Herbsttheater mit Erpressung und Geheul: Techcrunch auf Konfrontationskurs mit AOL

Jürgen Vielmeier

Ach Leute, es passiert wieder einiges in diesen Tagen. Apple nimmt Samsung das Lieblingsspielzeug weg und spielt selbst ein wenig Polizei, Wikileaks verändert wieder einmal die Medienlandschaft. Und im Hause AOL hängt der Haussegen schief. Mitbekommen habe ich das sehr wohl, aber ich sah bis gestern Abend keinen Grund darüber zu schreiben. Praktisch jeder von euch vermutet hinter Apples angeblich verlorenen Prototypen des iPhone 5 eine billige Marketingaktion. Aber keinem fiel auf, dass MG Siegler von Techcrunch gestern nichts anderes gemacht hat, als er schrieb, sein Blog könnte ab heute nicht mehr das gleiche sein.

Wer es noch nicht weiß: Techcrunch ist eins der meist gelesenen Blogs der Welt. Gründer Michael Arrington und sein Team halten enge Kontakte zu US-Startups und Internetunternehmen und sind dadurch so etwas wie ein Leitblog geworden. AOL kaufte Techcrunch deswegen vor knapp einem Jahr für 25 bis 30 Millionen US-Dollar und versprach, den Techbloggern nicht dazwischen zu funken. Die Vorzeichen änderten sich, als AOL im Frühjahr auch die Huffington Post übernahm und deren Gründerin Arianna Huffington zur Chefredakteurin und damit Vorgesetzten von Arrington erklärte. Dass Arrington nun vergangene Woche ankündigte, einen eigenen Startup-Fonds zu gründen, gefiel Huffington gar nicht. Sie sieht darin einen Interessenskonflikt und will Arrington rauswerfen. Der stellte nun AOL ein Ultimatum, was der Internetpionier auf gleiche Weise konterte. Wie die Sache ausgeht? Mittlerweile ist jedes Szenario denkbar.

Gewissenskonflikte? Iwo

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Inzwischen schießt bei AOL jeder gegen jeden. Boss Tim Armstrong, der an Arringtons Crunchfund beteiligt ist, erteilte erst Huffington eine Absage, steht nun aber zwischen den Stühlen. Arrington heult derweil auf seinem Blog rum, fordert redaktionelle Unabhängigkeit und stellt AOL das Ultimatum, Techrcunch entweder von Huffingtons Schreckensherrschaft freizustellen – oder es wieder an die ursprünglichen Investoren (zum Großteil er selbst) zu verkaufen. Nachdruck verlieh dem ganzen sein Ziehsohn MG Siegler, Arringtons designierter Nachfolger, der gestern ebenfalls auf die Tränendrüse drückte und das Ende Techcrunchs heraufbeschwor: Ohne Arrington sei das Team nicht mehr in der Lage zu guter Berichterstattung. Buhu. Es schreiben ja auch nur rund 20 Leute tagtäglich für das Techblog und Arrington hatte mit seinen sporadischen Besserwissereien zuletzt einen bestimmt signifikanten Anteil daran.

Armstrong steckt jetzt in einem echten Gewissenskonflikt: Er ist über AOL am Crunchfund beteiligt, hatte aber auch erst im Frühjahr Huffington und ihr Blognetzwerk für stolze 315 Millionen US-Dollar ins Boot geholt. Aus der Nummer kommt er so leicht nicht mehr raus. Die preisgünstigste Lösung wäre wohl, Arrington seine gewollte „redaktionelle Unabhängigkeit“ zu geben. Das käme natürlich einem Gesichtsverlust gleich und Huffington würde sich abgestraft fühlen. Interessenskonflikte gäbe es dann natürlich überhaupt gar keine mehr, wenn Arrington über die gleichen Startups schreibt, die er finanziert. Und wir alle? Wir sind auf ein inhaltlich seichtes aber doch unterhaltsames Sommertheater in fünf Akten hereingefallen, dessen Ausgang uns allen im Grunde schnurzpiepegal sein kann. Gut vermarktet, Arrington! Die Popcorn-Saison ist damit eröffnet.

(Jürgen Vielmeier, Bild: Joi via Flickr unter CC-BY-2.0-Lizenz)

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Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.