Europäische Unternehmen hängen bei der digitalen Infrastruktur stark von US-Konzernen ab. Eine neue Open-Source-Architektur hinter Cloud Edge Computing soll nun die Wende einleiten und die Datenverarbeitung direkt vor Ort ermöglichen. Damit könnte eine unabhängige und nachhaltige digitale Infrastruktur in greifbare Nähe rücken.
Ein Blick auf die Internetinfrastruktur offenbart ein klares Bild: Wir in Europa zeigen eine deutliche Abhängigkeit von US-Konzernen, wie Amazon, Google oder Microsoft. Allein diese Anbieter verwalten etwa 70 Prozent der europäischen Infrastruktur. Im Resultat ist aber nicht immer ganz klar, wohin die Daten europäischer Bürger und Firmen fließen.
Eine Lösung des Problems könnten dezentrale Netzwerke sein. Derzeit entwickeln das Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST und für Angewandte und Integrierte Sicherheit AISEC sowie SAP im Rahmen der EU-Initiative IPCEI-CIS eine Architektur (ApeiroRA), die zentrale Rechenzentren mit genau diesen dezentralen Netzwerken vereinen soll. Das könnte dann so aussehen, dass die Verarbeitung von Informationen innerhalb der Rechenzentren in sogenannten Cloud Edges erfolgt.
Was ist Cloud Edge Computing?
Bei Cloud Edges handelt es sich um dezentrale Rechenknoten, die Cloud-Dienste physisch näher an ihre Nutzer bringen. Denn das ermöglicht die Datenverarbeitung vor Ort und reduziert Latenzzeiten teils drastisch. In den Cloud Edges erfolgt die Analyse von Informationen in Echtzeit, während die Cloud weiterhin als zentraler Speicher dient.
Und hier besteht in Europa großes Potenzial. Denn solche Cloud Edges könnten etwa direkt im Turmfuß eines Windrads oder auf einem beliebigen lokalen industriellen Betriebshof entstehen. Heinrich Pettenpohl, Abteilungsleiter für IT Service Providers am Fraunhofer ISST, fasst zusammen:
Im globalen Markt für Public-Cloud-Dienste hat Europa den Anschluss verloren. Im Bereich von Cloud Edge Computing ist das nicht der Fall. Daher verfolgt die EU-Kommission die Strategie, dezentrale, kleinere Rechenzentren, sogenannte Cloud Edges, zu fördern, sodass europäische Unternehmen direkten Zugriff haben und ihre Daten dort ablegen können.
Das Projekt hat auch die Nachhaltigkeit im Blick. Denn digitale Arbeitslasten sollen laut Angaben dynamisch an diejenigen Standorte verlagert werden, an denen im jeweiligen Moment ausreichend Ökostrom zur Verfügung steht.
Offene Standards für europäische Unternehmen
Für Unternehmen und Behörden bringen die offenen Schnittstellen weitere Vorteile. In sich isolierte Insellösungen sollen dann nämlich der Vergangenheit angehören. Denn der neue Ansatz soll erstmals eine besonders hohe Flexibilität und Interoperabilität bieten. Eine strikte Bindung an nur einen Anbieter findet dann nicht mehr statt.
Die Fraunhofer-Institute beschreiben auch konkrete Zukunftsszenarien. Intelligente Systeme könnten etwa zur Optimierung des eigenen Ressourcenverbrauchs digitale Zwillinge simulieren. Durch die Auswahl der besten Simulation ließe sich im Resultat dann die optimale IT-Konfiguration finden. Eine autonome Fehleranalyse und KI-gestützte Betriebsführung sollen Administrationsaufwände deutlich reduzieren.
Für die unabhängige Weiterentwicklung übergaben die Projektpartner ihre zentralen Ergebnisse an die NeoNephos Foundation. Diese ist Teil der Linux Foundation Europe und soll bald die komplexe Architektur schrittweise in konkrete Lösungen und Piloten überführen. Dabei sind höchste Sicherheitsstandards unverzichtbar, um die Informationen vor unbefugten Zugriffen zu schützen. Im besten Fall entsteht also eine übertragbare Lösung, die Europa mehr Unabhängigkeit, Transparenz und eine langfristige Wettbewerbsfähigkeit ermöglicht.
Auch interessant:










