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Zukunft des Musikhörens: WahWah.fm ist da

Wie werden wir in Zukunft auf neue Musik aufmerksam? Vielleicht durch Menschen in unserer Umgebung. Das ist der Ansatz, den eines der derzeit hoffnungsvollsten deutschen Startups, WahWah.fm, aus Berlin verfolgt. Die erste, kostenlose Version einer speziellen App ist gestern Abend für iOS-Geräte im deutschen App Store erschienen. Die Musikauswahl ist aus zwei einfachen Gründen noch beschränkt, die App bietet aber schon jetzt einen Vorgeschmack auf das, was uns in den kommenden Jahren erwarten wird. Die Zukunft des Musikhörens – so könnte sie aussehen.

Das Startup nennt die Applikation in voller Absicht „WahWah.fm ONE“, denn man weiß selbst, dass es noch eine Version ist, deren Möglichkeiten beschränkt sind. Und dabei liegt es weniger an der Technik als an den fehlenden Nutzern und der geringen Musikauswahl. Die erste Version der App basiert auf der Auswahl des befreundeten Startups Soundcloud, GEMA-lizenzierte Musik fehlt. Noch. Denn die soll es in Zukunft geben. Schon jetzt empfängt man auf WahWah.fm einige Radiostationen, das Programm einzelner DJs oder den WahWah.fm-Hauskanal. Das Prinzip hinter der Software: Jeder kann selbst zum Radiosender werden, indem er einfach seine Musik hört und das Programm anderen zur Verfügung stellt.

„Ein Algorithmus liefert keine Überraschungen“

Den Durchbruch werden die Berliner Jungs wohl erst feiern, wenn man die Plattenfirmen auf seiner Seite und sich mit der GEMA geeinigt hat. Dann aber dürften die Nutzer von ganz alleine kommen. Denn Technik und Design der App machen einen sehr modernen Eindruck. Killer-Feature dürfte die Landkarte sein: Man kann sich ganz bewusst Leute in der Umgebung suchen und ihren „Sender“ einschalten. Größtes Manko ist hingegen das Nadelöhr Mobilfunk, denn die App setzt auf Streaming. Da jeder ein begrenztes Datenvolumen von meist nur einigen hundert Megabyte im Monat hat und die Datennetze zumindest abseits der Städte lahmen, ist man auf absehbare Zeit noch auf WLAN angewiesen.

Menschen kennenlernen und hören, was sie hören, kann man aber schon jetzt. Als ich Gründer Philipp Eibach Ende Mai in Berlin traf, benannte er den Vorteil gegenüber Last.fm und anderen Diensten so: „Ein Algorithmus bietet irgendwann keine Überraschung mehr. Er weiß etwa, dass ich Heavy Metal höre und bringt mir immer noch saubere Vorschläge – über Heavy Metal und vielleicht benachbarte Genres. Neue Musik entdecke ich nur über andere Menschen.“

WahWah.fm ist eine moderne App, die ihrer Zeit vielleicht ein wenig zu weit voraus ist. Ihre größten Probleme sind Gegebenheiten der heutigen Zeit, wie Musiklizenzierung, beschränkte Datenvolumina und eine ausbaufähige mobile Dateninfrastruktur. Höchste Zeit, dass sich diese Gegebenheiten ändern.

Ein kurzes Video über mein Gespräch mit Philipp Eibach über WahWah seht ihr hier:

(Jürgen Vielmeier)

Über den Autor

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.

13 Kommentare

  • Der Ansatz sieht sehr vielversprechend aus. Das muss man wirklich mal ausprobieren. Hoffentlich einigen sie sich schnell mit den Plattenfirmen und der GEMA und dann seh ich eine gute Zukunft für das Projekt. Ich werde es auf jeden Fall mal ausprobieren.

  • Ich finde das etwas kritisch. Zum Einen eben schon wegen der angesprochenen Punkte, zum Anderen sind ja Smartphones auch wandelnde Musikplayer. Also ich sehe jetzt z.B. keinen triftigen Grund ein Radiosender einer Person in meiner Umgebung zu hören.

    Letztlich ist es ja egal ob die Person in DE oder USA rumläuft wenn ich nur deren Musik höre.

    Dennoch hoffe ich das die Jungs damit voran kommen 🙂

  • Die Idee ist wirklich super. Ich würde sowas definitiv auch nutzen. Auf meinem Handy schlummert zwar einiges an Musik aber oftmals will ich auch einfach mal etwas völlig anderes hören, neue Impulse bekommen.
    Hoffentlich entwickelt sich das Startup gut!

  • In der heutigen FAZ ist ein interessanter Artikel zu Pandora. Hier wird (neben der grandiosen Überbewertung) thematisiert, was das Problem für derartige Projekte ist, selbst wenn sie die Lizenzen bekommen:

    „Im vergangenen Geschäftsjahr lag das Minus bei 1,8 Millionen Dollar, allein im ersten Quartal des neuen Geschäftsjahres 2011/2012 fiel ein Verlust von 6,8 Millionen Dollar an. Pandora hat hohe Kosten für Lizenzgebühren an Musikunternehmen, die ansteigen, je mehr der Dienst genutzt wird“ (69,4 Millionen Dollar im Jahr 2010/2011)

    Das Konzept ist sicherlich attraktiv, aber wie will man diese Kosten decken?

  • Ich bezweifle, dass das sich durchsetzen wird. Man muss ja dann doch wieder solange durchprobieren, bis einem etwas gefällt. Da kann man auch aufs Blaue heraus bei iTunes hören, streamingdienste nutzen oder Youtube durchstöbern.

    Das einzige was hilft sind die Qualitätsfilter Labels und Musikredakteure und da muss man Leute finden, die mit einem selbst auf gleicher Wellenlänge liegen.

    Darum finde ich die Idee von Ping nicht blöd, wenn man sieht was die Bekannten kaufen, schaut man da auch mal rein. Weil ein Kauf stärker wiegt als zB ein Eintrag bei Last.fm.

  • Ist das Prinzip dahinter nicht quasi das, was Microsoft bereits in 2006 im Zune verbaut hat? Natürlich – damals war es nur über W-LAN möglich Playlists von Freunden zu hören, aber im Grunde ist es recht ähnlich oder?

    Die Idee finde ich auch gut. Aber wenn man jetzt wieder sieht, wie die GEMA sich bei YouTube anstellt kann man sich vorstellen, wie lange das bei der App noch dauern kann…

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