichtungen ohne aufwendige Installation
Wer im Dachgeschoss wohnt oder gewohnt hat, weiß wovon die Rede ist: An heißen Sommertagen kann sich die Hitze in Altbauwohnungen, aber auch in Büros oder Schulen regelrecht stauen. Die Nachrüstung mit Klimaanlagen ist jedoch oft teuer und mit komplexen Installationen verbunden.
Split-Klimaanlagen benötigen Außengeräte an der Fassade, die in Altbauten, Mietwohnungen oder denkmalgeschützten Gebäuden häufig nicht genehmigt werden. Mobile Monoblock-Klimaanlagen mit Abluftschlauch sind zwar flexibel, aber ineffizient – der Abluftschlauch lässt warme Luft von außen nachströmen und macht den Kühleffekt zunichte.
Das Wiener Start-up so.cool – vormals Social Cooling – will dieses Problem mit einer Technologie lösen, die nach eigenen Angaben weltweit einzigartig ist: Eine Klimaanlage, die ohne Außengerät und ohne Abluftschlauch funktioniert. Statt die Wärme nach außen zu leiten, wird sie im Gerät selbst gespeichert.
Von der überfluteten Wohnung zur TV-Show
Hinter so.cool steht Philippe Schmit, ein gebürtiger Luxemburger und dreifacher Jus-Absolvent, der eigentlich eine Karriere als Rechtsanwalt einschlagen wollte. Die Idee für das Start-up entstand aus persönlicher Not: „Ich schwitze schon ab 15 Grad“, erzählt Schmit im Interview mit brutkasten. In seiner Wiener Altbauwohnung kämpfte er mit hohen Temperaturen, konnte sich als Student aber keine herkömmliche Klimaanlage leisten.
Was als verzweifelte Suche nach Abkühlung begann, entwickelte sich zu einer technischen Vision. Schmit experimentierte mit verschiedenen Kühlmethoden, flutete dabei auch mal seine Wohnung. Zwei Jahre später war aus der vagen Vorstellung ein konkretes Produkt entstanden: TerraBreeze – eine Plug-and-Play-Klimaanlage.
Im Frühjahr 2026 präsentierte Schmit seine Technologie in der österreichischen Start-up-Show „2 Minuten 2 Millionen“ – mit Erfolg. Die Investoren Mathias Muther und Alexander Schütz signalisierten Interesse, die Verhandlungen laufen derzeit noch.
So funktioniert die Klimaanlage ohne Außengerät und ohne Schlauch
Der entscheidende Unterschied zu herkömmlichen Klimaanlagen liegt in der Funktionsweise von so.cool: Die Wärme wird mithilfe von Phasenwechselmaterialien (Phase Change Materials) im Gerät gespeichert.
Die Technologie kombiniert evaporative Kühlung, eine uralte Methode, mit moderner Technik. Herzstück sind Terrakotta-Rohre, die als Wärmetauscher fungieren. Durch indirekte Verdunstungskühlung wird die Wärme schnell aus der Luft entzogen, ohne dass dabei Feuchtigkeit in den Raum gepumpt wird.
Die gespeicherte Wärme wird dann gezielt wieder abgegeben: nachts, wenn niemand im Büro ist. Zwei Stunden „Downtime“ pro Tag sollen laut Unternehmensangaben ausreichen, um das System vollständig zu entladen.
Durch diesen Ansatz verspricht so.cool rund 40 Prozent weniger Stromverbrauch als herkömmliche 12.000-BTU-Multisplit-Systeme. Das System ist für Räume bis zu 50 Quadratmeter ausgelegt und verfügt zusätzlich über integrierte Luftreinigung sowie Be- und Entfeuchtungsfunktionen.
Die aktuelle Generation hat eine 5 kW Kühlleistung. KI-gesteuerte Sensoren überwachen kontinuierlich Raumtemperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftqualität und passen die Kühlleistung dynamisch an.
Patent erteilt: Wie gut ist die Technologie abgesichert?
Die Technologie ist rechtlich bereits abgesichert: Ein Patent wurde erteilt, für ein weiteres liegt eine positive Beurteilung der Patentierbarkeit durch die FFG (Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft) vor. Zusätzlich wurden Patente in Österreich und Luxemburg registriert.
Einen wichtigen Meilenstein stellte ein technisches Gutachten des Wiener Institute of Building Research & Innovation (IBR&I) dar. In einem Dossier bestätigte das Institut die technische Plausibilität des Ansatzes.
Wie weit ist so.cool vom fertigen Produkt entfernt?
Der aktuelle Prototyp hat noch die Größe eines Schranks, die finale Version soll jedoch um 30 bis 40 Prozent kompakter werden. Bei der Eröffnung des neuen Standorts im Technologiezentrum Seestadt Wien im März 2026 wurde die neueste Generation präsentiert
Der Umzug ins TZ3 markiert für so.cool einen entscheidenden Entwicklungsschritt. Das interdisziplinäre Team besteht inzwischen aus Gründer Philippe Schmit, Mitgründer und Physiker Ben Assa, dem Universitätsprofessor und Thermodynamik-Experten Alireza Eslamian sowie Simulationsexperte Alireza Jafarinia.
400.000 Euro Pre-Seed: Reicht das für die Serienproduktion?
so.cool hat ein Pre-Seed-Investment von 400.000 Euro erhalten. Die Entwicklung zusätzlich durch Förderungen unterstützt. Mit 1. April 2026 startete so.cool offiziell in eine neue Fundraising-Runde, um die Produktion rasch anlaufen zu lassen und weitere Entwicklungswege zu finanzieren.
Das Geschäftsmodell zielt klar auf den B2B-Bereich ab. Die Terra-Breeze-Klimaanlagen werden zunächst im Direktvertrieb angeboten, später sollen B2B-Vertriebspartner für eine breitere Marktdurchdringung hinzukommen. Erste Pilotprojekte laufen bereits – unter anderem mit der Rewe Group in Köln, der Stadt Wien, der Energie Steiermark sowie zwei Gemeinden in Luxemburg.
Der Preis soll für Erstbesteller bei 3.000 Euro liegen. Später werde der Preis voraussichtlich auf 3.800 bis 3.900 Euro steigen, jedoch in der Hoffnung, dass Skaleneffekte den Preis mittelfristig wieder senken.
Kann so.cool gegen etablierte Klimatechnik bestehen?
Mit der gezielten Ausrichtung auf Büros und öffentliche Einrichtungen wählt so.cool einen lukrativen, aber auch anspruchsvollen Markt. Der Vertrieb von Gebäudetechnik im B2B-Sektor erfordert oft lange Verkaufszyklen und eine hohe Überzeugungskraft gegenüber Facility-Managern und Entscheidungsträgern.
Das Kernproblem, das so.cool adressiert, ist real: Klimaanlagen sind für einen massiven Teil des weltweiten Energieverbrauchs in Gebäuden verantwortlich. Gleichzeitig ist die Nachrüstung in bestehenden Büros und Gewerbeflächen oft mit teuren und komplexen Installationen von Außeneinheiten verbunden.
Entscheidend wird sein, ob so.cool die technischen Herausforderungen meistern kann – insbesondere die Kompaktierung des Geräts und die Massenproduktion. Die geplanten 2.000 verkauften Geräte bis Ende 2026 sind ambitioniert für ein Hardware-Start-up. Verzögerungen bei der Markteinführung deuten darauf hin, dass der Weg von der Technologie zur marktreifen Hardware steiniger ist als erhofft.
Gelingt es dem Wiener Start-up, die Produktion hochzufahren und die ersten Großkunden zu überzeugen, könnte so.cool zu einer ernsthaften Alternative in einem Markt werden, der dringend energieeffiziente Lösungen braucht. Der Beweis, dass DeepTech-Innovation auch im Bereich Gebäudetechnik ohne US-Skalierung funktioniert, steht allerdings noch aus.
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