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Simplify your digital life: Gegen die Informationsflut anschwimmen

drowning robot / R. Crap Mariner / Flickr (CC BY 4.0)
geschrieben von Marinela Potor

In meinem Leben gibt es wenig Raum für überflüssige Dinge. Abgesehen von meinen Büchern, von denen ich mich nicht trennen will, passen meine Besitztümer in zwei Koffer. Ich habe lediglich eine Krankenversicherung und eine Berufsunfallversicherung, ich besitze kein Auto und auch kein Haus. Doch als ich neulich über diesen Blogpost stieß, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich bin überladen mit Informationen. Ich versinke in der Informationsflut. Information ist zwar nichts Materielles, doch mir wurde ganz plötzlich klar, dass Information genau so einschränkend sein kann wie Besitz. Es wurde also höchste Zeit, der Infoflut den Kampf anzusagen.

Der Zwang der Information

Es war einmal vor einigen Jahren, als ich noch einen festen Radiojob hatte, das Internet noch in der Umbruchsphase zu 2.0 war und Information in meinem Job tatsächlich ALLES war. Ich hatte ein Zeit-Abo, ein Abo für den New Yorker und Mother Jones (nach wie eins der besten politischen Magazine, wie ich finde!). Ich las jeden Tag alle Lokalzeitungen (ja, Plural!), hörte mir morgens im Bad den regionalen News-Podcast an, tagsüber das Lokalradio und abends den Regionalsender. Meine größte Sorge war, dass ich etwas verpassen könnte. Ein regional interessantes Thema übersehen könnte. Ich war einfach süchtig nach Informationen. Das steigerte sich irgendwann so weit, dass ich neben all diesen Informationen auch noch den halben Tag damit verbrachte auf meinen Twitter-Newsfeed zu starren.

Sechs Jahre später kann ich immer noch nicht davon loslassen. Ich habe jeden Blog, über den ich mal gestolpert bin und auch nur angehend interessant finde, abonniert. Ich habe 50 Podcasts in meinem Juice Feeder abonniert. Ich lese ganz religiös meinen Newsfeed und verbringe immer noch viel zu viel Zeit auf Twitter. Das Ergebnis: Meine Inbox platzt. Nun bin ich leider kein Typ, der seinen Posteingang ignoriert, ich habe diese Manie wirklich ALLES lesen und “abarbeiten” zu müssen. Und genau hier beginnt das Problem.

Hilfe, ich ertrinke!

Information ist etwas Herrliches, doch zu viel Information kann krank machen. Den halben Tag lief ich bis vor Kurzem völlig nervös durch die Gegend, weil ich immer im Hinterkopf hatte, dass ich all diese interessanten Artikel noch lesen muss. Dass ich mir all meine abonnierten Podcasts noch anhören muss. Dass ich es noch nicht geschafft habe, meinen Newsfeed zu checken. Mir war gar nicht klar, wie sehr ich mich damit unter Druck setzte – bis ich besagten Post las. Da wurde mir schlagartig klar: Ich drohe in all der Informationsflut zu ertrinken.

Der Informationsschock

So habe ich mich vor einigen Wochen hingesetzt und mich gefragt: Welche Information ist WIRKLCH relevant für mich? Welche Blogs lese ich TROTZ Müdigkeit, Arbeitsstress und Dauerreisen? Warum habe ich gewisse Newsletter abonniert? Sind sie wirklich interessant und / oder hilfreich oder habe ich sie nur mal abonniert und dann nie wieder rein geschaut? Habe ich mal einen Artikel gelesen und die Publikation danach als uninteressant abgespeichert, mir aber nie die Mühe gemacht, den Newsletter oder RSS-Feed abzubestellen? Denke ich, ich müsste etwas wissen, weil alle anderen das sagen, oder weil es mich wirklich interessiert?

Danach hatte ich zwei Schock-Momente. Erstens wurde mir mit dieser Liste vor Augen zum ersten Mal klar, wie VIELE Informationsbündel mir jeden Tag zugesendet wurden. Nachdem ich diese dann sehr kritisch durchgegangen bin, hatte ich erwartet, dass mein Posteingang dadurch wesentlich schrumpfen würde. Und hier kam dann der zweite Schock: Ich bekam immer noch massenweise Info-Post. Denn abgesehen von all den Quellen, von denen ich wusste, dass ich Newsletter oder Updates abonniert hatte, gab es noch zig andere Info-Emails, die ich schon gar nicht mehr auf den Schirm hatte. Hier war mir klar: Ich muss das ganze viel rigoroser angehen.

Tabula rasa

Es muss alles weg! Ich habe (und bin immer noch dabei) jeden Morgen Emails, die in die Kategorie „Infoflut” fallen, abzubestellen oder – wenn das nicht geht – als Spam zu markieren. Mein Plan ist, an dem Morgen, an dem ich keine unerwünschten Emails mehr sehe, die Informationswelle nochmals neu anzugehen. Denn ich bin nach wie vor an einer Vielzahl von Dingen interessiert. Ich lese unglaublich gerne gut recherchierte Reportagen, ich liebe Podcasts und ich bin natürlich auch an Infos aus der digitalen Nomadenszene interessiert. Doch bevor ich entscheiden kann, welche das sind, muss ich erstmal all meine Altlasten loswerden. Denn meine Zeit ist einfach zu kostbar und meine Nerven zu schwach, um mit so viel Informationsdruck umgehen zu können. Also: erstmal alles löschen und danach nochmals ganz kritisch an Abos, Newsletter und RSS-Feeds herangehen.

Ihr glaubt gar nicht, wie sehr mich allein schon dieser erste Reinigungsprozess befreit und entspannt hat! Sobald ich wirklich Tabula rasa gemacht habe, werde ich dann meinen persönlichen Infromations-Input nur noch nach zwei Fragestellungen beurteilen: Macht es mir wirklich und wahrhaftig Freude dies zu lesen? Und: Bringt mich diese Information in irgendeiner Form (persönlich, beruflich, emotional) weiter? Wenn ich das nicht mit einem klaren „Ja!” beantworten kann, wird auch nichts mehr bestellt! Doch so weh es auch tut, mich von all dieser Information zu trennen, so heilsam ist dieser Prozess auch. Interessanterweise fühle ich mich nicht nur entlastet, sondern auch besser informiert, da ich jetzt auch tatsächlich langsam aber sicher Zeit und Motivation finde, die Infos zu lesen, die bei mir eintrudeln.

Schmerzhaft, aber befreiend

Das Ganze ist für mich ein schmerzhafter Prozess und ich habe wirklich gemerkt, dass Information mein persönliche Entmüllungsherausforderung ist. Doch ich fühle mich gleichzeitig befreiter, lebendiger und voller Energie. Bisher hat es sich also definitiv gelohnt, in meinem Informationschaos gründlich auszumisten.

Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin mit einer Leidenschaft für alles, was mobil ist. Sie selbst pendelt regelmäßig vorwiegend zwischen Europa, Südamerika und den USA hin und her und berichtet über Mobilitäts- und Technologietrends aus der ganzen Welt.

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