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Allianz gegen Palantir: Deutsche KI-Unternehmen verbünden sich

Fabian Peters
Bild: BASIC thinking / mit ChatGPT generiert (KI)

Die beiden deutschen KI-Unternehmen Celonis und Deepset bündeln ihre Kräfte. Zugegeben: Außerhalb der Tech-Branche dürfte es bei diesen Namen nur bei den wenigsten klingeln. Doch die vereinbarte Partnerschaft könnte es in sich haben. Denn sie soll einen europäischen Markt erschließen, der bislang dem umstrittenen Überwachungskonzern Palantir aus den USA vorbehalten war – auch wenn beide Unternehmen den Namen nicht in den Mund nehmen. Eine kommentierende Analyse.

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Bündnis gegen Palantir: Was machen Deepset und Celonis?

  • Celonis ist 2011 aus einem Forschungsprojekt der Technischen Universität München heraus entstanden. Das Unternehmen wurde im Rahmen einer Finanzierungsrunde 2022 auf einen Wert von rund 13 Milliarden US-Dollar geschätzt. Celonis ist Weltmarktführer bei der Analyse von Geschäftsabläufen, dem sogenannten Process Mining. Die Plattform wertet Daten aus verschiedenen Unternehmensprogrammen aus. Darunter: Systeme zur Auftragsabwicklung, Kundenverwaltung und Logistik. Ziel ist es, Prozesse wirtschaftlich zu optimieren. Celonis beschäftigt laut eigenen Angaben weltweit über 3.000 Mitarbeiter. Zum Kundenstamm gehören Großunternehmen wie Fujitsu, Uniper, PepsiCo und die Telekom.
  • Deepset wurde 2018 in Berlin gegründet. Das Unternehmen ist zwar etwas kleiner als Celonis, in seinem Nischenmarkt aber äußerst einflussreich. Denn: Deepset hat mit Haystack eine Open-Source-Software für Unternehmen entwickelt, damit diese KI-Komponenten in ihre Anwendungen integrieren können, um eigene Modelle zu entwickeln. Diese Software wird besonders oft für sogenannte RAG-Anwendungen genutzt. Dabei geht es darum, KI-Systeme mit eigenen Unternehmensdaten zu verbinden, damit sie nicht nur allgemeines Wissen nutzen, sondern auch gezielt Informationen aus internen Datenbanken abrufen können. Deepset zählt unter anderem Airbus und Bosch zu seinen Kunden.
  • Der umstrittene US-Konzern Palantir hat sich weltweit als dominante Datenanalyseplattform für Behörden, Sicherheitsorganisationen und kritische Infrastrukturen etabliert – auch in Deutschland und Europa. Gegründet wurde das Unternehmen von Trump-Unterstützer Peter Thiel, der nach wie vor die Strippen zieht. Palantir ist eng mit den US-Geheimdiensten verflochten und deshalb vor allem in Europa äußerst umstritten. Auch, weil die Software des Unternehmens sehr intransparent ist. Das Geschäftsmodell von Palantir beruht darauf, Abhängigkeiten zu schaffen. Denn vor allem für Ermittlungsbehörden gibt es kaum vergleichbare Alternativen.

Ein Bündnis als politisches Signal

Die Pointe des Bündnisses zwischen Celonis und Deepset liegt nicht unbedingt in der angestrebten Technologie, sondern im politischen Vakuum, das sie füllen soll. Seit Jahren wird in Deutschland etwa darüber diskutiert, wie Verwaltung, Sicherheitsbehörden und kritische Infrastrukturen digitalisiert werden können. Das Ergebnis dieser Diskussionen war aber stets ein ernüchterndes: ein Ruf nach Lösungen aus dem Ausland.

Nicht, weil Europa keine klugen Köpfe hätte, sondern weil die Fokussierung und Förderung entsprechender Plattformen auf politischer Ebene lange verpennt und verschleppt wurde. Die Folge dieses Irrwegs: Wer moderne Analysewerkzeuge braucht, landet schnell bei US-Anbietern samt einer gewissen damit verbundenen Abhängigkeit.

Mit ihrem Bündnis erschließen Celonis und Deepset genau diese Lücke. Auffällig ist dabei zwar, dass beide Unternehmen den Namen Palantir konsequent vermeiden. Doch wer von einer „integrierten, souveränen KI-Plattform“ für Behörden, Verteidigung, Cybersicherheit und kritische Infrastruktur spricht, macht ziemlich klar, gegen wen die Allianz gerichtet ist.

Das alles mag vielleicht etwas unpopulär wirken, da es nicht um schier grenzenlose Möglichkeiten in einem Chatfenster geht. Doch Ziel ist etwas viel Wichtigeres: eine digitale Infrastruktur für Bereiche, in denen Vertrauen, Kontrolle und Nachvollziehbarkeit wichtiger sind als der nächste KI-Hype.

Die Technologien von Celonis und Deepset ergänzen sich dabei erstaunlich gut. Celonis liefert den Prozesskontext, also das Wissen darüber, wie Organisationen tatsächlich funktionieren. Und Deepset steuert mit Haystack das Bindeglied zwischen Sprachmodellen, Datenquellen und Anwendungen bei. Diese Kombination verspricht eine KI-Plattform, die Entscheidungen nicht aus einem statistischen Nebel zieht, sondern auf überprüfbaren Informationen aufbaut.

Das klingt zwar weniger spektakulär als die großen Versprechen und Visionen aus dem Silicon Valley. Doch für europäische Behörden und kritische Infrastrukturen könnte genau diese Nüchternheit die eigentliche Innovation sein. Denn sie kombiniert Unabhängigkeit mit technischem Know-how und transparenten Strukturen.

Stimmen

  • Milos Rusic, CEO und Mitgründer von Deepset, in einem Statement: „Wir sind überzeugt, dass Organisationen KI-Systeme brauchen, denen sie vollständig vertrauen und die sie jederzeit kontrollieren können – insbesondere in geschäftskritischen Umgebungen. Indem wir diese offenen und regulierten KI-Agenten auf Basis von Haystack mit dem Kontextmodell von Celonis verbinden, schaffen wir eine europäische Alternative für operative KI, die transparent, auditierbar und in echtem Geschäftskontext verankert ist.“
  • Florian Schewior, Geschäftsführer bei Celonis, ergänzte: „KI-Systeme sind nur so effektiv wie der Prozesskontext, auf den sie zugreifen können. Durch die Kombination von Process Intelligence und dem Celonis Context Model mit den KI-Agenten von Deepset für regulierte Infrastrukturen können öffentliche Einrichtungen und Sicherheitsorganisationen KI-Systeme einsetzen, die nicht nur leistungsfähig sind, sondern auch auf realen Abläufen basieren, nachvollziehbar arbeiten und den Anforderungen souveräner Infrastrukturen gerecht werden.“
  • Manuel Atug, Experte für kritische IT-Infrastrukturen und Sprecher der unabhängigen Arbeitsgruppe Kritische Infrastruktur, warnte bereits Mitte 2025 vor Palantir, als es um einen Einsatz der Software bei der deutschen Polizei ging: „Unsere Strafverfolgungsbehörden machen sich damit vollkommen abhängig von einem Konzern, der ethisch schwer bedenklich agiert, wo der Investor und auch der CEO offenkundig Ideologien, und zwar auch autokratischen Ideologien, hinterherlaufen und diese auch fördern und optimieren.“

Europäische Palantir-Alternative: Nur ein Baustein von vielen

Auch wenn Celonis und Deepset den Namen vermeiden: Über ihrer Partnerschaft schwebt der Schatten von Palantir wie ein Damoklesschwert im Serverraum. Denn der US-Konzern hat sich in den vergangenen Jahren eine dominante Stellung bei Behörden, Sicherheitsorganisationen und kritischen Infrastrukturen erarbeitet. Die neue Allianz wird deshalb daran gemessen werden, ob sie mehr sein kann als eine europäische Alternative auf dem Papier.

Das Problem an Palantir ist nicht unbedingt, dass die Plattform eine US-amerikanische, sondern eine absolute Black Box ist. In Kombination mit einer kuscheligen Nähe zur Trump-Administration könnte das in einer vorprogrammierten Abhängigkeit münden, die im schlimmsten Fall als Druckmittel ausgenutzt werden kann.

Aufgrund eines Mangels an Alternativen stoßen Celonis und Deepset genau in diese Lücke. Sie wollen auf offene Komponenten, nachvollziehbare Datenflüsse und die Möglichkeit setzen, Systeme auf der Infrastruktur der Kunden zu betreiben. Das klingt vielleicht etwas lahm, ist aber ein attraktives Versprechen für Datenhoheit und Unabhängigkeit von den USA.

Allerdings muss sich die KI-Plattform von Celonis und Deepset natürlich zunächst einmal in der Praxis beweisen. Und zwar nicht nur als funktionierende und fehlerfreie Software, sondern als effiziente Alternative, die mithalten kann. Die Bedeutung des Bündnisses sollte man aber weder kleinreden noch überschätzen.

Denn die Allianz kann zu einem wichtigen Baustein für die digitale Souveränität in Europa werden. Aber: Sie ist eben nur ein Baustein von vielen. Wer Behörden, Polizei oder kritische Infrastrukturen wirklich unabhängiger machen will, braucht nicht nur souveräne Software, sondern auch europäische Cloud-Angebote, sichere Hardware, Identitätslösungen und Kommunikationsnetze. Ansonsten droht wieder das altbekannte europäische Muster.

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Fabian Peters ist seit Januar 2022 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Redakteur und freier Autor tätig. Er studierte Germanistik & Politikwissenschaft an der Universität Kassel (Bachelor) und Medienwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin (Master).
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