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Peter Mestel: „Facebook wurde zum Handeln gezwungen“

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(Foto: Pixabay.com / Simon)
geschrieben von Christian Erxleben

Durch die radikale Beschränkung von zahlreichen Schnittstellen hat Facebook kürzlich zahlreiche Entwickler und Unternehmen schockiert. Im Interview mit uns erläutert Social-Media-Experte Peter Mestel die Gründe und Konsequenzen des Schritts.

Wenn Facebook Veränderungen an seinen Schnittstellen (API) vornimmt, gibt es in der Regel eine Vorlaufzeit für Tool-Anbieter. Warum es beim jüngsten API-Cut nicht so war, welche Konsequenzen das für Unternehmen hat und wie sich die Situation weiterentwickelt, erklärt Peter Mestel im Interview ausführlich. Er arbeitet als Head of Social Media bei der Nürnberger Digital-Agentur User Centered Strategy.

Peter Mestel

Peter Mestel, Head of Social Media der Nürnberger Digital-Agentur User Centered Strategy.

BASIC thinking: Peter, Facebook und Instagram haben ihre API stark eingeschränkt. Was bedeutet das für Unternehmen?

Peter Mestel: Im Moment ist die Situation noch relativ unübersichtlich. Sämtliche Facebook-Partner und Tool-Anbieter wurden von dem radikalen Schritt ziemlich überrascht. Das hat in der vergangenen Woche sicherlich zu einigen spontanen Krisenmeetings geführt.

Solche Veränderungen an der API werden normalerweise mit dem Vorlauf von einigen Monaten kommuniziert, sodass die Entwickler ihre Anwendungen anpassen können. Das letzte große Feature-Roll-out liegt erst einige Tage zurück.

Die kurze Release-Zeit zwischen zwei Updates legt die Vermutung nahe, dass Facebook durch die aktuellen Ereignisse rund um Cambridge Analytica doch stark in Bedrängnis geraten ist und zum Handeln gezwungen war.

Hast du aktuell mit Einschränkungen zu kämpfen?

Bei den Tools, die wir bei unseren Kunden einsetzen, gibt es im laufenden Betrieb nur geringe Einschränkungen, die eigentlich auch nur im Monitoring beziehungsweise der Mitbewerber-Analyse greifen. Der gesamte redaktionelle Bereich, das Community-Management oder auch die Steuerung von Anzeigen laufen bisher einwandfrei.

Kritischer ist es in den Bereichen, in denen gerade neu entwickelt. Facebook akzeptiert vorerst keine Neuanmeldungen für den Review-Prozess neuer Anwendungen. Dazu gehören unter anderem auch Chatbots.

Dadurch dürften einige Projekte mächtig im Zeitplan zurückfallen. Mit Blick auf den Beginn der Fußball-WM in rund acht Wochen, kann ich mir vorstellen, dass einige große Marken – und damit auch die Budgets – jetzt noch mal in die interne Überprüfung gehen.

Tools wie Socialblade, Brandwatch, Influencer DB und Deep Social funktionieren ganz oder teilweise nicht mehr. Andere hingegen schon. Worin unterscheiden sie sich?

Die Anbieter von Lösungen rund um Benchmarking und Social-Media-Monitoring sind von den Einschränkungen der API am stärksten betroffen. Das liegt daran, dass Funktionen eingestellt wurden, mit denen man Informationen über einzelne Nutzer gesammelt hat.

Die großen Monitoring-Lösungen wie Brandwatch, Talkwalker, Radaraly – um nur einige zu nennen – bekommen weiterhin einen Großteil der Daten für die Analyse der direkt verbundenen Kunden-Accounts.

Schwierig wird es insbesondere auf Instagram. Daten wie die Followerzahl eines Fremd-Accounts können die Entwickler nicht mehr abgefragen. Speziell im professionellen Influencer Marketing eigentlich eine Katastrophe.

Dramatisch dürfte es für die ganzen kleinen Helferlein werden, deren Geschäftsmodell darin besteht, die Followerzahl von möglichst vielen Accounts zu sammeln und diese „Historie“ dann anzubieten.

Hier wird die Einschränkung der API sicher ein paar dieser Tools vom Markt fegen. Hinzu kommt, dass viele eh schon die Tendenz hatten, im Graubereich der Nutzungsbedingungen der APIs zu agieren.

Die betroffenen Unternehmen verlauten zum Teil öffentlich, dass sie nichts von Instagram hören. Meinst du, dass Instagram und Facebook in diesem Punkt zurückrudern?

Man kann hier nur spekulieren, aber im Moment brennt es bei Facebook an mehreren Ecken. Bei den Publishern und Werbungtreibenden herrscht große Unsicherheit im Bezug auf die DSGVO, bei den Nutzern gerät die Plattform wegen des Cambridge-Analytica-Skandals in Bedrängnis.

Für alle Publisher und Werbungtreibenden sollte eigentlich sowieso klar sein, dass ab dem 25. Mai 2018 – des ersten Gültigkeitstages der neuen europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) – vieles anders sein wird.

Für Facebook ist der jetzt erfolgte radikale Einschnitt sinnvoll, da es damit problematische Bereiche beim Datenzugriff eliminiert.

Und wie steht es um die Nutzer?

Aus Sicht der Nutzer ist der verbesserte Schutz von persönlichen Daten durch die Einschränkung des Zugriffs ebenfalls wünschenswert. Zusammen mit den umfangreichen Änderungen, die Facebook beim Datenschutz im Zuge der DSGVO sowieso in der Schublade hatte, besteht hier die Chance auch bei den Nutzern Vertrauen zurückzugewinnen.

Mit großer Wahrscheinlichkeit werden die Standards der DSGVO – die ja eigentlich nur europäische Nutzer betreffen – von Facebook zukünftig global angewendet.

War es das oder erwartest du noch weitere Maßnahmen?

Ich denke spätestens zur Facebook Developers Conference am 1. Mai 2018 wird sich zeigen, wie die API künftig aussehen wird. Themen wie Messenger und Stories, eigene Hardware wie zum Beispiel Oculus oder vielleicht sogar ein eigener Sprachassistent, werden in Zukunft im Fokus von Facebook stehen.

Hier liegen die eigentlichen Herausforderungen – für Facebook aber genauso für die App-Entwickler, Publisher und Werbetreibende.

Vielen Dank für das Gespräch, Peter!

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Über den Autor

Christian Erxleben

Christian Erxleben ist seit Ende 2017 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Ressortleiter Social Media und Head of Social Media bei BASIC thinking tätig. Sein Weg zu BASIC thinking führte über die Nürnberger Nachrichten, Focus Online und die INTERNET WORLD Business. Beruflich und privat liebt und lebt er Social Media.

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