KI macht Unternehmen produktiver – doch statt kürzerer Arbeitszeiten drohen vielen Menschen Entlassungen. Dabei zeigen Studien und selbst KI-Pionier OpenAI: Eine 32-Stunden-Woche bei vollem Gehalt ist realistisch, ohne dass Umsatz oder Leistung sinken. Warum der technologische Fortschritt diesmal tatsächlich zu mehr Freizeit führen könnte – und was dagegen spricht. Eine kommentierende Analyse.
Warum die wirtschaftliche Flaute KI als Hebel für den Jobabbau begünstigt
- Das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland ist laut Bundeswirtschaftsministerium im Jahr 2025 im Vergleich zum Vorjahr gerade einmal um mickrige 0,2 Prozent gestiegen – und das trotz angekündigter Milliarden-Investitionen in Infrastrukturprojekte. Und schon im April 2026 wurde aufgrund der Energiekrise im Iran die Prognose für das laufende Jahr von 1,3 Prozent auf nur noch 0,6 Prozent Wachstum reduziert.
- Gleichzeitig haben die Technologie-Konzerne seit 2022 den Management-Abteilungen ein mächtiges Teufelswerkzeug an die Hand gegeben: Künstliche Intelligenz. Die Rechnung ist ganz einfach: Wenn es der Wirtschaft nicht gelingt, mehr Absatz zu erzielen, müssen bestehende Prozesse (und vorhandene Menschen) verbessert oder eliminiert werden. In diesem Kontext ist es kein Wunder, dass immer mehr Konzerne KI einsetzen, um ihre Mitarbeiter zu überwachen, Prozesse zu verstehen und letztendlich Menschen durch KI zu ersetzen. Meta macht’s vor.
- In diesem Kontext wird das Jevons-Paradoxon relevant. Der britische Wissenschaftler William Stanley Jevons hatte schon 1865 festgestellt, dass effizientere Prozesse nicht zu einer sinkenden Produktion führen, sondern paradoxerweise die benötigten Ressourcen sogar steigen. Mit Blick auf KI kann das bedeuten: KI kann leichter Texte und Zusammenfassungen erstellen. Doch statt mehr Zeit zu haben, ertrinken wir in einer Flut aus KI-Inhalten.
OpenAI fordert 32-Stunden-Woche
Letztendlich wirkt das Jevons-Paradoxon auf drei Ebenen mit Blick auf die KI. Erstens: KI sorgt für mehr Energieeffizienz. Chips werden leistungsfähiger, kleiner und verbrauchen weniger Strom. Gerade deshalb werden mehr Chips produziert und der Energiebedarf steigt, weil selbst die Zahnbürste smart wird und E-Mail-Antworten schon vorformuliert sind.
Zweitens: Wir sind schneller mit der Arbeit fertig, weil KI viel schneller Texte zusammenfassen oder Präsentationen erstellen kann. Tatsächlich arbeiten wir genauso viel, weil wir mehr sinnlose Inhalte erstellen. Drittens: KI reduziert den Programmieraufwand, weil das Code-Schreiben leichter wird. Anstatt schlankerer Software bauen Ingenieure die Software aus, weil Code billiger und schneller kreiert werden kann.
Insbesondere der zweite Aspekt rückt derzeit in den Vordergrund von Gewerkschaften und Unternehmen. Die Firmen versuchen auf der einen Seite, Prozesse zu verschlanken und effizienter zu werden. Überall wird von Massenentlassungen und Jobkillern gesprochen. Auf der anderen Seite gibt es erstmals seit der industriellen Revolution die Chance, den Menschen zu entlasten: An immer mehr Stellen wird der Ruf nach einer 32-Stunden-Woche bei gleicher Lohnfortzahlung laut – sogar von KI-Pionier OpenAI kommt diese Forderung.
Stimmen
- Als Firma hinter ChatGPT ist OpenAI für viele Menschen, die um ihren Job bangen, ein Bösewicht. Stattdessen setzt sich die KI-Firma für mehr Lebensqualität ein. In einem Paper stellen sie Ideen vor, um Menschen an erster Stelle zu lassen. Sie fordern: „Schaffen Sie Anreize für Arbeitgeber und Gewerkschaften, zeitlich befristete Pilotprojekte für eine 32-Stunden-Woche bzw. eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich durchzuführen, bei denen die Produktionsleistung und das Serviceniveau konstant bleiben. Die dadurch gewonnenen Stunden sollen anschließend in eine dauerhafte Arbeitszeitverkürzung, in ansparbares bezahltes Zeitguthaben oder in beides umgewandelt werden“.
- Julia Backmann leitet den Lehrstuhl für Transformation der Arbeitswelt an der Universität Münster und hat schon im Jahr 2024 eine groß angelegte Studie zur Vier-Tage-Woche durchgeführt. Die Ergebnisse sind beeindruckend: „Finanzielle Leistungskennzahlen wie Umsatz und Gewinn weisen im Vergleich zum Vorjahr keine signifikanten Unterschiede auf. Die Tatsache jedoch, dass diese Kennzahlen stabil bleiben, während die Arbeitsstunden deutlich reduziert wurden, lässt darauf schließen, dass zumindest teilweise Produktivitätssteigerungen erzielt werden konnten.“
- Rechtsanwalt und Start-up-Experte Carsten Lexa hat sich in seiner Kolumne bei BASIC thinking mit der Korrelation zwischen KI und der Wirtschaftskrise beschäftigt. Sein Fazit: „KI bedroht nicht nur einzelne Tätigkeiten, sondern vielmehr auch Rechtfertigungsmuster. Sie stellt infrage, warum bestimmte Formen von Langsamkeit und Umständlichkeit bislang als normal, professionell oder gar alternativlos galten. Und sie zwingt uns damit zu einer Frage, die weit größer ist als jede Tool-Debatte: Wofür genau wollen wir menschliche Intelligenz in Zukunft eigentlich noch verwenden? Die Antwort auf diese Frage dürfte am Ende wichtiger sein als jede moralisch aufgeladene Debatte über Fleiß. Denn der Weg aus der Wirtschaftskrise führt womöglich nicht zuerst über mehr Schweiß, sondern endlich über weniger Vergeudung.“
Die 32-Stunden-Woche kann funktionieren – aber auch mit KI?
Die Menschheit oder besser gesagt die Arbeiterschaft steht – mal wieder – vor einer historischen Entscheidung. Dabei geht es um eine altbekannte Frage: Nutzen wir den technologischen Fortschritt endlich einmal dafür, dass wir Menschen weniger arbeiten müssen und uns mehr um unser soziales Wohlbefinden kümmern können?
Dass die 32-Stunden-Woche bei gleicher Lohnfortzahlung funktioniert, belegen Institutionen wie „4 Day Week Global“ seit Jahren länder- und sektorenübergreifend. Produktion und Leistung sind an vier Tagen überdurchschnittlich und die Mitarbeiterzufriedenheit befindet sich auf einem Rekordniveau.
Die Grundlagen sind also da. KI hilft uns, effizienter zu werden und unsere Gesellschaft krankt daran, dass wir uns zu wenig um die Kinder und die Älteren kümmern können. Wieso also nicht die Arbeitszeit reduzieren und die soziale Versorgungsfalle lösen, indem weniger Arbeit zu mehr Care-Arbeit führt? Die Möglichkeit besteht. Die Frage ist: Wollen kapitalistische Manager es auch?
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