Guttenberg tritt zurück: Stürzte das Web den Minister?

Jürgen Vielmeier

Nach dem heute angekündigten Rücktritt von Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, stellt sich die Frage, ob das Web ihn gestürzt hat. Spiegel Online und Carta interpretieren das zum Beispiel so. Selbst die „Bild“-Zeitung habe dem Copy-and-Paste-Minister nicht mehr helfen können, schreibt SpOn. Möglich gemacht habe den Rücktritt erst das Wiki GuttenPlag, das die Arbeit übernahm, Guttenbergs Doktorarbeit crowdgesourcet nach Plagiaten durchsuchen zu lassen. Die Suche dort läuft. Carta schreibt dazu:

Gutenplag Wiki sticht Bild: Karl-Theodor zu Guttenberg ist der erste Minister, der vor allem auch aufgrund der im Internet ausgestellten Beweislast zurücktreten musste.

Die Plagiatwächter wollen nach dem Erfolg mit anderen wissenschaftlichen Arbeiten Prominenter weitermachen. Bis zum jetzigen Zeitpunkt haben sie auf gut zwei Dritteln der Seiten der Arbeit Guttenbergs Plagiate enttarnt.

Zum Rücktritt des Ministers schreiben sie:

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Wir bedauern, dass Herr Freiherr zu Guttenberg bei der Ankündigung seines Rücktritts keine klaren Worte zur offensichtlichen Täuschungsabsicht und zur Urheberschaft der Dissertation gefunden hat. Der Rücktritt des Bundesministers der Verteidigung war nicht Ziel dieses Projekts. Ziel ist die detaillierte Aufklärung der Umstände, unter denen die Dissertation entstanden ist.

Dass er trotzdem zurückgetreten ist, dürften die GuttenPlagger zumindest nicht mit großer Trauer erfüllen. Sie wollen die Suche nach Plagiaten fortsetzen und haben außerdem noch für heute einen weiteren Zwischenbericht zur Plagiatssuche in Guttenbergs Arbeit angekündigt.

Stimmt das denn? Hat das Web Guttenberg gestürzt? Es dürfte zumindest einen großen Teil dazu beigetragen haben. Wenn vom „Web“ die Rede ist, dann dürfte eine nicht unerhebliche Rolle auch Spiegel Online gespielt haben. Die Titelgeschichte über die „Bild“ im Schwesterblatt „Spiegel“ war von Medienjournalisten mit wenig Begeisterung aufgenommen worden, passt aber ins Gesamtkonzept. Es ging darum, den Minister zum Rücktritt zu bewegen. Und hier hat SpOn gerade in den vergangenen Tagen viel dafür getan, dass das auch passiert. Und zwar zu einem Zeitpunkt, als sich viele andere schon damit abgefunden hatten, dass Guttenberg wohl im Amt bleiben würde.

SpOn ließ erboste Wissenschaftler zu Wort kommen, berichtete von Ende der Unterstützung des Ministers durch seinen eigenen Doktorvater, berichtete von einer Demo gegen den Minister, ließ Unions-Parteigenossen gegen Guttenberg schießen und brachte eigene Kommentatoren gegen ihn in Stellung. Ich sehe also bei beiden Initiatoren einen großen Anteil am Rücktritt Guttenbergs. Das GuttenPlag machte die Handarbeit, Spiegel Online übernahm das Marketing.

Letztlich dürfte aber vor allem der massive Druck aus der Wissenschaft auf Kanzlerin Merkel und ihr dadurch schwindender Rückhalt an Guttenberg den Ausschlag gegeben haben. Die Kanzlerin musste sich die Frage stellen, was sie lieber wollte: einen Minister „opfern“ oder die Wissenschaft im Land der Dichter und Denker diskreditieren. Letztere Wahl dürfte langfristig keine Option gewesen sein. Die Redakteure von Spiegel Online und die GuttenPlagger jedenfalls dürften heute mit einem breiten Grinsen auf den Lippen schlafen gehen.

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(Jürgen Vielmeier, Grafik: GuttenPlag)

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Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.