Nextdoor versucht sich noch einmal am Prinzip Nachbarschaft

Jürgen Vielmeier

Ich hab da diesen krassen Nachbarn, den ich manchmal auf der Straße sehe: Er hat Tattoos auf beiden Armen, trägt eine Glatze und trotzdem diesen Zopf am Hinterkopf, womit er wie ein Shaolin-Mönch aussieht. Was der wohl macht? Ob der zu Hause heimlich kleine Kinder isst, den Teufel anbetet oder täglich sämtliche Kampfsportarten trainiert, um seine Feinde reihenweise zu dezimieren? Denkt man sich halt so, wenn man ihn sieht (und eine blühende Fantasie hat).

Tatsächlich sah ich ihn neulich im Hinterhaus: Er hatte eine Gießkanne in der Hand und wässerte das Gemüse. Seine kleine Tochter spielte mit Nachbarskindern auf dem Rasen und seine sehr sympathisch wirkende Frau lag in der Hängematte und las ein Buch. So viel zum Thema Teufelsanbetung. Aber doch erstaunlich, wie wenig man von seinen Nachbarn weiß und wie schnell sich Argwohn aufbauen kann, wenn man sich nie persönlich kennenlernt. Es gibt einige Startups, die versuchen, diese Barrieren zu überwinden, Menschen mit gleichen Interessen lokal zusammen zu bringen. Kein mir bekanntes Projekt hatte mit der Idee jemals Erfolg. Das Startup NextDoor erhielt nun eine hohe Kapitalspritze, um es noch einmal zu versuchen.

18,6 Millionen US-Dollar gibt es jetzt für das Projekt, das den Zusammenhalt in Nachbarschaften stärken will. Die Investoren heißen Benchmark Capital, DAG Ventures, Greylock Partners und Shasta Ventures. 3.000 der 20.000 Gemeinden in den USA sollen Nextdoor bereits nutzen. Anmelden kann man sich nur, wenn man eine gültige Wohnadresse in den USA angibt und diese verifiziert. Die Community ist also noch halb geschlossen, kann aber schon jetzt einige Erfolgserlebnisse vorweisen. Die Menschen finden zusammen für Nachbarschaftshilfe, gemeinsame Feste oder, um einen Knochenmarkspender für ein leukämiekrankes Kind zu finden.

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Bisherige Projekte nicht von Erfolg gekrönt

In der Vergangenheit starteten in Deutschland und anderswo mehrere Projekte ähnlicher Art mit unterschiedlichen Ansätzen. Bei LetsMapp (früher Conchain) aber fehlt es bislang an der Finanzierung, ebenso wie bei Spreet.it und Solvish. Aka-aki musste dicht machen. Und just heute las ich noch über Gigalocal und Streetspotr über Minijobs in der Nachbarschaft, die beide noch ihre kritische Masse suchen. An genau der mangelt es eigentlich allen genannten Portalen, auch dem Startup Niriu, das Nextdoor am nächsten kommen dürfte.

Was macht Nextdoor anders? Vielleicht sind es die Nutzerfreundlichkeit und die Anfangserfolge, mit denen das Projekt geschickt zu werben weiß. Nextdoor Portal verwendet eine Karte und einen Facebook-ähnlichen Newsfeed, dessen Nachrichten jeder erhält. Die Nachbarschaftsnews können aus Empfehlungen, Suchangeboten oder auch einfach Klatsch und Tratsch bestehen. Events und Empfehlungen werden separat sortiert. Bislang bleibt Nextdoor allerdings eine Antwort schuldig, wie man ein zu hohes Rauschen, Werbung oder Diffamierungen aussortieren will. Vielleicht erinnert sich ja noch der eine oder andere von euch an Rotten Neighbor, was praktisch das Gegenteil des Nextdoor-Gedankens darstellte, aber einem all zu menschlichen Verlangen eine Bühne gab: dem Lamentieren über andere.

Netz und echtes Leben verschmelzen

Das Hauptproblem, das Nachbarschaftsportale haben, um die kritische Masse zu erreichen? Ich vermute fehlende Distanz. Man ist das Netz als eine Art Parallelwelt gewohnt, hier herrscht vielfach Anonymität und, wenn nicht, wie bei Facebook oder Google Plus, dann wenigstens Distanz. Zwar sind viele meiner Nachbarn auch im Social Network, sie können aber nicht sehen, was ich dort treibe, wenn ich sie nicht lasse.

Bei einem Nachbarschaftsportal verschmelzen Netz und Realität, verschwindet der Rückzugsraum. Hier kann ich nicht mehr darüber ablästern, wenn meine Nachbarn zu laut feiern. Hier erfährt jeder, dass ich es bin, der sein Auto nur alle drei Monate wäscht. Folglich ist bei so einem Projekt besonders viel Vertrauen von Nöten. Wenn Nextdoor sich etabliert, hat es in der Tat die Chance, zum neuen Facebook zu werden. Aber der Weg dorthin ist weit.

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(Jürgen Vielmeier, Bild: Nextdoor)

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Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.