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"Vermummungsverbot für das Internet": Axel E. Fischer auf Twitter niveauvoll zersägt

Axel E. Fischer (CDU) ist Bundestagsabgeordneter und dort Vorsitzender der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft. Seine Forderung nach einem Vermummungsverbot im und einen Radiergummi für das Web hat ihm am vergangenen Wochenende eine Menge Spott eingebracht und auf Twitter für eine bemerkenswert kreative Art von Hohn gesorgt. Zusammen mit einer artverwandten Umbenennung von Tieren hat die deutsche Twitterszene sich in diesen Tagen von seiner besten Seite gezeigt. Hut ab!

Fischer gab der „Badischen Neuen Nachrichten“ ein Interview und sagte darin, es müsse ein Verbot von selbst gewählten Pseudonymen im Web geben, eine Art Vermummungsverbot. Diese Forderung wiederholte er auf seiner Facebook-Seite:

Wir brauchen ein „Vermummungsverbot im Internet“. Es kann nicht sein, dass sich viele Bürger in Foren oder anderen Einrichtungen des Netzes hinter selbst gewählten Pseudonymen verstecken und sich so vermeintlich jeglicher Verantwortung für Äußerungen und Verhalten entziehen. Nicht nur die Qualität von Diskussionen in Foren und Blogs leidet hierunter – die vermeintliche Anonymität verleitet viele Nutzer zu Äußerungen und Verhaltensweisen, die sie hinterher bereuen könnten.

Eine erstaunliche Forderung, die einen kleinen Widerspruch in sich birgt: Ich kann mich zwar verstecken, bin aber doch nur vermeintlich anonym. Wieso braucht es dann ein Verbot? Im nächsten Absatz seiner Forderung kristallisiert sich heraus, dass es Fischer eher um Werbung des unbeliebten neuen, elektronischen Personalausweises geht:

Der neue elektronische Personalausweis bietet eine ideale Möglichkeit, sich im Internet zu identifizieren. Das betrifft nicht nur die Beteiligung des Bürgers an der politischen Willensbildung, sondern ebenso seine Möglichkeit zu wirtschaftlicher Betätigung im Netz. Kunden wie Anbieter von Internetdiensten können von den verbesserten Möglichkeiten profitieren.

Dabei ist der elektronische Personalausweis durchaus dazu geeignet, mit verschiedenen Pseudonymen zu arbeiten. Seine Sicherheit wird bezweifelt und die Gefahr einer totalen Kontrolle der Kreditwürdigkeit eines jeden Bürgers steigt. Mit einer weiteren These legt Fischer noch einmal nach:

Andererseits brauchen wir darüber hinaus die Einführung eines „Radiergummis“ im Internet, mit dem Inhalte nach einer gewissen Zeit gelöscht werden können. Kein Vermummungsverbot ohne Radiergummi, sonst entsteht ein Ungleichgewicht.

Das kann für einige unliebsame digitale Erinnerung zwar wünschenswert sein, technisch aber praktisch nicht durchführbar. Populismus also von Seiten Fischers, oder einfach Unkenntnis der Materie? Twitter-Nutzer vermuteten Letzteres und bezweifelten, dass der Abgeordnete viel von dem versteht, für das er da eintritt. Normalerweise bricht an dieser Stelle ein Shitstorm los, der den Verursacher südlich der Gürtellinie trifft. Dieses Mal ging es aber überraschend niveauvoll zu: Twitterer deuteten ironisch auf Fischers Unkenntnis hin und legen ihm Aussagen in den Mund, die technisch gesehen offensichtlicher Unsinn sind. Fast alle haben da seit gestern viele Beispiele zu veröffentlicht, deswegen hier nur noch eine kleine Auswahl:

Das trifft einen weiteren Trend vom Wochenende: Die EinBuchstabenDanebenTiere, Tiere kreativ unbenannt. Darunter finden sich zum Beispiel…

Es ist auch ein Zeichen dafür, dass Twitter in Deutschland langsam im Mainstream angekommen ist. Und dass die deutsche Webszene durchaus kreativ und niveauvoll sein kann. Sogar in ihrer Kritik. Fischers These, bei Kommentaren unter Pseudonymen leide die Qualität, kann ich maximal teilweise zustimmen. Auch hier bei BT kommen natürlich zu Weilen Kommentare, die uns Autoren nicht gefallen. Nur wenige Kommentatoren überhaupt benutzen hier ihren Klarnamen. Viele schimpfen zwar unter Pseudonym, geben aber auch eine korrekte E-Mail oder sogar einen Link zu Ihrer Website an. Das ist für mich genauso wertvoll wie ein Klarname. Und dann gibt es hin und wieder Kommentatoren, die – aus welchem Grund auch immer – nur unter Pseudonym etwas Konstruktives zur Diskussion beitragen oder gar ein Lob aussprechen. So oder so: Ich habe nicht den Eindruck, dass die Verwendung von Klarnamen hier irgend etwas an den Diskussionen unter den Beiträgen verbessern oder verschlechtern würde.

Vorbei sind allerdings auch die Zeiten, in denen man als Blogbetreiber jeden Kommentar zugelassen und geschluckt hat, egal wie reißerisch oder verletzend er war. Ich hab an anderer Stelle schon einmal darauf hingewiesen: Man muss sich nicht alles gefallen lassen. Eine gewisse Netiquette lässt sich auch ohne Klarnamen einhalten.

(Jürgen Vielmeier)

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Über den Autor

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.

20 Kommentare

  • Da ist man mal einen Tag „offline“ und schon verpasst man das Beste.
    Netter Beitrag, ich hab mich herzlich amüsiert 🙂

  • Leider findet man das oft nur noch süß. ich fand die Aktion auch toll, leider wurde hier mit dem Weichzeichner der Kreativität ein Umstand ’süßgemalt‘, der eigentlich sehr schrecklich ist.

    Jammerschade. Gerade die, die uns vertreten und über unsere Zukunft entscheiden, hinken medial eine ganze Generation hinterher. Das Problem ist allerdings nicht Unwissenheit, denn die kann jeden treffen. Das Unvermögen, zuzuhören und sich weiterzubilden, ist wesentlich unverständlicher und schlimmer.

    Ich glaube viel mehr, dass die Herren und Damen Politiker langsam richtig Angst vor dem Schwarm bekommen. Aber so ist das nun mal, wenn da plötzlich Sachen sind, die man nicht versteht. Ganz schön gruselig.

  • was Herr Fischer nicht versteht, ist dass die meisten gerade im Internet ihrem Pseudonym mehr Bedeutung zumessen als Ihrem Klarnamen.

    Dieser Name ist selbst gewählt, oder wurde von Freunden erschaffen und in vielen Fällen wohl bedacht. Er sagt bei einigen eine menge aus.

    Für einige Menschen ist dieser Nickname nicht einfach irgendwas sondern gleichbedeutend mit einem „Indianer-Namen“, den man sich erst „Verdienen muss, oder den man verliehen bekommt.

    Außerdem, wie blöd wäre es, wenn fefes blog nicht mehr fefes blog heißen würde?

    Ich empfehle wiedermal einen PC Grundkurs für Politiker und damit meine ich nicht den, in dem man lernt Ordner anzulegen und eine E-Mail zu schreiben.

  • @Jan: Der Umstand ist natürlich ein Problem. Die Frage ist allerdings auch, wie man mit solchen Problemen umgeht. Man kann es einmal mit viel Zorn oder gar Gewalt tun, oder aber man bedient sich der Ironie und der Satire. Und vielleicht erreicht man mit Letzterem letztendlich mehr. Fischer wird nun gezwungen sein, noch einmal über seine Forderungen nachzudenken, die Opposition hat sich des Themas angenommen. Das Ergebnis ist das gleiche wie nach einem Shitstorm, aber es ist auf deutlich höherem Niveau passiert. Das ist eine Entwicklung, die mich fröhlich stimmt.

  • Ein weiteres trauriges Beispiel dafür, dass Politiker in Deutschland nicht verstanden haben (und wohl auch nie verstehen werden), worum es im Internet überhaup geht. Allein die Tatsache, das Web immer wieder kontrollieren zu wollen, finde ich haarsträubend. Genau das aber ist das Problem mit diesen Leuten: Sie denken, alles und jeden unter Kontrolle haben zu müssen. Im Internet geht das aber nicht. Wer das bis heute nicht verstanden hat, ist ehrlich gesagt nur eines: Ziemlich doof. Sonst nix.

  • Es ist doch in der Tat alles traurig, was da passiert. Daß immer wieder solche letztlich „offiziellen“ Personen (ich bemühe mich, um eine halbwegs objektive Benennung) ständig wieder ihre unpassenden Gedanken zu einer Sache äußern, die sie letztlich nicht verstehen wollen. Ohne daß das irgendwelche ernstlichen Konsequenzen hat; denn in seinem Kollegenkreis blamiert er sich offensichtlich nicht damit. Ich glaube auch nicht so sehr an grobe Unkenntnis, es ist vielmehr Vorsatz bei diesen Personen. Die ganz klare Folge ist: Wenn solche Menschen dieses Land repräsentieren (in welcher Form auch immer), dann trägt dieses auch einen immer stärkeren Imageschaden davon.

  • Leider sind die Gelüste in den Regierungen und vor allem Diensten nach einer vollständiger Überwachung und Kontrolle des Volkes wie bei der Stasi oder Gestapo noch längst nicht aus den Köpfen unserer Politiker oder Behörden verschwunden , eher im Gegeteil.
    Die Demokratie würde aber solch eine Überwachung in allen Lebenslagen nicht Überleben können zumindest keine „Echte“ in der alle Gewalt vom Volke ausgeht.

  • Hmm, soweit ich die Blogger verstehen kann muss ich auch zugeben, dass Anonymität sehr angenehm ist, aus dieser Anonymität entsteht die Freiheit sich aus einer Diskussion zurückzuziehen ohne von ihr verfolgt zu werden, ich könnte also im Internet meine wirkliche Meinung posten, ohne von ihr im „real-life“ verfolgt zu werden. Wenn die Leute sich zu benähmen wüssten wär das alles sowieso kein Problem.
    Naja und ausserdem möchte ich nich meine Identität nicht preisgeben, weil dann jeder wüsste das ich Abitur habe, aber trotzdem Rechtschreibfehler und Kommasetzungsfehler ohne Ende mache 😀 Ich würd zwar sagen, das ich zu faul zum Kontrolllesen bin, aber wer würde das schon glauben 🙂

  • Wenn die Leute keine Kritik ertragen können sollen sie halt nicht Bloggen, kein Forum betreiben oder die Kommentarfunktion Ausschalten.
    Zumal der Webseitenbetreiber diese auch jederzeit Löschen kann, wo ist das Problem?
    Auch einmal Bedacht, das das Internet International ist und sich nicht um deutsche Persos schert , was sollen dann bitte Leute aus Ländern ohne deutschen E-Perso machen?
    Oder dürfen sich dann nur noch Deutsche Staatsbürger bei Kommentaren Anmelden bzw im deutschen Netz sürfen?
    Am besten doch gleich ein abgeschottetes deutsches Internet mit mehr polizeiliche Kontrollen für Sürfen ohne Internetführerschein und Alkohol am Computer.

  • Von Apache auf Eurocopter – also, da musste ich echt lachen. Der war gut!

    Ohne Anonymität bestünde die Szene nur noch aus einer Anhäufung von gesellschaftskonformen Lippenbekenntnissen.

  • Ich denke nicht, dass die Äußerungen des werten Herrn Fischer auf Unkenntnis zurückzuführen sind – und insofern sind Persiflagen auf Twitter zwar lustig, täuschen aber über den Ernst der Thematik hinweg. Das geforderte „Vermummungsverbot“ reiht sich wunderbar ein in Vorratsdatenspeicherung und (vermeintlich der Kinderpornographie zugedachte) Zensurmechanismen. Es geht um Kontrolle – und zwar so verpackt, dass sie für den Großteil der „Otto-Normal-Bürger“ nicht wie staatliche Willkür aussieht.

  • Wenn es keine Anonymität im Netz mehr gibt, dann kann jeder mit nur wenigen Mausklicken alle meine Aktivitäten über mich herausfinden – mein Nachbar genauso wie mein Arbeitgeber. Im Klartext: Ich muss mich dann im Internet genauso verhalten, als würde mein Chef gerade neben mir sitzen – wenn ich nicht negative Konsequenzen befürchten möchte.

    Wer ist denn dann noch bereit, ehrliche Beiträge zu verfassen? Und ehrlich, aber anonym heißt ja nicht gleich illegal oder unmoralisch … sondern zuerst einmal nur „privat“ oder „intim“.

    Ich weiß, dass die Angst vor Verbrechern uns stark umtreibt, nur: Wenn wir damit anfangen, können wir als nächstes gleich Gardinen und Türschlösser verbieten. Weil es ja auch immer ein paar Menschen gibt, die die Anonymität ihrer Wohnung nutzen für schlimme Dinge …

    Im Übrigen ist das doch wieder ein Akt von „Wasser predigen und Wein trinken“: Es gibt in der Politik keine Pflicht, persönliche, finanzielle oder sonstige Verbindungen zu Interessengruppen jedweder Art offenzulegen. Statt dessen gibt es „Geheimverträge“ mit Privatunternehmen (LKW-Maut), vertrauliche Treffen, Heimlichtuerei. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Qualität der deutschen Politik darunter sehr stark leidet.

    Es ist unheimlich, wie schnell dieses Thema auf den Tisch gekommmen ist. Auch wenn sich da jemand nur wichtig tun und die Werbetrommel für den neuen Perso rühren will. Ich habe ein ganz schlechtes Gefühl dabei, und frage mich wie unser Land wohl in zwanzig Jahren ausschauen wird …

  • Die CDU hat vermutlich durch den nahtlosen Übergang von Altnazis und Ex Stasis in sogenannte „bürgerliche“ Parteiämter traditionell nennenswerte totalitäre Anflüge die ungewollt immer wieder durchscheinen.
    Wenn diese Gruppierung tatsächlich so etwas wie eine Volkspartei darstellt,
    also das mehrheitliche Bewußtsein des Volkes repräsentiert,dann muß man sich ernste Gedanken um das Volk machen.Eine Partei die unentwegt
    durch Verbots und Repressionsforderungen auffällt..

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