IFA 2026 Berlin Messe

Autoscooter statt Samsung: Wie sich die IFA 2026 verändert hat

Nils Ahrensmeier
Bild: BASIC thinking

Am Mittwochvormittag stand in Halle 6.2a der Messe Berlin ein Autoscooter, aufgebaut, aber noch abgesperrt, die Wagen noch unter Planen. Daneben tackert ein Mann ein Plakat an eine Stellwand. Bohren, Schleppen, Rufen. Und hier sollen übermorgen Zehntausende durchlaufen? Ein Besuch der IFA 2026. 

Sie kriegen es hin, sie kriegen es jedes Jahr hin. Wer wie ich seit einigen Jahren zu den IFA-Pressetagen kommt, hat aufgehört, sich darüber zu wundern und die Baustelle als das genommen, was sie ist: die einzigen zwei Tage, an denen man mit Leuten reden kann, deren Sätze noch nicht seit vier Tagen durchgeschliffen sind. Man sieht außerdem, welche Flächen dieses Jahr „groß“ und welche „klein“ sind, bevor Menschenmassen diese ein paar Tage später überlagern. Dieses Jahr blieben mir dabei zwei große Gedanken im Kopf.

Die IFA will Erlebnis sein

Der erste ist der Autoscooter selbst. Er steht nicht zufällig da. Die IFA 2026 hat Creator Lounges, in denen Streamer live produzieren. Sie hat wieder einen Sommergarten mit Konzerten von BUNT, Luciano und Ikkimel. Es gibt einen Robotik-Laufsteg und Roboterfußball. Sie hat einen Mobility Track zum Probefahren, einen Beauty Hub, eine neue Familienwelt namens IFA Playbox. Und eben ein Fahrgeschäft, dessen Fahrten kostenlos sind – was, so viel Prognose sei erlaubt, am Wochenende einige Nerven kosten wird.

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Wer wie ich im Frühjahr auf der OMR war, hat dort ebenfalls einen Autoscooter gesehen. Wer die Gamescom kennt, kennt die dahinterliegende Logik: Eine Messe ist heute dann erfolgreich, wenn Menschen dort etwas erleben, das sich fotografieren lässt. Reichweite entsteht nicht mehr in der Fachpresse allein, sondern in den Feeds der Besucher.

Der Autoscooter Stand auf der IFA 2026
Autoscooter bei der IFA? Vor einigen Jahren noch ein Ding der Unmöglichkeit. (Bild: BASIC thinking)

Neu ist die Publikumsöffnung nicht. Die IFA war nie eine geschlossene Fachveranstaltung, sie ist seit jeher beides – Publikumsschau und Fachmesse. Das war immer ihr Unterschied zu anderen (reinen Fachmessen) wie der CES. Was sich dieses Jahr besonders verschiebt, ist die Gewichtung, und dahinter steht eine Struktur, über die man reden sollte.

Seit Ende 2022 verantwortet die IFA Management GmbH die Messe, ein Joint Venture aus der gfu, die die Markenrechte hält, und dem britischen Eventveranstalter Clarion Events. Die Messe Berlin ist im Wesentlichen zur Vermieterin des Geländes geworden. Clarion bringt Erfahrung mit großen Erlebnisformaten mit. Man sieht sie in diesem Jahr.

An der Spitze steht seit Oktober 2023 Leif Lindner, gebürtiger Berliner, davor lange bei Samsung Deutschland und bei Sony. Lindner sagt die Richtung offen: Im Ausland würden Messen wie die IFA in der Regel als Show gesehen, punktuell als Festival. Entertainment gehöre dazu. Und er sagt auch, warum: Das erste Halbjahr war für die Home-Elektronik-Branche schwierig, die Sparneigung in Deutschland sei überdimensional hoch, der stockende Wohnungsneubau werde für die Hausgerätehersteller schnell zum massiven Problem. Aufgabe der IFA sei es in diesem Umfeld, die Motivation der Menschen zu erhöhen, überhaupt Geld für Elektronik auszugeben.

Das ist ehrlich formuliert. Es beschreibt aber auch eine Verschiebung im Selbstverständnis. Eine Messe, die Kauflaune erzeugen soll, ist etwas anderes als eine Messe, auf der Sortimente fürs vierte Quartal geordert werden.

Wer nicht mehr da ist

Das Zweite, was man an den Pressetagen sieht, ist eine Leerstelle. Der City Cube, jahrelang Samsungs Bühne, ist in diesem Jahr anders belegt – Acer übernimmt einen großen Teil, in der unteren Ebene sitzt neu die „Retail Innovation Zone“ mit Euronics, Electronic Partner und Expert. Samsung selbst ist nicht mehr auf dem Gelände. Der Konzern zeigte seine Neuheiten der Presse im Humboldt Carré am Gendarmenmarkt, mehrere Kilometer entfernt. Offiziell bleibt das Teil des IFA-Programms, Samsung ist sogar Hauptsponsor des Creator Hub. Nur eben nicht in den Hallen.

Der Eingang zum Samsung Presse-Event im Rahmen der IFA 2026 im Humboldt Carre
Samsung zeigte seine Produktneuheiten nicht mehr auf der Messe, sondern abseits. (Bild: Samsung)

Aus dem Handel kam dazu deutliche Kritik. Kein Händler, so sinngemäß der Euronics-Vorstandssprecher, werde während der Messetage extra vom Gelände fahren und wieder zurück. Wer zur IFA kommt, kommt, um Termine zu bündeln.

Ein anderer etablierter Player im Markt, Sony, bespielte die Media Days mit einem dreistündigen Presse-Event im Palais am Funkturm, unter NDA, Zugang nur mit persönlicher Einladung. Neuheiten unter kontrollierten Bedingungen statt Stand im Trubel.

Wenn Samsung vorführt, dass sich die IFA-Medienwoche nutzen lässt, ohne wirklich auf der IFA zu sein, schauen andere sehr genau hin. Für eine Messe, die gerade auf Erlebnis und Reichweite setzt, ist das ein unangenehmer Widerspruch: Die größten Namen liefern die Show inzwischen selbst, an eigenen Orten.

Wer die Flächen übernimmt

Die Leerstelle bleibt nicht leer. Wenige Hallen weiter wird an einem Stand gebaut, der selbst im halbfertigen Zustand alles überragt: Xiaomi, über 3.300 Quadratmeter, erste eigene große IFA-Präsenz überhaupt. Der Konzern bringt sein Ökosystem „Human × Car × Home“ nach Europa – vernetzte Endgeräte, Smart Home, Mobilität in einer einzigen Erzählung. Dazu ein neues faltbares Smartphone mit selbst entwickeltem Prozessor und ein humanoider Roboter, der Besucher mit Gesten begrüßt und laut Unternehmen in der eigenen Autofabrik erprobt wird.

Zwei Xiaomi Roboter und ein Xiaomi Auto auf der IFA 2026.
Xiaomi zeigte neben ihren Autos auch einen humanoiden Roboter auf der IFA 2026. (Bild: Xiaomi)

Anker zeigt den größten Stand der Firmengeschichte und räumt gleichzeitig die eigene Markenarchitektur auf: Soundcore und Eufy verschwinden schrittweise, alles läuft künftig unter Anker. Dazu ein Mähroboter ohne Begrenzungsdraht, der den Garten bei der ersten Fahrt selbst vermisst, und der Einstieg in den Markt für Hörhilfen. Die Firma Dreame geht erstmals über die Reinigungssparte hinaus und zeigt unter anderem einen Saugroboter, der mit 180 Grad heißem Dampf wischt. Dazu Roborock, Ecovacs, Narwal, Tineco, MOVA.
Das ist keine Randerscheinung, sondern Marktrealität: Bei Saugrobotern lagen Dreame und Roborock 2025 in Deutschland nach Stückzahlen an der Spitze.

Und es hat einen Kontext, der die Größe dieser Auftritte erklärt. Die US-Regulierungsbehörde FCC hat Ende Juli 2026 ausländische Robotik auf die sogenannte Covered List gesetzt. Neue Modelle von Roborock, Ecovacs, Dreame, Xiaomi und Narwal bekommen damit faktisch keinen US-Marktzugang mehr – fünf Marken, die 2025 zusammen rund zwei Drittel des globalen Saugroboter-Marktes hielten. Wer in Washington ausgesperrt wird, baut in Berlin größer. Europa ist für diese Hersteller gerade kein Nebenmarkt mehr, sondern der Markt.

Ein Berliner Mittelständler redet über Fertigung

Vor diesem Hintergrund war eine der bemerkenswertesten Veranstaltungen dieser Pressetage die eines Unternehmens ohne humanoide Roboter im Gepäck. AVM, das inzwischen konsequent nur noch FRITZ! heißt, hat im Juli seinen 40. Geburtstag gefeiert und nutzte das Media-Briefing auffällig prominent für eine Botschaft, die vor fünf Jahren im Kleingedruckten gestanden hätte: Entwickelt wird seit 1986 in Berlin. Gefertigt wird in Europa. 925 Mitarbeitende, 630 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2025. Das Engagement für die digitale Souveränität Europas stand sogar in der offiziellen Programmankündigung.

Fritz CEO Jan Oetjen bei der Präsentation der neuen Fritz-Box auf der IFA 2026.
Tatsächlich eine Box: Die neue Fritz!-Box bei der Präsentation auf der IFA 2026 (Bild: BASIC thinking)

Produktseitig ging es um handfeste Dinge – die neue FRITZ!Box DSL/Fiber 7-90 mit Triband-Wi-Fi 7, eine 6690 Pro fürs Kabelnetz, ein Quadband-Repeater mit bis zu 18 GBit/s, eine 5G-Box für Regionen mit Breitbandlücken. Aber die eigentliche Erzählung war eine andere. Der Router ist das Gerät, durch das der gesamte Datenverkehr eines Haushalts läuft. Wer ihn baut und wo er gebaut wird, ist keine Logistikfrage.

Man kann das als Marketing lesen, und ein Teil davon ist es. „Made in Europe“ ist ein Verkaufsargument, gerade jetzt. Aber es ist bezeichnend, dass ein Berliner Mittelständler auf einer Messe, deren größte neue Flächen von chinesischen Konzernen belegt werden, seine Herkunft zum zentralen Argument macht. Das ist die europäische Antwort auf die Verschiebung, die diese IFA sichtbar macht: nicht bessere Spezifikationen, sondern Vertrauen, Datenschutz, Lieferketten. Ob dieses Argument im Massenmarkt trägt, wenn der Wettbewerber gleichzeitig mehr Funktionen zum halben Preis liefert, ist offen. Auf der IFA 2026 wurde die Frage zumindest gestellt.

Freitag, zwölf Uhr

Am Freitag um zwölf öffnen die Hallen für das Publikum. Die Kabeltrommeln sind weg, die Folien von den Autoscooter-Wagen abgezogen, das Plakat hängt gerade. Kein Bohren mehr, kein Gabelstapler. Stattdessen: Menschen. Fünf Tage lang, bis Dienstag.

Sie haben es wieder hingekriegt.

Die Frage ist nur, was genau sie hingekriegt haben. Die beiden Beobachtungen dieser Messe hängen zusammen, enger als es zunächst wirkt. Die IFA lernt von der Gamescom, weil sie muss – wenn die traditionellen Großaussteller eigene Bühnen bauen, braucht die Messe andere Gründe, warum Menschen kommen. Und sie kann von der Gamescom lernen, weil neue Aussteller nachrücken, die genau diese Aufmerksamkeit brauchen: Hersteller, denen der US-Markt gerade zugeht und für die Europa deshalb zur entscheidenden Bühne wird.

Der Autoscooter und der Xiaomi-Stand sind keine zwei unabhängigen Beobachtungen. Sie sind zwei Seiten derselben Verschiebung. Und dazwischen steht ein Berliner Router-Hersteller, der auf einer Bühne über Fertigungsstandorte spricht, weil das plötzlich wieder eine Position ist, die man einnehmen muss.

Am Mittwoch sah das alles noch aus wie eine Baustelle. Es war vielleicht die ehrlichste Perspektive auf diese Messe, die man in diesem Jahr haben konnte.

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Nils Ahrensmeier ist seit März 2022 Redakteur beim Online-Magazin BASIC thinking. Bereits vorher schrieb er für MobileGeeks, das 2022 in BASIC thinking aufging.
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