Digitales

Digitale Gesellschaft: Wut auf eine Interessenvertretung, die nicht allen gehört

Am Wochenende gab es Zoff: Die neu gegründete Bürgerrechtsorganisation „Digitale Gesellschaft“ (Digiges) musste sich einiges an Kritik auf Twitter gefallen lassen. Der Verein reagierte daraufhin mit einer Antwort auf die wichtigsten Fragen (FAQ), was einige aber nicht zu besänftigen scheint. Die Kritik an Digiges ist eine Woche nach ihrer Gründung groß. Was ist passiert? Der Netzpolitiker Jörg Tauss (Ex-MdB, Ex-SPD und Ex-Piratenpartei) warf Digiges in einem offenen Brief Intransparenz vor. Darin schreibt er:

Das Netz ist offen und frei. „Netzvereine“ haben für mich deshalb deshalb ohne Ausnahme offen und frei zu sein. Oder wie ich getwittert habe: Wer für eine offene und freie (digitale) Gesellschaft eintritt und noch nicht einmal so frei ist, offen zu sein, ist mir suspekt. (…) Wie will ich ernsthaft für Transparenz und Informationsfreiheit eintreten, wenn ich bereits die Namen der Gründungsmitglieder der Digitalen Gesellschaft verheimliche?

Eine wohl etwas überhitzte Reaktion darauf war ein Tweet von Digiges mit dem Inhalt:

„Wer so viel für die Glaubwürdigkeit der deutschen Netzpolitik getan hat wie Herr Tauss, den wollen wir übrigens wirklich nicht als Mitglied.“

Der Tweet, mit dem der Urheber auf Tauss‘ Vergangenheit anspricht, wurde inzwischen gelöscht. Tauss wurde im Mai vergangenen Jahres wegen des Besitzes kinderpornographischer Schriften zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und drei Monaten verurteilt. Er gab vor Gericht an, er habe die Taten begangen, um eigene Erkenntnisse über die Verbreitung von Kinderpornographie gewinnen zu wollen. Seine Person ist zumindest umstritten. Es war Digiges-Mitglied Falk Lüke, der diesen Tweet nach eigenen Angaben gepostet hat. Er erklärte das in einem Beitrag in seinem Blog so:

Ich habe es subtil formuliert, aber doch eindeutig: Jörg Tauss hat mit seinem Verhalten der Netzpolitik den größten Bärendienst erwiesen, den ihr je jemand erbracht hat. Aus welchen Motiven auch immer. Gut, das hätte ich so sagen sollen. Nicht Digiges. Shit happens. My fault, blame me. Ich habe den Tweet auch wieder gelöscht, in bestem Wissen um Streisand-Effekt und die ganzen Herrschaften, die jahrelang den Hintern nicht hochbekommen haben, um irgendetwas für Netzpolitik zu tun.

Im eigenen Twitter-Account entschuldigte sich Digiges für den Tweet:

Sorry für den Tausstweet. Aber Ihr wisst ja, die Hutschnur..

Lüke schreibt, er habe die Beherrschung verloren, als er Tauss‘ Beitrag las und zeitgleich „jemand wirklich fiesen Dreck auf die Warum-Kampagnen-Seite geladen hat“. Die Kampagne ist eine Möglichkeit, an der Initiative teilzunehmen. Hier wirbt Digiges mit Netzaktivisten, die eine Frage zur Netzpolitik stellen und ein Foto von sich hochladen können. Der Wirbel um den gelöschten Tweet hat auf Twitter gestern wüste Beschimpfungen gegen Digiges ausgelöst. Zusätzlich entlud sich der Frust über den Verein plötzlich auch über ein Praktikantengesuch. Digiges sucht Praktikanten, die dem Verein helfen und bot dafür zunächst 200 Euro Vergütung im Monat. Von „eierlegenden Wollmilchpraktikanten“ ist auf Twitter die Rede. Was daran verwundert, ist der Zeitpunkt des Aufschreis, denn das Gesuch ist bereits seit dem 10. April online.

Praktikantengehalt aufgestockt, Vorwurf der Werbung in eigener Sache

Der Digiges wurde neben Intransparenz auch vorgeworfen, das Sprachrohr für Netzpolitik-Blogger Markus Beckedahl zu sein. Andere Vorstandsmitglieder waren lange Zeit nicht bekannt. Laut Lüke hat das den einfachen Grund, dass niemand anderer die Öffentlichkeitsarbeit übernehmen wollte. Kritisiert wird außerdem, dass auf Spiegel Online schon im Vorfeld der Gründung Autoren für die Organisation werben, was einige als offene PR und Klienteljournalismus ansehen. Die FAQ, mit der Digiges gestern auf die meisten Kritikpunkte eingegangen ist, versucht auf viele der Kritikpunkte einzugehen: Dass die Netzpolitik-Lobby nicht monopolisiert werden soll, warum der Verein nicht anders heißt, warum Mitgliederliste und Satzung nicht online stehen und warum es nicht mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten gibt. Mehr Geld für Praktikanten gebe es nicht, weil man selbst einfach nicht mehr habe. Inzwischen wurde das Angebot dank der Unterstützung eines Sponsors aber auf 300 Euro angehoben.

Im Kontakt der Digiges-Seite werden die vertretungsberechtigten Vorstandsmitglieder genannt. Neben Beckedahl sind das auch Markus Reuter und Benjamin von der Ahe. Wer auf Twitter derzeit mal nach #digiges sucht, findet so einiges an erstaunlichen Kritikpunkten. Es beginnt mit Vorwürfen, wonach die Organisation für ein modernes Web eintrete, sich dann aber auf der Website einsnullig präsentiere. Es geht über die Frage, ob die Gründer nur Werbung in eigener Sache machen wollen und endet mit Vorwürfen, die FAQ komme zu spät und sei nichts als Pathos und Selbstbeweihräucherung.

Eigentliches Problem: der Name

Ich habe den Eindruck, der Name der Organisation ist das eigentliche Problem: „Digitale Gesellschaft“ suggeriert, dass jeder im Web damit gemeint ist und kräftig mitentscheiden darf, wie der Verein auszusehen hat. Weil das aber nicht geht und viele nicht so teilnehmen dürfen, wie sie wollen, reagieren sie mit Enttäuschung und eben Kritik. Der Verein sieht sich eher als Interessenvertretung, was also nicht heißen soll, dass das ganze Web alle Entscheidungen mitträgt. Wie sollte das auch funktionieren? Aber gerade das scheint das Missverständnis zu sein. Und da wird es den Gründern gerade zum Verhängnis, dass das Projekt offenbar schnell umgesetzt werden musste und sie vermutlich noch nie vorher einen Verein gegründet haben. Habt ihr?

Auch ich habe leise Kritikpunkte an der Digiges. Aber wer repräsentiert schon genau das, was ich denke? Das tut keine Partei, das tun Transparency und Amnesty nicht, ja nicht einmal mein Sportverein. Aber die Digiges kommt dem, was ich mir von einer Interessenvertretung erhoffe, schon sehr nahe. Aller Anfang ist schwer und kritisieren so viel einfacher, als selbst etwas zu tun. Lasst sie doch erst einmal machen!

(Jürgen Vielmeier)

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Über den Autor

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.

12 Kommentare

  • Ich empfinde das Verhalten der Herrschaften um Herrn Beckendahl als äusserst unpassend im Kontext zu dem Anspruch den sie sich gesetzt haben.

    Bin gespannt wie die Geschichte weitergeht.

  • Der Verein ist eine Woche alt und die Leute erwarten das alles sofort und jetzt irgendwie nach deren Vorstellungen funktioniert? Dann sollen sie Mitglied werden und sich entsprechend einbringen…. Bei den Praktikantenjobs wäre es natürlich interessant zu erfahren wieviele Arbeitsstunden gebracht werden soll, ob es sich um Vollzeitjobs oder eben arbeiten Handelt die man auch getrost neben Studium oder anderen Tätigkeiten leisten kann. Und was den Herrn Tauss angeht: Ich denke da wollte ein Politiker nur wieder die Chance nutzen ins gespräch zu kommen und zu sagen „Huhu, ich lebe auch noch“

  • Markus Beckedahl hatte schon mal einen Verein, das „Netzwerk Neue Medien e.V.“ gegründet. Und hektisch ist das alles nichts, die Planungen laufen seit mehreren Jahren und seit mehreren Monaten läuft die Vereins-Anmeldung.

  • @Jürgen: Danke für den differenzierten Beitrag.

    Diskutiert und auf allen Ebenen mitentschieden wird in den bestehenden Initiativen und Organisationen schon seit Jahren. Das ist wichtig für die langfristige Grundlagenarbeit, blockiert jedoch die Handlungsfähigkeit, wenn es darauf ankommt, schnell und effektiv auf aktuelle (bzw. endlich in der Politik angekommene) Themen zu reagieren und entsprechende Öffentlichkeitsarbeit zu leisten.

    Ich denke die Digiges setzt genau am richtigen Ende an, das war lange überfällig und ist auch nur in dieser Form effektiv möglich.

  • Ganz ehrlich, die meisten Unternehmen in der Digitalen Gesellschaft stehen doch für das ausbeuten von Praktikanten – da passt es doch ganz gut, dass die Interessenvertretung aus dem selben Holz geschnitzt ist 😉

    Leider muss ich zugeben, dass wir als StartUp auch erst einmal auf Praktikanten bauen und diese auch nur mit 400€ bezahlen können.

  • Unfassbar wie destruktiv alles gleich in Grund und Boden kommentiert wird. Man mag über Herrn Beckendahl denken was man will. Fakt ist, er hat die „man könnte ja mal“ Idee umgesetzt. Gebt dem Verein doch mal eine Chance.

  • Hi,
    also ich habe mich mit em Thema bzw. der digiges bisher noch gar nicht so sehr beschäftigt… insofern danke für den Artikel
    Praktikanten: Kommt drauf an, ob man da auch was lernt für 300/400 Euro oder bloß nen billiger Experte ist.
    Gruß von Claudia

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