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Partnersuche: Neue Dating-App will Erbkrankheiten per Algorithmus ausrotten

Paar, Liebe, Romantik, Gefühle
Sollten Paare sich erst nach einem Anlagen-Screening kennenlernen? (Foto: Pixabay.com / Pana Kutlumpasis)
geschrieben von Marinela Potor

Ein Genetik-Forscher aus den USA will verhindern, dass Eltern Erbkrankheiten an ihre Kinder weitergeben. Dazu hat er eine Gen-App zur Partnersuche entwickelt.

Wie hast du herausgefunden, ob dein Partner der Richtige für dich ist? Hat die Wellenlänge von Anfang an gestimmt? Habt ihr ähnliche Interessen? Habt ihr die gleiche Vorstellung von einem gemeinsamen Leben und der Zukunft?

Nach solchen Kriterien wählen die meisten während der Partnersuche den Menschen an ihrer Seite aus. Was du mit deinem Partner aber sicherlich nicht abgeglichen hast: eure Gene.


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Das ist nach Meinung des Harvard-Genetikers George Church ein Fehler, insbesondere, wenn es irgendwann um Nachwuchs geht. Denn wenn bestimmte Erbveranlagungen zusammenkommen, könnten die Kinder damit gefährdet sein.

Darum hat er eine Dating-App entwickelt, bei der bereits vor der ersten Kontaktaufnahme das genetische Material der Nutzer abgeglichen wird. Paare, die daraufhin ein erhöhtes Risiko an bestimmten Erbkrankheiten aufzeigen, würden sich so nie kennenlernen.

Partnersuche nach Genen kann Leben retten

Die Idee dahinter ist: Wenn sich diese Menschen nie kennenlernen, kann man schwerwiegende Erbkrankheiten von vorneherein ausschließen.

Würde man das auf die gesamte Weltbevölkerung übertragen, sagt Church, könnte man so langfristig 7.000 Erbkrankheiten ausrotten und noch dazu – was Regierungen und Krankenversicherungen sicherlich interessiert – rund drei Billionen US-Dollar pro Jahr sparen.

Church stellt sich das bei seiner Dating-App folgendermaßen vor.

Jeder Nutzer, der die Partnersuche in Anspruch nehmen will, muss vorab einen DNA-Test durchführen. Diesen schicken Nutzer dann an das Unternehmen. Der Nutzer selbst erfährt seine Ergebnisse nicht und auch für das Unternehmen sind sie anonymisiert. Lediglich der Matching-Algorithmus kennt die Erbanlagen.

Diese Information bezieht er schließlich bei der Partnersuche mit ein, wie auch andere Parameter wie Interessen oder Wohnort. Stellt der Algorithmus fest, dass zwei Nutzer aufgrund ihrer DNA ein erhöhtes Risiko aufzeigen eine Erbkrankheit weiterzugeben, werden sie einander gar nicht erst vorgestellt – selbst wenn alles andere ideal sein sollte.

Church schätzt, dass Nutzern dadurch lediglich drei Prozent der potenziellen Partner entgehen.

Erbkrankheiten unter bestimmten Gruppen großes Problem

Das klingt natürlich denkbar unromantisch. Als Nutzer würde man aber gar nicht mitbekommen, dass man eine bestimmte Person nicht kennengelernt hat. Unwissen ist in dem Fall wahrscheinlich angenehmer als erst bei der Schwangerschaft festzustellen, dass das Baby eine schwerwiegende Erbkrankheit haben könnte.

In einigen Regionen wird so etwas Ähnliches tatsächlich schon praktiziert. Das nennt sich Anlagen-Screening. Dabei testen Partner ihre DNA, um die Wahrscheinlichkeit einer bestimmten Erbkrankheit für potenziellen Nachwuchs zu ermitteln.

Das liegt daran, dass bestimmte Gruppen eigentlich rezessive Erbkrankheiten aus verschiedenen Gründen besonders häufig weitergeben. Beispiele dafür sind etwa das Lynch-Syndrom in Finnland, eine erbliche Darmkrebsform, oder auch die Beta-Thalässämie in Zypern, die unbehandelt tödlich endet.

Eine von sieben Personen in Zypern ist Träger der Krankheit und eins von 158 Neugeborenen erkrankt daran. Man kann die Krankheit zwar behandeln. Das ist aber teuer und erfordert zudem Bluttransfusionen. Ohne Prävention würde sich der Anteil der Bevölkerung mit der Krankheit in acht Jahren verdoppeln, schätzt die Bundeszentrale für Politische Bildung.

Darum gibt es in Zypern ein vierstufiges Präventionsprogramm. Dazu gehört ein verpflichtendes genetisches Screening vor der Ehe. Die Kirche führt nur dann Trauungen durch, wenn eine Bescheinigung vorliegt, dass das Paar das Screening durchgeführt hat – unabhängig vom Ergebnis.

Die Entscheidung, ob ein Paar, bei dem beide Partner Träger sind, dann doch heiraten oder Kinder haben möchte, bleibt aber bei den Partnern.

Bei der Dating-App von George Church soll es aber gar nicht erst so weit kommen, weil „Risiko-Kandidaten“ sich gar nicht erst kennenlernen würden. Das erspart Eltern möglicherweise die schwierige Entscheidung einer Abtreibung.

Kritik an Partnersuche per DNA

Dazu muss man erwähnen, dass Church seine Gen-Partnersuche auf Krankheiten beschränkt, die nur durch ein einziges Gen hervorgerufen werden und sich nur dann manifestieren, wenn zwei Anlagenträger – also Mutter und Vater – aufeinandertreffen.

Auch hier ist aber nicht sicher, ob das Kind tatsächlich erkrankt. Die Wahrscheinlichkeit einer Vererbung liegt hier bei 25 Prozent.

Hier setzt auch die Kritik an der Dating-App von Church an. Denn von vielen Erbkrankheiten weiß man zu wenig, um den exakten Verlauf vorhersagen zu können. Zudem würde bei der Gen-Partnersuche von Church nicht nur eine spezifische Erbkrankheit, wie etwa in Zypern, gescreent werden, sondern gleich hunderte.

Und spätestens hier wird es dann mit konkreten Prognosen sehr schwierig. Denn bei einigen Bevölkerungsgruppen weiß man gar nicht so genau, wie oft bestimmte Erbkrankheiten vorkommen und in welchem Fall Krankheiten gar nicht vererbt werden, sondern neu entstehen.

Selbst wenn ein Paar bei der Partnersuche diese genetische Methode nutzen möchte, kann das Anlagen-Screening nicht sicher sagen, ob das Paar selbst nach einem positiven Match nicht doch gewisse Krankheiten an seine Kinder weitergibt.

Menschen sind nicht perfekt

In vielen Ländern wäre ein derartiges Anlagen-Screening auch gar nicht erlaubt – oder nur mit hohen medizinischen Auflagen. Darüber hinaus gibt es natürlich auch viele ethische Fragen.

Wer entscheidet, was eine schwerwiegende Erbkrankheit ist? Und sollten wir wirklich derart über Leben und Tod entscheiden? Die Gen-Partnersuche klingt auch stark nach einem Baby aus dem Reagenzglas, auch wenn Church explizit betont, dass er das nicht meint.

Das sollte er besonders gut verstehen. Schließlich leidet Church selbst unter der Erbkrankheit Narkolepsie, die umgangssprachlich als „Schlafkrankheit“ bekannt ist.

Diese sorgt auch bei Church dafür, dass er in den seltsamsten Momenten einschläft und wieder aufwacht. Doch genau in dieser halbwachen Phase hat er angeblich auch seine besten Ideen und Inspirationen.

So sagt Church auch sehr deutlich: „Ich würde hoffen, dass die Gesellschaft den Vorteil von Vielfältigkeit sieht, nicht nur in unseren Vorfahren, sondern auch in unseren Fähigkeiten. Es gibt keine perfekte Person.“

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin mit einer Leidenschaft für alles, was mobil ist. Sie selbst pendelt regelmäßig vorwiegend zwischen Europa, Südamerika und den USA hin und her und berichtet über Mobilitäts- und Technologietrends aus der ganzen Welt. Seit 2016 ist sie Chefredakteurin von Mobility Mag.

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