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Null Toleranz: Zu Besuch im Porsche Qualitäts-Management

Qualitätsworkshop bei der Porsche Leipzig GmbH am 07.02.2018
geschrieben von Mark Kreuzer

Was ist Qualität, wo fängt sie an und wie stellt man Sie sicher? Auf Einladung von Porsche hatten wir die Möglichkeit, das Werk in Leipzig zu besuchen und mit besonderem Fokus auf einige ausgewählte Prozesse des Qualitätsmanagemnts einen Blick hinter die Kulissen der Produktion zu werfen.

Vor der Besichtigung des Werks erklärte uns Frank Moser, Leiter Unternehmens-Qualität bei Porsche, dass QM mehr als das Abtasten des Endprodukts mit weißen Handschuhen ist. Tatsächlich ist QM ein Prozess, der den kompletten Zyklus eines Autos umfasst. Vom Anfang der Konstruktion, über Prototypenentwicklung zur eigentlichen Produktion, bis hin zum After Sales Service. In allen Schritten wird die Qualität der Arbeit beständig überwacht, kontrolliert und wenn nötig weiter verbessert. Dieser Zusammenhang wird schön im folgenden Video dargestellt:

 

Die vier Säulen der Qualität

Laut Moser basiert die Qualität bei Porsche auf 4 Säulen, die alle gleich wichtig sind:

  • Emotionale Qualität
    • Design, Sound, Performance
  • Funktionale Qualität
    • Zuverlässigkeit, Conectivity
  • Anmutungsqualität
    • Haptik, Wertigkeit, Fugenbild
  • Service Qualität
    • Kundenzentrum, Werkstatt

Das Fundament dieser vier Säulen bildet die Konzeptqualität. Das heißt unter anderem, dass man bei Porsche immer den „Joy Of Use“ im Fokus hat. Im Porsche-Werk Leipzig rollen täglich 600 Autos vom Band, also alle 2 Minuten ein Fahrzeug. Schon der kleinste Fehler in irgendeinem der unzähligen Produktionsschritte könnte dementsprechend schwerwiegende Folgen haben.

Schwarzkarosserie

Nach dem Vortrag hatten wir die Gelegenheit uns ein paar ausgewählte Stationen der Qualitätssicherung anzusehen. Alle Stationen des Tages findet ihr im anfangs eingebundenen Video zusammengefasst, welches ihr euch unbedingt anschauen solltet. Im folgenden fasse ich noch mal die Punkte zusammen, die mir persönlich am meisten im Gedächtnis geblieben sind.

Zuallererst haben wir uns den Prozess vom Blech zur Tür angeschaut. So eine Tür kann aufgrund der Geometrie und der verschiedenen Umkantungen und Löcher nicht in einem Durchgang gepresst werden, sondern wird fünf mal nacheinander gepresst. Erst dann ist sie in der richtigen Form. Ein Teil wie die Tür wird natürlich in großen Chargen gefertigt. Ein Fehler der hier übersehen wird, betrifft also nicht nur eine Tür, sondern schlimmstenfalls mehrere tausend.

Aus diesem Grund werden regelmäßig Teile aus der Fertigung genommen und akribisch kontrolliert. Die größte Überraschung an dieser Stelle war für mich, dass hier sehr viel über Fühlen und Abtasten passiert. Mit speziellen Handschuhen wird die Tür abgetastet, abgeschliffen und auf kleinste Unebenheiten hin überprüft.

Das Ergebnis aller Teile wird nochmals in Form einer Schwarzkarosserie geprüft. Sie ist mit den letzten, aktuellen oberflächenrelevanten Innen- und Außenhautteilen aufgebaut und offenbart insbesondere in der Vorserie vor dem Serienanlauf schonungslos jede Abweichung von der vorgegebenen und gewünschten Fertigungsqualität.

Außenmeisterbock

Im späteren Verlauf des Tages hatten wir die Gelegenheit, aus der Fertigung in das Qualitätszentrum zu gehen. Dort war unter anderem der Außenbeisterbock aufgebaut. Erst beim näheren Betrachten merkt man, dass dort eigentlich „nur“ die äußere Hülle auf einem Gestell aufgebaut wurde.

Dies macht man, um die Präzision der Gesamtkarosserie beurteilen zu können. Denn selbst wenn sich jedes einzelne Bauteil innerhalb seiner Fertigungstoleranzen befindet, heißt dies nicht automatisch, dass nach dem ZUsammenfügen aller Teile das Fugenbild und die Bündigkeitsverläufe so sind, wie sich die Designer das gedacht haben. Bei der Prüfung auf dem Außenbeisterbock wird auf 0,2 mm genau geprüft.

Cubing

Für das Cubing sind selbst die 0,2mm noch zu viel Abweichung. Hier wird auf die Nullebene genau gearbeitet.

Das heißt, die Karosserie die ihr auf dem Bild oben seht, besteht nicht aus Blech sondern die Teile wurden aus Vollaluminium-Blöcken herausgefräst. Das Gesamtgewicht des „Wagens“ beträgt so schon mal gerne 5 Tonnen und mehr.

Der Grund für diesen unglaublich hohen Aufwand ist, dass man ein Referenzmodell braucht, an dem Porsche mit seinen Zulieferern überprüfen kann, wie sich deren Teile in den Wagen integrieren und passen. So können ein in der eigenen Sattlerei beledertes Cockpit oder Komponenten wie Scheinwerfer auf Passgenauigkeit, Fugenbild, Optik und Anmutung überprüft werden. Abweichungen lassen sich selbst im Zehntelmillimeterbereich feststellen.

Erweiterte Realität für mehr Qualität

Zum Ende des Tages konnten wir noch einen Blick auf mögliche zukünftige QM-Maßnahmen werfen, die Porsche zur Zeit entwickelt und teilweise auch erprobt.

Sicher ist euch auf den Fotos oder in dem Video aufgefallen, dass auf vielen der Karosserieteile Aufkleber oder Notizen zu sehen sind. Diesen Prozess wird momentan digitalisiert. Das heißt, anstelle von physischen Datenpunkten soll in Zukunft digitale geben. Der große Vorteil ist, dass so noch besser Daten gesammelt und vor allem geteilt werden können. So können zum Beispiel mehrere Abteilungen gleichzeitig auch an verschieden Orten zusammenarbeiten, ohne direkt vor dem Auto stehen zu müssen.

Auf dem Bild oben seht ihr wie mit einem Tablet per Argumented Reality Daten und Anmerkungen zu dem Auto gespeichert werden. Dabei greift die Software im Hintergrund auf den eigentlichen CAD-Plan zu. Die Software mit dem Tablet geht jetzt in eine Pilotphase und wenn sich das Ganze bewährt, wird es in der Fertigung komplett ausgerollt.

Im frühen Konzeptstadium ist die Idee die Hololens für die Montage zu nutzen, wobei das vorbereitete Beispiel sehr interessant war. Eine auf den Motor zu montierende Leitung wurde beim Blick durch die Hololens markiert und die wichtigen Arbeitsschritte mit einer kurzen Anweisung als Information darüber gelegt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Technologie für AR-Anwendungen noch günstiger wird, so dass wir diese Technik wirklich auf den Produktionslinien sehen werden. Vor allem, weil mit der AR Anwendung auf dem Tablet ja bereits der Grundstein dafür gelegt wird.

Fazit Porsche Qualitäts Workshop

Ich habe jetzt nur meine vier persönlichen Highlights an diesem Tag herausgepickt. Sehr spannend war auch die Qualitätsfahrt, die mit jedem Wagen der das Werk verlässt, durchgeführt wird. Hiervon gibt es noch mal ein komplettes OneTake Video und ihr könnt wenn ihr wollt es euch anschauen und die fahrt dich ich gemacht hab 1:1 miterleben

Alles in allem war der Porsche Qualitäts Workshop für mich ein super spannender Tag. Besonders weil ich das Gefühl hatte, einen echten Blick in das Unternehmen werfen zu können und dabei noch ganz nebenbei die Kamera auf alles drauf zu halten. Ob Porsche der Nimbus der deutschen Automobilindustrie / Ingenieurskunst ist kann ich mit letzter Gewissheit nicht sagen, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass der Prozess des Qualitätsmanagments noch viel besser gestaltet werden kann.

mittwald

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Mark Kreuzer

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