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Wie Twitter versucht, wieder die Kontrolle über die eigene Plattform zu erhalten

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Mit zahlreichen kleinen Maßnahmen versucht Twitter die Kontrolle über das eigene Netzwerk zurückzuerlangen. (Foto: Pixabay.com / geralt)
geschrieben von Christian Erxleben

Desinformation auf Twitter: Dieses Problem ist in den letzten Monaten und Jahren immer größer geworden. Deshalb kämpft das Netzwerk mit zahlreichen Maßnahmen und Features gegen die Verbreitung von Falsch-Informationen. Ein einordnender Überblick.

Was vor 30 Jahren noch kaum vorstellbar war, ist heute Realität: Milliarden Menschen aus allen Regionen und Ländern der Welt verbinden sich über das Internet und vor allem soziale Netzwerke miteinander. Somit erschaffen sie auf globaler Ebene neue Geschäftsmodelle und verändern die komplette Wertschöpfungskette.

Das Dilemma: Meinungsfreiheit vs. Kontrolle

Doch schon seit einigen Jahren werden Facebook, Twitter und Co. von ihrer Vergangenheit eingeholt. Insbesondere im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens ging es den sozialen Netzwerken primär darum zu wachsen.


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Neue Nutzer wurden sprichwörtlich mit offenen Armen empfangen und Aktivität in Form von Posts, Kommentaren oder sogar Seiten wurde mit Reichweite und Aufmerksamkeit belohnt.

Wenn es dabei in Beiträgen oder kompletten Gruppen zu Desinformation auf Twitter und Co. gekommen ist, haben sich die Geschäftsführer der sozialen Netzwerke und Plattformen lange Zeit zurückgehalten.

Das Löschen von Beiträgen, Seiten oder Gruppen war über Jahre hinweg nur nach öffentlichen Diskussionen der Fall. In der Regel wurde das Argument der freien Meinungsäußerung als Grund angeführt, warum auch rassistische oder diskriminierende Beiträge auf den Plattformen bleiben durften.

Die Filterblasen-Effekte und die gefährlichen Reichweitenkanäle

Selbstverständlich ist es absolut richtig, dass soziale Netzwerke die Meinungsfreiheit respektieren. Unterdrückung oder das Verhindern von Austausch ist stets gefährlich. Außerdem lebt unsere Demokratie von öffentlichen Diskussionen. Nicht umsonst ist die Meinungsfreiheit im Grundgesetz verankert.

Das Problem ist nur, dass die jahrelange Arglosigkeit der sozialen Netzwerke dafür gesorgt hat, dass sich zahlreiche Nutzer in einer Filterblase befinden. Das heißt: Aufgrund ihrer Interaktionen sehen sie nur noch jene Inhalte, die ihre Meinung sowieso unterstützen.

Wer beispielsweise an eine Chip-Impfung durch Bill Gates glaubt, entsprechende Beiträge kommentiert und Likes verteilt, bekommt dazu von Twitter, Facebook und Co. die entsprechenden Gruppen und Seiten vorgeschlagen.

Dadurch wiederum sind über die Jahre auch große Kanäle entstanden, die eine gigantische Reichweite und somit viel Einfluss auf die Gesellschaft haben. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist die QAnon-Gruppierung.

Desinformation auf Twitter: Der harte Kampf um die Kontrolle

Spätestens seit dem US-Wahlkampf 2016, der unter dem Verdacht der russischen Einflussnahme stand, rückt die Arbeit der sozialen Netzwerke in den Vordergrund. Sowohl die Politik als auch die Öffentlichkeit verfolgen mit Nachdruck, ob es Fortschritte bei der Bekämpfung von Fake News gibt.

Desinformation auf Twitter und Co. ist also zur Bedrohung des Geschäftsmodells der sozialen Netzwerke geworden. Gelingt es Mark Zuckerberg, Jack Dorsey und Co. nicht, die eigenen Plattformen unter Kontrolle zu bringen, droht ihnen womöglich die Zerschlagung durch die Politik.

Im Einzelnen fallen die Maßnahmen der Plattform nicht sonderlich auf. Wenn man jedoch einen gesamtheitlichen Blick auf den Aspekt wirft, zeigt sich, dass beispielsweise Twitter viele kleine Schritte unternommen hat, um die Kontrolle über die eigene Plattform zurückzuerlangen.

1. Twitter verschärft Prüfung von Bots

Eine Maßnahme aus dem Frühjahr 2020 betrifft Bot-Netzwerke. Diese sorgen automatisiert dafür, dass Desinformation auf Twitter innerhalb weniger Sekunden unzählige Male geteilt und geliked wird.

Deshalb hat Twitter seine Entwickler-Richtlinien aktualisiert. Bot-Accounts müssen bei der Registrierung klar als solche gekennzeichnet werden. Sie sind außerdem nur dann erlaubt, wenn sie hilfreiche Ziele verfolgen. Das gilt beispielsweise für Erdbeben- oder Unwetter-Warnungen.

Der erste Schritt besteht also darin, die Automatisierung auf der eigenen Plattform einzudämmen.

2. Twitter erweitert Melde-Möglichkeiten

Wenn ein Tweet gezielt Falschinformationen verbreitet, bemerken das viele Nutzer. Das Problem daran: Insbesondere auf Twitter war das Melden von Beiträgen oftmals mit rechtlichen Paragrafen verbunden. Im Zweifelsfall hat man einen Tweet eher nicht gemeldet.

Deshalb hat die Plattform in den letzten Monaten stark daran gearbeitet, das Melden zu erleichtern.

In die gleiche Richtung zielt derweil die Diskussion um die Einführung eines Downvote- oder Dislike-Buttons. Er soll die Möglichkeit bieten, Falschinformationen durch entsprechende Reaktionen klarer zu kennzeichnen.

Schließlich gibt es bislang ausschließlich die Möglichkeit, Beiträge mit einem Herz zu versehen oder zu kommentieren. Die Kommentare sind jedoch eher unübersichtlich gestaltet und werden vor dem Retweet selten gelesen.

3. Twitter erschwert Retweets und blendet Banner ein

Die nächsten Maßnahmen dienen der Eindämmung der Verbreitung von Falschinformationen. Wer Desinformation auf Twitter teilen möchte, sieht seit Herbst 2020 mehrere Hinweise.

So fragt Twitter seine Nutzer beispielsweise, ob sie den geteilten Artikel wirklich gelesen haben. In der zweiten Stufe verlangt Twitter dann optional einen Kommentar zum Retweet, wodurch eine Einordnung möglich sein soll. Allerdings ist es möglich, das entsprechende Feld leer zu lassen.

Ebenso versieht Twitter seit kurzer Zeit Tweets mit Falschinformationen mit einem entsprechenden Hinweis. Zudem erscheint vor dem Teilen ein Pop-up-Fenster, das den Nutzer darauf hinweist, dass es sich beim geteilten Tweet um eine politische Falschinformation handelt.

Auf dem Twitter-Account von Donald Trump lässt sich das derzeit sehr gut beobachten.

4. Twitter überarbeitet Werberichtlinien

Doch nicht nur mit organischer Reichweite können Accounts Desinformation auf Twitter betreiben. Auch mit Hilfe von großen Werbe-Budgets und Anzeigen-Kampagnen lassen sich gezielt falsche Informationen verbreiten.

In der Corona-Krise betrifft das beispielsweise Werbung für überteuerte oder vollkommen wirkungsfreie Medikamente. Deshalb sind die sozialen Netzwerke dazu übergegangen, die Werbeoptionen mit Blick auf die Themen Gesundheit und Politik massiv einzuschränken.

Fazit zur Desinformation auf Twitter

Ein Blick auf die Maßnahmen von Twitter zeigt: Das soziale Netzwerk ist sich in der Zwischenzeit durchaus seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst. Das zeigt sich auf daran, dass es noch zahlreiche weitere Schritte gibt.

So löscht Twitter in regelmäßigen Abständen Hunderttausende Accounts und Beiträge und auch die Verifizierung von Profilen wird derzeit überarbeitet. Im Jahr 2021 soll es für den „blauen Haken“ ein neues Konzept geben.

Nichtsdestotrotz ist es schwierig, die Folgen der jahrelangen Inaktivität in kurzer Zeit zu beheben. Letztendlich ist es für den Erfolg mitentscheidend, dass Wachstum und Umsatz um jeden Preis nicht mehr das höchste Gut für soziale Netzwerke sein darf.

Wer Rassismus und Diskriminierung für Profit erlaubt, hat keine gesellschaftliche Berechtigung. Deshalb ist der Kampf gegen Desinformation auf Twitter auch so wichtig. Klar ist auch: Weitere Maßnahmen müssen folgen, um die bisherigen Erfolge dauerhaft zu etablieren.

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Über den Autor

Christian Erxleben

Christian Erxleben ist seit Ende 2017 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Ressortleiter Social Media und Head of Social Media bei BASIC thinking tätig. Durch seine Arbeit im Social-Media- und Marketing-Ressort der INTERNET WORLD Business, am Newsdesk von Focus Online und durch sein Journalismus-Studium sowie sein redaktionelles Volontariat hat er in den Bereichen der Redaktion und des Social Media Managements mehrjährige, fundierte Erfahrung gesammelt. Beruflich und privat beschäftigt er sich mit Social Media, New-Work-Konzepten und persönlicher Entwicklung.

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